Zu schön, um gut zu sein. Rezension zu Sigur Rós Album „Valtari“
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Zu schön, um gut zu sein. Rezension zu Sigur Rós Album „Valtari“

„Voltari“ heißt das neue Album von den isländischen Post-Rockern Sigúr Ros. Und bei dem Titel muss man unweigerlich an Voltaren denken. Ein dickes, zähflüssiges, schmerzlinderndes und betäubendes Gel. Und genau so ist das Album auch geworden.

Ich bin zu träge zum Nachschauen (und das mag an der Musik liegen), aber ich bin sicher es gibt sie: Die isländische Sage vom infernalischen Höllentor, das den Sündiger in einen Weiher katapultiert und dazu verdammt, für den Rest der Ewigkeit auf eine Felswand zu starren und sich dabei die Klänge von Sigur Rós anzuhören. Nein, die Hölle wird kein purgatorisches Flammenmeer sein. Sie ist einfach der allerlangweiligste Ort, den man sich vorstellen kann.

Da steht er nun, der Verdammte in diesem knietiefen Tümpel irgendwo in der isländischen Landschaft, sabbert ein wenig gedankenverloren und immer wieder wegdämmernd dahin und starrt auf eine nichtssagende Felswand. Irgendwo fiept ein Vogel und der Gelangweilte wischt sich die Sabber mit dem Handrücken vom Kinn, dann kullern die Augen wieder in Richtung efeubewachsene Wand.

Zähflüssiger Sound © BirgitH / PIXELIO

„Voltari“ heißt das neue Album von den isländischen Post-Rockern Sigúr Ros. Und bei dem Titel muss man unweigerlich an Voltaren denken. Ein dickes, zähflüssiges, schmerzlinderndes und betäubendes Gel. Und genau so ist das Album auch geworden. Ein verträumter, dickflüssiger Batzen Langeweile, der unnötig vor sich wabert und dabei so schön sein will, dass man ihm bei jeder Heureka-Geste einen Satz heiße Ohren verpassen möchte.

Bis zur Unkenntlichkeit mit Effekten beladen und in sich verschmolzen schiebt sich ihr warmer Klang, der im Grunde aus Gitarre, Bass und Schlagzeug besteht, über ein emotional brachliegendes Feld und bescheint dabei, leicht flirrend und schimmernd das Gemüt.

Man stelle sich diesen Kitsch mal vor: Musik für fein herausgeputzte Engelchen in weißen Kostümchen, die flatternd über begrünte Hügelwiesen emporschweben, hoch hinauf zur goldenen Himmelspforte und dabei in einer Fantasiesprache singen, die allen Ernstes vonlenska („hoffnungsländisch“) genannt wird.

Stark gehypt und in früheren Jahren ehrfürchtig bewundert, machen Sigur Rós nun schon seit 18 Jahren Musik. Aus Reykjavík stammend haben die Herren um Jón Þór Birgisson mit ihren melancholischen, ätherischen Klängen weltweites Ansehen erlangt und tourten schon bald mit den Rock-Pionieren Radiohead durch die USA.

Aber es ist Musik, bei der der grafische Equalizer des Media Players ebenso wenig ausschlägt wie die persönliche Ergriffenheit. Musik, so aufregend wie aufgeweichte Cornflakes in lauwarmer Milch. Oder so spannend ist wie Busreisen für Rentner, so relevant wie Kreuzworträtsel in Klatschzeitschriften, so glaubwürdig wie ein Sektenführer, der meint, sich auf seiner Insel nur von Licht ernähren zu müssen.

Vielleicht mag der eine oder andere genau das zu schätzen wissen. Diese entschleunigte Unaufgeregtheit, das weltabgewandte zähe und belanglose Dahinfließen traumhafter Klangkörper. Aber ihre Songs setzen keine Kontraste, zeigen keine inneren Konfliktlinien, sondern schlendern ein wenig vertrottelt und naiv umher.

Autor: Matthias Jessen

Hörproben:

> Song „Ekki múkk“
> Song „Dauðalogn“

Bildquelle: www.pixelio.de

3. Juni 2012

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