Wenn das Gesetz versagt – von Schirachs „Terror“ als interaktives Theater
Ausprobiert, Titelblatt

Wenn das Gesetz versagt – von Schirachs „Terror“ als interaktives Theater

Ferdinand von Schirach hat mit „Terror“ das Material der Spielzeit geliefert. Über 46 Theater in Deutschland haben die Thematik inszeniert. Im Hamburger Schauspielhaus geht das interaktive Drama in die letzte Runde.

„Terror“ läuft im Schauspielhaus Hamburg am 7. Juni das letzte Mal / © Matthias Baus

Das Theaterstück „Terror“ von Ferdinand von Schirach handelt von einem fiktivem Gerichtsprozess. Der Angeklagte: Lars Koch, Kampfpilot der Bundeswehr. Der Fall: Ein Flugzeug mit 164 Insass*innen wurde  auf dem Weg von Berlin Tegel nach München von einem Terroristen entführt und drohte auf die Allianz Arena bei München mit ca. 70.000 Gästen zu stürzen. Lars Koch, der Kampfpilot entschied entgegen seiner Befehle das Flugzeug abzuschießen und 164 Menschen zu töten, um 70.000 zu retten. Die Anklage: Befehlsverweigerung und 164-facher Mord.

Im Laufe des Theaterstücks kommen Angeklagter, Zeugen, Staatsanwältin und Angehörige von Opfern zu Wort, berichten aus ihrer Sichtweise und modellieren den eigentlichen Konflikt:

Kann man ein Leben gegen das von vielen aufwiegen? Was ist ein Leben wert?

Das Publikum agiert in der Rolle vieler Richter*innen und muss über das Schicksal des Piloten entscheiden. Gegen Ende ziehen sich die Richter*innen zurück, um ihre Entscheidung zu treffen: Nach anderthalb Stunden Stück fällt das Publikum mit vorher enthaltenen Stimmkarten das Urteil für Lars Koch.

Darf man Leben quantitativ gegeneinander abwägen? Sind 70.000 Menschen mehr wert als 164 Menschen?  Hätte Lars Koch sich an seinen Befehl halten und das Flugzeug ins Stadion stürzen lassen müssen?  Oder ist es seine moralische Pflicht in einer solchen Situation seinem Gewissen zu folgen?  Die Entscheidung selbst bleibt jedoch eine individuell moralische, bei dem das Gesetz einen im Stich lässt.

Spannung und Macht

Das Bühnenbild erinnert in seiner Nüchternheit an einen neutralen Gerichtssaal, trotzdem überzeugt es durch Raffinesse: immer wieder werden die Gesichter der Redner*innen in drei Perspektiven mit Hilfe eines Beamers in den Fokus gerückt.
Kostüme, Beleuchtung, Maske kommen ohne schmückenden Schnick-Schnack aus: die Inszenierung wirkt maßgeblich durch die Leistungen der Schauspieler*innen, die nicht zuletzt durch die langen Monologe, nicht nur rezitiert und auswendig gelernt, sondern gerade zum Leben erweckt, glänzen.

Das Stück lohnt sich für jeden, erfordert kein Vorwissen und bietet eine abwechslungsreiche Spannung zwischen Mitdenken und Mitfiebern. Die Beobachter*innen wird in eine Machtposition versetzt, dürfen am Stück teilnehmen und bleiben dadurch nicht nur unbeteiligte Konsument*innen, sondern werden unmittelbar von dem zu treffenden Urteil beeinflusst. Die Atmosphäre ist angespannt, ein Dialog zwischen Bühne und Zuschauer*innenraum entsteht.

von Schirachs erstes Theaterstück

Ferdinand von Schirach ist Münchner Strafverteidiger, der viele Fälle seiner Kanzlei literarisch unter Titeln wie “Tabu”, “Verbrechen” oder “Schuld” verpackt. “Terror” war sein erstes Theaterstück, welches die ARD, ein Jahr nach der Doppelpremiere am deutschen Theater in Berlin und am Schauspiel Frankfurt, verfilmte und so ganz Deutschland und Österreich zur Abstimmung aufforderte.

Für alle, deren Neugierde geweckt ist: die letzte Vorstellung in Hamburg ist am 7.6.2017 im Schauspielhaus; die Karten kosten für Studierende 9 Euro. Sollte dieser Termin nicht passen, lohnt es sich auf der Website nach zukünftigen Premieren und Terminen, nicht nur in Deutschland oder Europa, sondern weltweit zu schauen.

Autorinnen:  Ella Pouwels und Selma Böhmelmann

31. Mai 2017

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