Wacken – Was das Festival so einzigartig macht
Ausprobiert, Titelblatt

Wacken – Was das Festival so einzigartig macht

Der alljährliche Festivalsommer ist endgültig zu Ende. Es ist also an der Zeit, Erlebtes Revue passieren zu lassen und sich noch einmal über Eines klar zu werden: Warum lässt man überhaupt die Strapazen so eines wochenlangen Campingtrips über sich ergehen? Unser Autor war dieses Jahr auf Wacken und berichtet über die großen und kleinen Gründe, die Ihn jedes Jahr dorthin zurückziehen.

Wacken: wahrlich eine Pilgerstätte für die Anhänger der Schwermetallmusik. / (C) flickr - Maraire
Wacken: wahrlich eine Pilgerstätte für die Anhänger der Schwermetallmusik. / (C) flickr – Maraire

Schlamm. Massen über Massen an Schlamm, so weit das Auge reicht. Das wird von Wacken erwartet und das liefert das Festival jedes Jahr aufs Neue. Als dieses Jahr die ersten Metalheads in bis zum Rand gefüllten Autos auf das Campinggelände rollten, sah man von Matsch keine Spur. Sollte der Kreis endlich durchbrochen sein? Würde es nach so langer Zeit eine Woche des guten Wetters geben? Nein, natürlich nicht. Pünktlich zu Festivalbeginn am Mittwoch begann der Regen und mit ihm die Versumpfung der Wege und Bühnenbereiche. Was von Aussenstehenden als Unannehmlichkeit angesehen werden könnte, gehört in den Augen vieler Stammgäste einfach dazu. Es macht immer wieder Spaß zu sehen, wie Wagemutige sich oben ohne in den Matsch werfen und sich den Spaß einfach nicht verderben lassen. Nicht ohne Grund gibt es das „Mudfighters T-Shirt“, denn auf Wacken wird schließlich auch alles vermarktet, was auch nur annähernd vermarktbar ist.

Hier spielen die Besten, die der Metal zu bieten hat. / (C) flickr - Darren Foreman
Hier spielen die Besten, die der Metal zu bieten hat. / (C) flickr – Darren Foreman

Dass das Festival seit Jahren der Kommerzialisierung beschuldigt wird, stört mich nicht.  Tatsächlich ist Wacken zu einer riesigen Marke angewachsen, aber gerade das macht das  spezielle Gefühl aus, das von dem heiligen Acker ausgeht. Überall steht Wacken drauf: Auf dem Essen, auf den Getränken, auf den Bühnen und auf den Menschen. Und darüber hinaus kann man auf einem Spaziergang durch das Dorf in jeder Einfahrt die Stände der Einwohner sehen, die sich am Kommerz beteiligen. Obwohl sich das ganze im Kern tatsächlich zu einer Gelddruckmaschine für alle Beteiligten entwickelt hat, vermittelt diese einheitliche Vermarktung das Gefühl, ein Teil von etwas zu sein, das viel größer ist als man selbst.

Das Geld, dass dem W:O:A zur Verfügung steht, bedeutet für die Besucher auch Erlebnisse, die sich von kleineren Metal-Festivals abheben. Dieses Jahr habe ich mich im Freibad von Wacken abgekühlt, bin über den Mittelaltermarkt geschlendert, habe Hünen beim Wrestling angefeuert, ein kühles Bier im hauseigenen Biergarten genossen und zahlreiche Leckereien verköstigt, die überall auf dem Gelände angeboten wurden. Dazu kamen natürlich auch noch Konzerte von Weltklassebands wie Iron Maiden, Whitesnake oder Blind Guardian. Die schiere Masse und Vielfalt an Angeboten, die Wacken zu bieten hat, lässt also keine Wünsche offen. Außerdem bekommt man die Chance, legendäre Gruppen der Szene live zu erleben, oder Musiker des Lieblings-Subgenres, wie zum Beispiel Mittelalter-Metal, zu bejubeln. Unter den rund 150 Bands ist für jeden Metalhead etwas dabei. Es gibt also immer etwas zu tun, falls man sich mal nicht danach fühlt, den ganzen Tag im Camp leere Bierdosen zu stapeln.

Unter zehntausenden wahnsinniger Metalheads wird es nie langweilig. / (C) flickr - Heckenpenner666
Unter zehntausenden wahnsinniger Metalheads wird es nie langweilig. / (C) flickr – Heckenpenner666

Schließlich sind es aber die Menschen selbst, die Wacken für mich immer wieder zu einem schönen, skurrilen und faszinierenden Erlebnis machen. 75 000 Metaller unter sich bedeuten eine Atmosphäre voller Scherze, Obszönitäten und herzlicher Freundlichkeit. Schließlich haben ja alle etwas gemein: die Liebe zu einer geilen Musikrichtung. Ausserdem verstreicht kein W:O:A, ohne dass man schräge Geschichten über seine Nachbarn oder andere Festivalbekanntschaften zu erzählen hat. Mir ist beispielsweise der Wikinger, der fest darauf bestand, dass die Seele ihren Sitz in den Arschhaaren hat, im Gedächtnis geblieben. So sind es die Menschen, die aus Wacken mehr machen als die beeindruckende Summe seiner Teile. Unter so vielen Gleichgesinnten zu sein, die einfach eine Woche lang feiern wollen, ist schließlich durch nichts zu ersetzen.

Natürlich hat das Ganze auch seine negativen Seiten. Wenn man zu spät los fährt und vor dem Gelände mit seinem Auto stundenlang nicht weiterkommt; wenn man sich am ersten Morgen nach nächtlichem Alkoholgenuss aus dem Zelteingang übergibt oder die Füße schon nach zwei Tagen wund von den Gummistiefeln sind; wenn ein Gewitter die Besucher in die Autos zwingt, der Pavillon wegfliegt und der Schlamm noch dünnflüssiger wird; wenn man seine Lieblingsband fast verpasst, weil man sich mühsam zwischen Tausenden von Körpern hindurchzwängen muss, um überhaupt einen Blick auf die Gruppe zu erhaschen; wenn man schließlich schlammig und erschöpft nach hause fahren will und merkt, dass man die Hälfte des Gepäcks zurücklassen muss, weil nicht alles ins Auto passt. In solchen Momenten fragt man sich kurz, warum man überhaupt nach Wacken gefahren ist. Im Endeffekt komme ich aber immer zu dem Entschluss, dass ich genau wegen dieser Erlebnisse die Zivilisation für eine Woche hinter mir gelassen habe. Es ist wie ein Urlaub von der Gesellschaft, in dem alles Kopf steht.

Autor: Fynn Mollenhauer

3. November 2016

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