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Vorsicht, Scharf!

Bombenalarm an der Uni. Vor 13 Jahren wurde in der Nähe des Campus Scharnhorststraße eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden und entschärft. Eine Rekonstruktion.

Gespenstische Stille auf dem Campus der Universität Lüneburg. Nur das metallische Knarzen ist zu hören, als die Stahlzange von Peter Hornemann sich im Zünder verbeißt. Er hockt auf dem Boden, sein hünenhafter Körper stemmt sich gegen das Werkzeug. Obwohl hochkonzentriert, wirken seine Bewegungen routiniert. Der Sprengmeister geht nicht gerade zimperlich mit der Luftmine um, die 62 Jahre lang unbemerkt unter der Erde gelegen hatte – 250 Pfund schwer und immer noch scharf. Zwei Kollegen des Kampfmittelräumdienstes Niedersachen gehen ihm zur Hand. Die Fliegerbombe muss festgehalten werden, darf keinen Millimeter verrutschen, während Hornemann den hartnäckig klemmenden Zünder aus dem Gewinde hebelt. Es ist kalt, grau und windig an diesem Donnerstag, den 27. November 1997. *

Rückblick: Beim Bau der Wohnhäuser in der Carl-von-Ossietzky- Straße südlich des Campus ist ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden worden. Kurz darauf klingelt im Büro des Uni-Pressesprechers Henning Zühlsdorff das Telefon. Die Polizei ist dran, der Campus sei unverzüglich zu räumen. Für einen Augenblick vermutet Zühlsdorff einen schlechten Scherz. Um wirklich sicherzugehen, ruft er die Polizei zurück. Und dann geht alles ganz schnell: Für die Räumung schwärmen Mitarbeiter auf das Gelände aus. Es ist früher Nachmittag, überall finden noch Lehrveranstaltungen statt. Zühlsdorff selbst übernimmt die Evakuierung der nagelneuen Hörsäle, in denen gerade Vorlesungen gehalten werden. „Zum Glück kannten mich die Professoren persönlich. So haben sie mir auch gleich geglaubt”, erinnert er sich heute.

Panik bricht nicht aus. Ruhig verlassen Studierende, Lehrende und Uni-Mitarbeiter das Gebäude, einige machen Witzchen. Geschlossen geht es ins Vamos, das zum sicheren Aufenthaltsort erklärt wird. Dem ein oder anderen Studierenden wird vielleicht erst jetzt die Vergangenheit der Universität bewusst: Im Dritten Reich beherbergten die Gebäude an der Scharnhorststraße eine Wehrmachtskaserne. Bei den massiven Luftangriffen Anfang 1945 wurde auch Lüneburg von britischen Kampffliegern bombardiert. Hauptziel war der Bahnhof, doch es gab „Ausreißer”. So wie dieser Fünfzentnerkoloss, der nun rostig und vernarbt auf dem Baugelände in einer Sandkuhle liegt.

Insgesamt 3000 Menschen werden in Sicherheit gebracht: neben Studierenden und Uni-Mitarbeitern auch Anwohner der angrenzenden Wohngebiete, die unter anderem im Anna-Vogeley-Heim ausharren müssen. Niemand weiß, wie lange die Entschärfung dauern wird. Nach nur sieben Minuten hat Hornemann den ersten der zwei Zünder der Bombe entfernt. Kollege Thomas Krause murmelt ein verblüfftes „Hätte nicht gedacht, dass es so fix geht” in seinen rotblonden Schnauzbart. Doch noch ist das Team nicht fertig. Zügig drehen die drei von der Kampfmittelbeseitigung den zylindrischen Sprengkörper um. Das Spiel beginnt erneut, allerdings ist der zweite Zünder nicht ganz so widerspenstig. In 30 Sekunden ist es vollbracht, die Fliegerbombe entschärft. Der anfänglichen Stille weicht ein erleichtertes Witzeln und Fachsimpeln der Sprengmeister. Die Wartenden im Vamos dürfen daraufhin ebenfalls aufatmen: Per Sprechfunk gibt die Polizei Entwarnung.

Die meisten Studierenden werden sich in diesem Moment wohl nur eine Frage stellen: Ob die Vorlesungen für den Rest des Tages ausfallen? Wohl kaum einer hatte tatsächlich Angst. Heute, 13 Jahre danach, resümiert Zühlsdorff: „Es gab zu keinem Zeitpunkt einen Grund, sich ernsthaft Sorgen zu machen.”

* Die im Text beschriebenen Szenen wurden in der Doku „Sieben Minuten Angst“ von Christian Ditter, Tobias Habura und Richard Röseler festgehalten.

Von Anna Aridzanjan

18. Januar 2011

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