Wer hat Angst vor MainstreamerInnen?
Titelblatt, Was Uns Bewegt

Wer hat Angst vor MainstreamerInnen?

Fuck Gender Stereotypes / (CC) Lisa Norwood
Fuck Gender Stereotypes / (CC) Lisa Norwood

Wenn man dem Deutschlandradio Kultur glauben kann, dann Kerstin Hensel, Autorin und „Poetik-Professorin“. Die Hüterin der deutschen Sprachkultur zeigt sich erschüttert im Angesichte des gar unzumutbaren Gender-Mainstreamings, dass man der Gesellschaft und auch ihr aufzuzwingen versuche. Dabei hat sie doch sogar Freunde, die homosexuell sind – was immer das auch damit zu tun hat.

Kerstin Hensel / (C) Susanne Schleyer
Kerstin Hensel / (C) Susanne Schleyer

Frau Hensel (die sicher sehr viel Wert darauf legt, dass man sie auch klar und deutlich als Frau bezeichnet) spricht in ihrem Artikel viele Dinge an, die eigentlich nur zeigen, dass sie sich kaum bis gar nicht mit der Gender- und Queerbewegung auseinandergesetzt hat und das ihr Bild von Gleichberechtigung auf den Grundideen eines 30 Jahre alten Feminismus beruht, der so längst nicht mehr haltbar ist. Wahllos wettert sie nicht nur gegen die bösen Menschen, die ihr den Titel Frau wegnehmen wollen, sondern auch gegen Veganer, Sprachsäuberer, Anti-Aufklärer und wen auch immer sie noch unter den schönen Begriff „Entsagungs-Fanatiker“ packen möchte. Das ist aber okay, immerhin lebt sie ja unter Menschen „die unterschiedlicher nicht sein können“ und akzeptiert diese, obwohl sie so „unnormal“ sind.

Hier offenbart sich bereits der grundlegende Denkfehler der Autorin. Während die Gender- und Queerbewegung sich verzweifelt darum bemüht alle Menschen als Menschen wahrzunehmen, ohne sie in Kategorien jedweder Art zu pressen (übrigens auch in Bezug auf Ethnie oder sexuelle Orientierung), wird Hensel nicht müde in Dualismen zu argumentieren. „Hell- und Dunkelhäutige“, „Hermen und Heten“, „Säufern und Saubermännern“. Ihr ist wichtig, dass das Bizarre akzeptiert wird, weil es nicht das Normale sei. Doch bereits die Annahme, dass etwas „Normales“ überhaupt in Reinform existiere und jede Andersartigkeit eine Form von glitzerndem Paradiesvogeldasein bedeute, das nur aus seiner bezaubernden Freakigkeit heraus eine Daseinsberechtigung genießt, ist schlichtweg diskriminierend.

Wer es bisher noch nicht gemerkt hat: ich gehöre zu dem kriegerischen „Amazonenheer“, vor dem Hensel uns zu warnen versucht. Sie wirft den Befürwortern der Gender- und Queerbewegung vor, einer „radikalen“ Ideologie anzuhängen, die Hensels eigene Freunde-Sammlung aus Freaks, Punks und Paradisvögeln doch tatsächlich einfach nur zu Menschen machen will. Wir sollten uns was schämen! Allein dafür, dass Hensel den Versuch der Gender- und Queerbewegung, Gleichheit und Freiheit für alle zu ermöglichen (wie auch immer sie sich selbst sehen und definieren oder eben auch nicht definieren möchten), als Angriff auf die wunderbare Vielfalt in unserer Gesellschaft versteht, lässt mich im Strahl kotzen. Wenn mir die Sprache fehlt, um auszudrücken, wer ich bin, weil meine Gesellschaft nur in zwei Kategorien denkt, von denen ich mich zu keiner zugehörig fühle, ist das dann nicht viel eher eine Unterdrückung von Vielfalt und Freiheit? Wer das nicht versteht, zeigt nur, dass er nicht von dem Problem betroffen ist und deswegen einfach nicht mitreden kann – Sorry, Frau Hensel!

Der Höhepunkt jedoch, für mich ganz persönlich, ist ihre Erklärung zum bereits herbeigeführten Ende des Patriarchats – zumindest verstehe ich das so, wenn sie behauptet „der Feminismus hat sein Hauptwerk getan“. Dass diese Feststellung schlichtweg Blödsinn ist, sollte sie eigentlich wissen, wenn ihr die Zusatzbezeichnung „Frau“ so unheimlich wichtig ist. Übrigens hat auch die Bewegung für die Rechte der Homo- und Transsexuellen laut Hensel jetzt Feierabend: „Gab es für Homo- und Transsexuelle jemals so viel Verständnis?“ Ja, Homosexuelle müssen heute (in Deutschland) nicht mehr fürchten für ihre Liebe ins Gefängnis zu gehen, aber das heißt noch lange nicht, dass sie nicht ständigen Anfeindungen und Diskriminierungen ausgesetzt wären.

Vielleicht sehe ich das aber auch alles falsch, als verwöhntes und verwirrtes Wohlstandskind. Wahllos liebe ich von Mensch zu Mensch, nicht weil mich die Geschichte und die Eigenschaften eines Menschen mehr interessieren als die Anrede in seinem Briefkopf, sondern vor lauter Angst vor dem Normalo-Dasein. Ja, in der Tat liebe Frau Hensel, ich habe Angst davor normal zu sein. Normale Menschen denken nämlich gern, dass ihre Art zu leben das Standardmodell ist und alle, die davon abweichen, seien eben „unnormal“, Launen der Natur, noch nicht bereit ihre eigene Verwirrung zu erkennen oder einfach ganz verrückte Typen. Ich hasse das Wort normal. Es suggeriert, dass es eine richtige und eine falsche Art zu leben gibt und dass es erstrebenswert wäre nach den Regeln zu spielen oder sich bewusst außerhalb dieser zu positionieren.

University of Bristol LGBT+ Society
University of Bristol LGBT+ Society

Ich sage, schafft die Regeln ab! Scheiß drauf, ob ProfessorInnen sich persönlich beleidigt fühlen, weil wir sie zwingen uns als StudentInnen anzusprechen und sich einzugestehen, dass die meisten Dramatiker und Dichter tatsächlich Sexisten sind. Hören Sie doch einfach auf uns zu sagen, wer wir sind und warum wir falsch liegen mit unserem Bedürfnis nach der Freiheit, zu leben, wie und als wer wir eben wollen und wir versprechen im Gegenzug keinen Bürgerkrieg anzuzetteln. Die Gesellschaft spalten nämlich nicht wir, sondern Sie, wenn sie in Ihren bescheuerten Dualismen denken.

 Mit besten Grüßen,
eine Amazone

Autorin: Anna Christin Koch

31. Juli 2015

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4 COMMENTS ON THIS POST To “Wer hat Angst vor MainstreamerInnen?”

  1. Danke für diese gute Erwiderung auf Frau Hensels furchtbaren Beitrag, der lauter wilde Behauptungen aufstellt, um das Nachdenken über Gender-Problematiken als radikale Ideologie zu diskreditieren, sich aber tatsächlich nicht im mindesten mit dem Themenkomplex befasst, sondern lieber reflexartig ein durch das „Amazonenheer“ verursachtes Untergangsszenario ausmalt, um die konservative Angst vor Veränderung und vor dem Anderssein (welches sie doch angeblich begrüßt, gleichzeitig aber völlige Ignoranz gegenüber den Lebensrealitäten der „Anderen“ zelebriert) weiterzuvermitteln.

    Ganz besonders toll finde ich ja diesen Satz: „Mit Verlaub: Gab es für Homo- und Transsexuelle jemals so viel Verständnis?“, der also quasi die Homo- und Transsexuellen zufriedenstellen soll, denn hey – so viel Verständnis gab’s noch nie, was wollt ihr denn noch, hm? Ich frage mich dabei, in welcher Welt Frau Hensel lebt, denn vor allem Transsexuelle stoßen sicherlich nicht auf „so viel“ Verständnis, wie Frau Hensel es glauben machen will. Es ist unverantwortlich, geradezu widerlich, dieses Thema mal eben beiseite zu wischen, wenn sich die deutsche Gesellschaft so gut wie gar nicht damit beschäftigt, nicht versucht zu verstehen und zu akzeptieren, während viele Transsexuelle sich das Leben nehmen oder es versuchen oder Opfer von Gewalt werden.

    Frau Hensel baut lauter Strohmänner auf, stellt irgendwelche Thesen der imaginierten Gegenseite in den Raum, um diese als absurd, abwegig und zensierend darzustellen, ohne sich überhaupt Gedanken über die Hintergründe zu machen: „Frau“ und „Mann“ sollen nicht mehr benutzt werden dürfen; alles soll einförmig, gleich gemacht werden; die sind ja bloß humorlos und versuchen Frau Hensel in Deskredit zu bringen, indem sie auf ihre Sozialisation in Ostdeutschland und ihre Heterosexualität zielen. Es geht ihr scheinbar nicht um eine Auseinandersetzung mit dem Thema Gender, sondern eher um persönliche Frustration gegenüber einzelnen Individuen. Oder wie?

    Lustig auch ihr Versuch, ein wenig an den von ihr genannten „Wohlstandskindern“ herumzupsychologisieren und eine Deutungshoheit zu propagieren, die durch nichts und gar nichts legitimiert ist. Das scheint sowieso die Voraussetzung derjeniger zu sein, die ignorant über die „Gender-Ideologie“ wettern: nicht betroffen sein, keine Gedanken drüber gemacht, aber Hauptsache Ablehnung.

  2. „Während die Gender- und Queerbewegung sich verzweifelt darum bemüht alle Menschen als Menschen wahrzunehmen, ohne sie in Kategorien jedweder Art zu „pressen“ (..)“

    Vielleicht fühlen sich viele Menschen in den Kategorien -Mann- und -Frau ganz wohl und möchten dort auch in Ruhe gelassen werden, liebe Amazone. Der Missstand dürfte doch wohl eher darin liegen, dass TypInnen wie Sie die Gesellschaft zwanghaft aus irgendetwas „herauspressen“ wollen. Der Beitrag wird übrigens gesichert und zeitgleich an anderer Stelle veröffentlicht, liebe Amazone.

    • Dieser Artikel fasst unter Gender- und Queerbewegungen die Vorstellung, dass keiner sich für eine von zwei Kategorien entscheiden muss. Diese Annahme basiert auf der Idee, dass viele Dinge (auch das Geschlecht) eher als Spektrum zu verstehen sind und nicht als ein entweder-oder. Die Dualismen zwischen Mann und Frau aufzubrechen verhindert es folglich nicht, dass jeder, der diese Kategorien für sich als passend empfindet, sie auch für sich nutzen kann / darf / soll. Es eröffnet einfach zusätzlichen Zwischenraum, indem alle diejenigen ebenfalls Anerkennung und Respekt erfahren können, die eben nicht zwischen dem entweder-oder wählen können oder wollen.

  3. Sprache ist nur der Informationsträger, nicht die Information selbst. Ihr deformiert die Sprache im tiefen Glauben, damit die Bedeutung zu verändern. Nein, ihr habt nichts verstanden, das ist einfach an euren sinnlosen Behauptungen zu erkennen.
    Durch den Versuch allen anderen euer Sprachverständnis überstülpen zu müssen, erntet ihr nur das Gegenteil, dessen was ihr euch wünscht.

    Sprache hat den Sinn der Verständigung, daran wurde bereits viel zu viel herummanipuliert. Mir reicht, diese Mißverständnisse aus der Welt zu schaffen, vollkommen aus. Ihr schafft KEINE Klarheiten.
    Gendern ist die Reduktion des Menschen auf sein Geschlecht:
    Damit ist dies sexistisch, rassistisch und kreationistisch. Das ist eine Tatsache, ganz gleich ob sie euch gefällt oder nicht. Statt über notwendige Inhalte und Bedeutung miteinander zu reden, verhaltet ihr euch selbst wie große Lehrmeister, die bereits im Besitz der einzig wahren Wahrheit sind. Ihr seid, leider, keinen Deut anderst, als die, die ihr so lautstark kritisiert.

    Und nein, jeder Mensch ist einzigartig. Trotzdem ist es im Sinne der Verständigung sinnvoll, daß nicht JEDER (Bezug ist auch hier der Mensch) eine eigene Sprache spricht. Mann und Frau, die sich ergänzen ist normal, ansonsten würde keiner (Bezug ist der Mensch) von euch existieren. Eine einfache klare Aussage. Daraus folgt, daß alle anderen Verhaltensweisen nicht normal sind. Das bedeutet jedoch nicht, daß diese anderen Menschen ABnormal seien. AB- oder UNnormal ist eine reine Abwertung und daher auch selbstverständlich auf das schärfste zu kritisieren. Normal ist nur eine anderer Zustand als nicht normal, das ist KEINE Wertung.
    Das ist der entscheidende sprachliche Unterschied.

    Der Leser, der Student oder der Besucher ist der Bezug der Mensch und nicht ein Geschlecht. Erst dieser Genderblödsinn mit „Besucher und Besucherinnen“, „Studenten und Studentinnen“ erzeugt Bilder, daß Menschen mit weiblichen Geschlechtsteilen „andere“ Menschen seien, bzw. die Frage im Raum stehtm, weshalb unterschieden werden soll. Sprachlich männliche oder weibliche Form ist eben keine biologische Aussage.
    Benennt das generische Maskulinum einfach um in generisches Humanum, laßt die Sonderform -in und -innen weg und gut ists.

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