Von der Freiheit
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Von der Freiheit

Schlimmer als ein goldener Käfig: einer ohne Gitter. / (C) flickr - Yen H Nguyen
Schlimmer als ein goldener Käfig: einer ohne Gitter. / (C) flickr – Yen H Nguyen

„Die Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdunkenden.“ Dieses Bonmot von Michael Jordan, des wohl größten Philosophen unser Zeit seit dem Macher der Facebookseite Nachdenkliche Sprüche mit Bilder, betrifft bei weitem nicht nur Basketball.

Doch die in diesem Sinnspruch anklingende Art von Freiheit ist bereits umgesetzt, steht doch das Beef Magazin im Bahnhofkiosk friedlich neben VeganLife, hat LeBron James, definitiv ein Andersdunkender, schon lange mehr Twitter-Follower als Michael Jordan je besaß. Und, so kann man sich fragen, kann es denn noch mehr Freiheit geben als die freie Wahl dessen, was hinterher in der Schüssel landet, und des bevorzugten Kommunikationskanals zum Empfang von Katzenvideos? Wohl kaum. So ist die Meinungsfreiheit gänzlich umgesetzt. Dumme ostdeutsche Arbeitslose, die mehr Deutschlandfahnen auf dem Stuhl als Hirnzellen im Kopf haben, dürfen alle Flüchtlinge über einen Kamm scheren und ich darf vice versa alle dummen Ostdeutschen über einen Kamm scheren. Schöne neue Meinungsvielfalt.

Wir sind angekommen in der Freiheit, möchte man meinen.

Müssen uns nicht mehr äußeren Zwängen unterwerfen, nicht mehr fürs bloße Überleben unter menschenverachtenden Zuständen in trostlosen Fabriken Monokel für die Oberschicht schmieden oder gar unsere Hände bei der Feldarbeit schmutzig machen.

Vom unterworfenen Subjekt zum freien, sich selbst erfindenden Projekt. Projekt Ich.

Doch sind wir dadurch wirklich frei? Sind wir nicht vom fremden Zwang zum selbstgemachten Leistungszwang gewechselt? Haben wir nicht die Fesseln des Sollens abgelegt zugunsten einer auf Selbstoptimierung ausgelegeten Kultur des Könnens? Von Du sollst deinen Job erledigen zu Ich könnte ja noch einen Business-Japanisch-Abendkurs machen?

Diese Freiheit erzeugt, obwohl frei sein frei von Zwängen sein bedeutet, selbst Zwänge. Es ist eben nicht mit der einen Freundin/Job/Urlaub/Hobby getan, es kann immer noch prestigeträchtiger, sinnvoller, schöner, besser sein. Und da wir in einer Welt unendlicher Optionen nie zu einem hunderprozentig zufriedenstellenen Ergebnis kommen können, sind wir gezwungen, weiter zu suchen. Denn das oben genannte Sollen hat eine Grenze, es ist irgendwann erfüllt. Das Können aber ist grenzenlos.

„Wir sind ein Volk von Verbrauchern. Krawatten und Konformismus, Hemden und Nonkonformismus, alles hat seine Verbraucher, wichtig ist nur, dass es sich – ob Hemd oder Konformismus – als Markenartikel präsentiert.“

Diese Zeilen, so modern sie klingen, wurden bereits 1960 verfasst, vom großen Moralschriftsteller Heinrich Böll in seinem Aufsatz „Hierzulande“.

Ein Volk von Verbrauchern also. Ausgestattet mit der Freiheit, im Supermarkt zwischen 10 Joghurtsorten wählen zu können. Ausgestattet mit der Freiheit, immer und überall shoppen zu können, unmittelbare Bedürfnisbefriedigung. Ausgestattet mit der Freiheit, Freunde auf anderen Erdteilen für wenig Geld jederzeit besuchen zu können.

Warum also über Freiheit schreiben, wenn sie doch bereits umgesetzt ist und uns so schön auf einem Silbertablett präsentiert wird?

Weil eine andere Freiheit auf der Strecke geblieben ist.

Wir können über alle Grenzen hinweg in Kontakt bleiben, aber können wir noch Beziehungen zu anderen aufbauen, die frei von Zweck sind?

Wir können Reisen zu anderen Kulturen unternehmen. Doch wird die Möglichkeit nicht zum Zwang, wenn es alle tun? Wenn man am Ende der einzige ohne „Spanisch: fließend“ im Lebenslauf wäre?

Wir können uns der Masse verweigern, müssen nicht konsumieren. Doch dient nicht auch das mittlerweile dazu, uns „als Markenartikel“ zu präsentieren, wie Böll sagte. Die Freiheit, ganz man selbst zu sein, gibt es nicht mehr.

Ich denke, wir sollten uns mal wieder Gedanken über unsere Freiheit machen. Vielleicht erinnern wir uns dann wieder daran, dass wahre Freiheit in ehrlichen Beziehungen, ungezwungener Freizeit und einem selbstbestimmten Leben Audruck findet. Und nicht in endlosen Möglichkeiten und dem Piepen der Supermarktkasse.

Autor: Ernst Jordan

5. Januar 2016

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Ernst Jordan dont wait for me, if i care bout anything, anywhere losin myself, i get the stares what im lookin at, wasnt there (wasnt there)


30 COMMENTS ON THIS POST To “Von der Freiheit”

  1. Ein interessanter Artikel – dazu zwei Fragen:

    1. „Die Freiheit, ganz man selbst zu sein, gibt es nicht mehr.“
    Das Wort „nicht“ impliziert, dass es diese Freiheit mal gegeben haben muss. Wann wäre das aus Sicht des Autors der Fall gewesen?

    2. Und im letzten Absatz: „vielleicht erinnern wir uns dann wieder daran, dass wahre Freiheit in ehrlichen Beziehungen, ungezwungener Freizeit und einem selbstbestimmten Leben Audruck findet.“
    Und wie bestimme ich mein Leben selbst, wenn im gleichen Atemzug gesagt wird, meine Entscheidung zur Reisen oder nicht zu konsumieren sei auch schon einem Zwang unterworfen?

    Beste Grüße
    Tom

    • Moin Tom,
      erstmal: ich konnte (und wollte) in der Kürze des Artikels nicht alle Fragen klären, eher zum Denken anregen, was ja geklappt hat. Trotzdem sind deine Fragen berechtigt. Zur ersten: Ich habe mir das so gedacht, dass es mal, sagen in vielleicht in den 70ern bis 90ern eine Zeit gab, in der man man selbst sein konnte, ohne wieder in einer Schublade zu stecken. Wenn man beispielsweise heute Schallplatten hört, weil man es gut findet, ist man ein Hipster. Wenn man Hanfklamotten trägt ein Hippie und es wird immer unterstellt, dass man dadurch nur etwas nach außen vermitteln will. Was bei vielen wohl leider auch der Fall ist. Dazu muss man aber sagen, auf viele Arten kann man heute eher „man selbst“ sein, beispielsweise werden Frauen weniger stark in Geschlechterrollen gedrängt oder Schwule diskriminiert.

      Zu Frage 2: Ich denke NICHT zu konsumieren, also wirklich so wenig wie möglich statt irgendwie Bio/Fairtrade etc. ist eine Art von Selbstbestimmung. Ansonsten sollte man sich einfach sicher sein, dass man Dinge wirklich tut, weil man will und nicht weil es erwartet wird oder gerade en vogue ist.

      Ich hoffe das war ausreichend.
      Liebe Grüße, danke fürs Lesen^^

  2. Ernst, mein lieber süßer Ernst,

    da bist du wieder und hast dein Versprechen wahr gemacht.

    „vis versa“ ? Ist das eine Wortschöpfung von dir? Oder war da ein Marmeladenfleck in deinem kleinen Stowasser?

    Und du hast dir „so gedacht, dass es mal, sagen wir vielleicht in den 70ern bis 90ern eine Zeit gab, in der man man selbst sein konnte, ohne wieder in einer Schublade zu stecken“? Von welchem Jahrhundert in welchem Jahrtausend reden wir hier, Ernst? Hast du Robert Crumb gelesen? Ein Genie des Selbstseins, oder?

    Selbstsein, Selbstbestimmung? Wer in diesem Verhältnis ist „das Selbst“, wer „das Sein“, „das Seiende“ oder „der Bestimmer“? Bist ich eines in mir selbst geteilt? Ein Selbst bestimmt, das andere Selbst wird bestimmt. Nach Maßgabe von welchen Kriterien weiß das eine Selbst, wann es das Selbst ist, das es sein möchte, will, darf, soll oder muss, um „mit sich selbst übereinzustimmen“? Gibt es da noch eine andere, eine dritte Instanz, die sagt: „Genau jetzt harmoniert dein eines Selbst mit deinem anderen Selbst und also bist du nun ganz du selbst“? Woher nimmt aber diese dritte Instanz („das Gefühl“ etwa) die Sicherheit seines Urteils? Oder ist da noch eine weitere Instanz, die urteilt, dass das Gefühl im Hinblick auf die Selbstbestimmung des Selbsts richtig liegt? Nach welchen Kriterien urteilt dann aber diese Instanz? Und was ist mit der Einbeziehung des Anderen in die Konstruktion meines Selbstseins? Wie lauten die Maßstäbe, nach denen ich das akzeptiere, von dem ich annehme, dass es ein Dritter an mir schätzt? Wie unterscheide ich, ob dieser (warum eigentlich von mir wertgeschätzte) Dritte mit seinen Wertschätzungen an selbst- oder fremdbestimmte Intuitionen meines Selbstseins appelliert? Usw., usf.

    Oh Ernst, das sind alles so Fragen einer lesenden Beverli.

    Willst du ein paar davon beantworten?

    • Ganz schön Schillernde Anrede.
      Bei vis versa haben sich wohl vice versa und vis a vis vermischt, pardon, der Fehler wurde behoben.
      Und wer erdachte all deine Fragen?
      In den Büchern stehen die Namen von Philosophen.
      Und wie soll ich deine Fragen beantworten, wenn du selbst keine Lösung hast.
      Ich vermute jedoch traurige Realität. Dass wir nicht viel mehr sind als ein brodelnder Cocktail aus Hormonen, durchzuckt von Blitzen unserer Neuronen, bestimmt durch in der Vergangenheit Geprägtes.
      Nun wende ich mich wieder der Judenfrage zu – Altneuland.

      • „Schillernde Anrede“, Ernst? Freilich. Wir kennen uns doch auch schon seit 220 Jahren.

        „Nun wende ich mich wieder der Judenfrage zu – Altneuland.“ Diesen Satz verstehe ich nicht, Ernst. Was wolltest du mir damit sagen? Ich bitte um Erläuterung. Ist das als Watsche (= Ohrfeige; (österreichisch salopp) Flasche, Tätschen; (bayrisch und österreichisch derb) Fotze; (landschaftlich) Backpfeife, Dachtel, Schelle; (landschaftlich umgangssprachlich) Klatsche; (veraltet) Backenstreich, Wangenstreich; (landschaftlich, sonst veraltet) Maulschelle) gemeint?

        Womit oder wodurch verdient? Klammere ich für einen Freiheitsfreund wie dich zu sehr?

        Aber zur Sache, Ernst: Du schwankst vom Verstehen zum Erklären, von der Kultur zur Natur? Ich glaube, wir sind beides: Dein „brodelnder Cocktail aus Hormonen, durchzuckt von Blitzen unserer Neuronen“ und auch „bestimmt durch in der Vergangenheit Prägendes und Geprägtes“, aber auch frei – wie Sartre schrieb – etwas aus dem zu machen, was andere und anderes aus uns gemacht haben. Natürlich nie endgültig und abschließend, sondern immer wieder und immer wieder neu. Ernst quasi als Selbstverwirklichungsbaustelle ad infinitum — aber nicht ad nauseam! Nur wie geht das eigentlich? Und wie genau? Das eben ist die große Frage. Denn die meisten Vorgänge unseres Seelenlebens, lieber Ernst, mögen zwar unbewusst ablaufen. »Aber nur wenn sie uns bewusst werden, scheinen sie uns wirklich anzugehen. Was aber macht psychische Ereignisse bewusst? Seit Aristoteles machen Philosophen einen eigentümlichen „Selbstregistrierungs-Mechanismus“ dafür verantwortlich. Über dessen Erklärung gehen ihre Ansichten allerdings weit auseinander. Es überwiegt bis heute die Meinung, Bewusstsein komme dadurch zustande, dass ein psychischer Akt höherer Stufe sich auf einen vorangehenden Akt niederer Stufe quasi zurückbeugt. Wie aber kann das sein, wenn der niederstufige nicht schon – „präreflexiv“, d. h.: ›aller Reflexion zuvor‹– mit sich irgendwie vertraut war?« Sollte, lieber Ernst, alles Bewusstsein etwa präreflexives Selbstbewusstsein schon voraussetzen? Ist dort vielleicht das Einfallstor unserer inneren Freiheitsfeinde?

        Hierzu empfehle ich einführend die Lektüre des (neben dir) klarsten unter den bedeutenden deutschen Philosophen der Gegenwart:

        https://www.uni-tuebingen.de/index.php?eID=tx_nawsecuredl&u=0&g=0&t=1452352908&hash=43701a0d9d046ccffd3001c2a7da1af9775f9e66&file=fileadmin/Uni_Tuebingen/Fakultaeten/PhiloGeschichte/Dokumente/Downloads/ver%C3%B6ffentlichungen/frank/Selbstbew._und_Selbstgefu_hl_1.pdf

        und

        https://www.uni-tuebingen.de/index.php?eID=tx_nawsecuredl&u=0&g=0&t=1452352908&hash=054d94d26ded4d0882b2f7fa38bcbce3d4507f74&file=fileadmin/Uni_Tuebingen/Fakultaeten/PhiloGeschichte/Dokumente/Downloads/ver%C3%B6ffentlichungen/frank/Selbstbew._und_Selbstgefu_hl_2.pdf

      • Damit war einfach nur gemeint, dass ich mich wieder ins Bett lege und ALtneuland, den utopischen Romand Theodor Herzls, weiterlese.
        Den Rest versuche ich morgen zu beantworten.

    • Lustig ist vielleicht das Zigeunerleben.
      Aber ernst ist das Leben, heiter die Kunst.
      -Dürrenmatt
      (wo es sich hier alle offenbar zum Ziel gemacht haben, mithilfe fremder Gedanken möglichst klug zu wirken.)

  3. „sinnfreie Referate zu gestalten hat aber momentan leider Priorität“?

    „Wir sollten nicht zu entdecken versuchen, wer wir sind, sondern was wir uns weigern zu sein.“

    Das meinte jedenfalls Michel Foucault in seinen „Gouvernementalitätsstudien“, die sich mit der zunehmenden „Ökonomisierung des Sozialen“ (auch im Universitären) beschäftigen. (Analytik der Macht. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005, S. 33)

    Ich denke, die Konsequenz wäre, entweder das Referate-Gestalten zu lassen — oder sie so zu gestalten, als ob das Heil der Dichterseele davon abhinge, i. e. sie – als eine willkommene Gelegenheit, den näherungsweise perfekten Ausdruck „in Zungen“, Figurenrede oder Textformaten (à la The Talented Mr. Ripley) zu üben – den höchsten eigenen Ansprüchen gemäß so vollkommen wie irgend möglich zu gestalten.

    Man kann das als „Selbstausbeutung“ oder als Training auf dem Weg zum „eigentlichen“ spielerisch schriftstellerischen Selbstsein verstehen.

    Was meinst du, Ernst?

    • Eine brilliante Geistesleistung.
      Nicht das Geschriebene an sich, schließlich sind die dargelegten Gedanken nur fremden Köpfen entnommen.
      Aber die Leistung, sich im richtigen Augenblick an das ehemals Aufgeschnappte zu erinnern, genial.
      Und dann auch noch ein so praxisnaher Tipp, „das Referate-Gestalten zu lassen“. Den Setz ich doch gleich um.
      Vielleicht kann ichs ja wie Baudelaire machen und nur über Herzensthemen, Wein und Haschisch, Geistreiches schreiben.
      Und am Ende trotzdem einen Abschluss in Wirtschaftspsychologie erhalten?
      Mit einem dadurch erreichten hohen Einkommen könnte ich dann immerhin einen Rat eines aktuelleren Denkers, denn neuer ist immer besser, umsetzen:
      „Fuck bitches get money“

      • Mensch Ernst, du bist ja richtig scheiße drauf. So schlimm? Der arme Bobby! Der wollte sich doch auf seine leicht überkandidelte Art bestimmt nur bei dir ankuscheln ( = die fluffige Form des Antichambrierens).

        „Fuck bitches get money“ ? Gehört da nicht ein Komma zwischen die beiden Imperative? Ist das jetzt also deine Devise? Lass das bloß nicht Kim hören!

        Aber unter uns:

        „Wenn du willst, ist es kein Märchen“

      • An dieser Stelle werfe ich mal die These in den Raum:
        Petra Käsler ist ein Alter Ego von Beverli. Vielleicht steckt Rudi Radlos auch noch mit unter deren Decke und
        zusammen bildet ihr eine literarische ménage à trois.
        Die Frage ist: ist das dann Inzest oder Masturbation?
        Versaut in jedem Fall.
        (Verschwörungstheoretiker behaupten, dass alle so hochgeistigen Kommentare hier aus der selben Feder stammen.)

      • „alle so hochgeistigen Kommentare hier“ ?

        Ernst, du musst aufpassen, dass du die Maßstäbe deiner ästhetischen Wertschätzung und deines spekulativen Urteilens, wenn sie schon dermaßen lachhaft niedrig sind, deiner Leserschaft nicht wieder und wieder unter die Nase reibst:

        „A dwarf who brings a standard along with him to measure his own size, — take my word, is a dwarf in more articles than one.“

        (Laurence Sterne: „The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman“. Buch 4, Kapitels XXV (ganz am Ende, vorletzter Satz))

  4. Übrigens, Ernst, auch wenn ich dich mag, dass du meinen Nachnamen preisgegeben hast, verzeihe ich dir nicht. Es gibt zwei notwendige (wenn auch noch lange nicht hinreichende) Bedingungen, denen jeder Journalist oder Schriftsteller genügen muss, um ein solcher zu sein: er muss gut schreiben wollen und er muss (seinen Lesern und Quellen gegenüber) absolut verlässlich und vertrauenswürdig sein. Nicht eine Ausnahme ist akzeptabel.

    Alles Gute.

    Petra

    • Hallo Petra,

      hier möchte ich (Kim) dann mal intervenieren. Dies hier ist eine öffentliche Kommentarspalte – keine geheime Quellenkonferenz. Dass Menschen immer wieder unter falschen Namen Ansichten vertreten finde ich persönlich: erstens den Autoren gegenüber unfair und zweitens sehr intransparent. Wenn du nicht möchtest, dass dein Name mit deinen Kommentaren in Verbindung gebracht wird, kannst du dir entweder überlegen andere Kommentare zu verfassen oder es eben ganz bleiben zu lassen. Wer seine Meinung äußert, muss nun mal auch dazu stehen und mit den Konsequenzen zurecht kommen.

      • Kim,

        „dass Menschen immer wieder unter falschen Namen Ansichten vertreten“, findest du: „erstens den Autoren gegenüber unfair und zweitens sehr intransparent“.

        Ich finde weder das eine noch das andere.

        Menschen, die lesen, kommentieren und Ansichten vertreten sind – jedenfalls mir – generell lieber als Menschen, die nichts davon tun, nicht mal unter falschem Namen. Worin die Substanz des Vorwurfs der Intransparenz in diesem Zusammenhang bestehen soll, kann ich nicht verstehen. (Auch ist „Transparenz“ kein „Wert“ an sich, sondern häufig – wie „Nachhaltigkeit“ ebenfalls – nur eine Worthülse , die sich vor allem sehr gut zum Verschleiern ideologischer Voreingenommenheiten und durch diese bestimmte Absichten eignet. Lies mal „The Circle“ von Dave Eggers.) Stehen denn nicht bei Univativ die Gedanken und Überzeugungen im Vordergrund? Was macht es, wenn ihr nicht wisst, wer sie vorgebracht hat? (Anmerkung: Die Zahl der eingehenden Mails ist doch noch überschaubar und ihr redigiert vor dem Freischalten. Also werdet Ihr Angriffe, Beleidigungen und alles, was mit den einschlägigen presserechtlichen Regelungen nicht vereinbar ist, ohnehin nicht publik machen.)

        Ich glaube, wenn sich herumsprechen sollte, dass ihr auch nur ein einziges Mal über den (offen oder auch nur implizit (durch Zurückhalten)) signalisierten Wunsch eurer Kommentatoren, bloß Vornamen, Namenskürzel oder Pseudonyme bekannt zu machen, in der inakzeptablen Weise hinweggegangen seid, wie Ernst es sich bei Petra und Rudi herausgenommen hat, werdet ihr als Autoren sehr schnell erledigt sein, das heißt zuerst bleiben die Kommentare aus, dann verschwinden die Leser.

      • Oh, ja. Wir als Online-Magazin müssen wirklich aufpassen: dürfen wir doch nicht zu unangenehm sein, damit uns die Leser nicht abspringen. Die sorgen schließlich für das Essen auf unseren Tischen. Äh… Moment, wir verdienen ja gar nichts. Stimmt ja!
        Cool, dann schreiben wir einfach weiterhin das, was uns passt. 🙂 (Kim)

      • Hallo Kim,

        hier möchte ich (Claas) dann auch mal intervenieren. Zwei Denkfehler auf deiner Seite:

        A) Es geht nicht darum, ob ihr „unangenehm“ seid oder nicht. Wenn ich Beverli richtig verstanden habe, geht es darum, ob ihr als Redakteure manipulativ und verantwortungslos mit Leserzuschriften umgeht oder nicht. [Zum Beispiel, indem Christopher, wie mir mein Freund Rudi erzählte, umfangreiche Korrekturhilfen in seinen Text einarbeitet, aber eine Verhöhnung Rudis durch (wahrscheinlich) Ernst stehen lässt, die ohne diese Hilfen ein Denkmal der Lächerlichkeit gewesen wäre und jetzt eines der Perfidie ist.] Deine Reaktion ist schnippisch, geht auf Beverlis Überlegungen weitgehend gar nicht ein und ist daher falsch. Ihr könntet einfach festlegen, 1.) dass anonyme Posts (auch wenn sie nicht gegen Gesetze oder die Selbstverständlichkeiten des Anstands verstoßen) bei Univativ grundsätzlich nicht freigeschaltet werden. Dann würdet ihr aber vermutlich nicht nur sehr wenige, sondern gar keine Mails mehr bekommen. Oder 2.) ihr könntet, so wie im Augenblick, ohne dass ihr da eine Konvention explizit gemacht habt, jede Mail freischalten, die nicht gegen die guten Sitten verstößt. Dann, wie sich zeigt, wäre die Möglichkeit, dass sich hier nach und nach ein Häuflein Interessierter einfindet, aus dem heraus immer wieder kleine Debatten entstehen und eventuell auch Schreiblustige zu euch stoßen, zumindest nicht ausgeschlossen. Wie immer eure „Politik“ künftig aussehen wird, an dem Skandal, dass Ernst den Klarnamen einer Studentin absichtlich (um nicht böswillig zu sagen) und aus schlechter Laune ins Netz gestellt hat, obwohl sie auf eure journalistische Integrität vertraut hat, gibt es NICHTS zu beschönigen. So etwas ist schlicht unentschuldbar.

        B) Dies IST – wie jeder Blog – ein „Online-Magazin“, wenn auch ein sehr bescheidenes! Und jeder weiß. dass ihr freiwillig dafür arbeitet. Aber warum? Natürlich nicht (jedenfalls noch nicht), um Geld mit eurer Schreiberei zu verdienen. Trotzdem ist dein Spott unangebracht. Klar, cool, dann schreibt unbedingt einfach weiterhin das, was euch passt. Für diesen Mut zur Freiheit liebe ich euch. ABER … der „Funfakt“ (Ernst), dass ihr einerseits kein Geld bekommt, andererseits die Freiheit genießt, (fast) alles publizieren zu können, was ihr möchtet, entbindet euch nicht von der Pflicht, euch an den Pressekodex (http://www.presserat.de/pressekodex/pressekodex/) zu halten. „Freiheit“ – soviel hatte sogar Ernst in seinem Aufsatz oben herausgefunden – ist etwas anderes als „Willkür“. Ohne die Annahme, ein Autor (bzw. eine Redaktion) habe sich freiwillig und bewusst an minimale Standards der Wahrhaftigkeit gebunden, kann es kein Zutrauen in den Wert seiner (oder ihrer) Texte geben. Gibt es aber begründeten Anlass, dieses Vertrauen einzuschränken oder zu entziehen, ist der Autor (bzw. die Redaktion) in den Augen der Leser, denen dieser Anlass bekannt ist und einleuchtet, irreparabel beschädigt.

        Wozu sollte man (und zwar egal, ob bezahlt oder nicht) dort dann noch mitarbeiten oder lesen?

        Und, Kim, Trotz ist ein schlechter Ratgeber! Denn wie man´s auch dreht und wendet:

        „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“.

  5. SENF! ES GIBT SENF!! SENF VON MIR!!!

    Wenn ich an dieser Stelle, oh meine empfindsam berührten Freunde der hohen geistigen Konversation, mir noch erlauben dürfte einwerfen zu wollen, dass wir noch den berühmten Hirnforscher Gerhard Roth (ja, Ernst, wieder ein Fremdautor, aber wir können schließlich nicht alle Genies sein) anhören müssen.

    Selbiger sagte, dass wir letztlich alle Determiniert sind. Ich darf an dieser Stelle auf meine sehr interessante und mit 1,3 bewertete Hausarbeit „Hat der Mensch einen freien Willen?“ hinweisen, welche sich in den unsäglichen Untiefen der Hochschulbürokratie befindet, die dort vor sich hinschlummerte, um jetzt, wo wir sie am dringlichsten brauchen, emporzusteigen und uns von unserer klammen Unwissenheit zu befreien.

    Die Frage, die unsere geschätzte Beverli hier aufwirft, ist hoch interessant. Gibt es ein Selbst, ein ICH oder ist dieses nur Illusion. Sind wir alle nur determiniert oder willensfrei?

    Nun, es gibt keinen Beweis dafür, dass etwas nicht materielles unser Ich-Empfinden induziert hat. Es gibt auch keinen Beweis für selbiges Einwirken auf unseren Willen. Es gibt keine mentale Ursache unseres Willens. Wir sind alle das Produkt unserer Gene, unseres Umfeldes, unserer Vergangenheit und den Motiven, die in unserer Persönlichkeit liegen. Ob nun vollständig determiniert (Pan-Determinismus) oder auch durch Zufall beeinflusst, der göttliche Funke fehlt laut Roth. Deshalb fordert er auch, dass Straftäter anders zu behandeln sind, denn wir als Rechtsstaat können ja nur willentlich verursachte Verbrechen bestrafen, einen Willen findet Roth aber nicht.

    Somit gibt es auch nur die Illusion eines ICHs, einer willentlich steuernden Instanz, die bewusst empfindet. Sagt auch Hirnforscher Michael Gazzaniga.

    Fun-Fact: Man kann das Gehirn von Menschen so stimulieren, dass sie Bewegungen ausführen (z.B. Hand heben) und diese im Nachhinein als von sich gewollt empfinden. Gruselig oder?

    • Andreas, der reduktive oder eliminative Naturalismus hat das Problem, nicht erklären zu können, wer denn das Subjekt des konstruktivistischen Bedürfnisses und seiner kaschierenden Operationen sein soll. Mit anderen Worten: selbst, wenn allen Eventualitäten ein dazu passendes Programm entspricht, das nach gesetzesähnlichen Regularitäten abläuft, muss doch eine Instanz da sein, die den Einsatz des gerade erforderlichen Spezialprogramms steuert, schon alleine deshalb, weil es aus Gründen der Logik keine Regel geben kann, die ihre eigene Anwendung regelt. Diese Inkonsequenz spiegelt sich bei dir z. B. in den Worten „Persönlichkeit“ und „Empfinden“. Auch wenn das Ich nur die Illusion eines Ichs ist, muss es ein Ich geben, für das dieses Ich nur die Illusion eines Ichs ist. Der „harte“ Naturalismus endet immer im Zirkelschluss, im infiniten Regress oder im dogmatischen Abbruch der Argumentation.

      Hier kommt als Gegenstand deiner nächsten Buchbesprechung die zur Zeit beste Einführung ins Thema:
      Markus Gabriel: „Ich ist nicht Gehirn“. Ullstein Verlag, Berlin, 2015. 256 Seiten, 18,00 Euro

      Ein lustvoll bereicherndes Lektüreunternehmen, dass sich nicht nur für dich, sondern auch für die Leser deiner nächsten Montag an dieser Stelle veröffentlichten Rezension lohnt, weil es alle klüger macht.

  6. Hallo Ernst, mein süßer, heißblütiger Liebling,

    deine Thesenwerferei ist, was mich angeht, ohne Treffer verpufft (Klingelingelingdingdong: ver-puff-t passt doch extraterraobersüpi zu den von dir genannten „Undercover-Sauereien“, oders?).

    Ich kenne weder Petra Käser noch Rudi Radlos (der aber schon bessere Tage gesehen haben muss: https://www.youtube.com/watch?v=70GZid6FWHM).

    Wann kommt dein Univativ-Aufsatz über das Leid des Künstlers als junger Dachs, aus dem virtuellen Raum heraus von einer Horde lechzender Kuwi-Go-go-Tänzerinnen angeschmachtet zu werden?

    • Einer Horde?
      Bisher ist es doch nur eine. Da ist auf jeden Fall noch Luft nach oben.
      Und als Dachs wurde ich noch nie bezeichnet, zumindest nicht ohne den Zusatz „frech“.
      Als nächstes kommt von mir wohl ein Artikel über die Liebe zur Bahn.
      Dem Verkehrsmittel der Vergangenheit und Zukunft.

      • Sehr geehrtes Frollein Redaktion und sehrr geehrter Herr Chefredaktor Ernst! Ihre sprach- und benimmkritischen Einmischungen im Gewande von launigen Grundsatzüberlegungen zur Behandlung suppender leuphanapolitischer Blessuren lese ich (59, pensionierter Rentner a.D. mit Germanismus-Studium) stets mit einem schmunzelnden Auge. Besonders gut gefallen mir die vielen eingestreuten Weltliteraturzitate, die Sie sich höchst vielleicht beim Blättern durch die Werke von Wolf Schneider gemerkt haben. Ihnen fällt auch zu jedem heißen Eisen immer stets was extrabesonders Schönes ein. Und da sie als kunstsinnig und stilbewußter Feingeist auf das Universitätsgewese blicken, unterlassen Sie es vornehm, entschieden zu urteilen, und beschränken sich auf das Konstatieren (nicht „Konterkarieren“) von Phänomenen des weniger geschmackvollen Auftretens. Nur zu Freiheit und Verantwortung wollten Sie etwas sagen, haben es denn aber während des Essayierens vergessen hinzuschreiben. Als nächstes kommt von Ihnen „wohl ein Artikel über die Liebe zur Bahn“? Dem Verkehrsmittel der Vergangenheit und Zukunft? Apropos, leider endet Ihr Mut, Roß und Reiter zu benennen, anscheinend spätestens dort, wo persönliche Vorteile berührt werden. Ich spreche von der „Journalisten-BahnCard“ (sic!). Die kriegen Sie wohl ermäßigt? Wie sonst ist es zu erklären, daß der Unsitte des falschen Sprechens von Englisch seitens der Metronom- und DB-Durchsagen in Ihrem Forum kaum je Kritik angedeiht?

        Wenn den „dier Pässendschas“ das „Ärreifing“ in der „näckst Schdäijschen“ angekündigt wird, etwa in „Wörrtsbörg, Börrlinn, Fränkförrt Slash Mäjn oder Hennöwer“, dann rollt es jedem sprachempfindlichen „Linnebörger“ den Magen auf. für Deutschland! Minderbemittelte Durchsage-Tiere, die aus oft nur einsprachigen (!) Großfamilien stammen, in denen vermutlich Dialekt (!!) „gesprochen“ wird oder, sehr viel wahrscheinlicher, eine primitive Grunzsprache aus Unmutslauten, debilem Röhren und nonverbalen Äußerungen (häusl. Gewalt) – – und solche Kauderwelsch-Kriminelle werden dann auf unsere Ohren losgelassen! „Pisa“ läßt grüßen. 100 000 Stunden Nachsitzen scheinen mir für solche „Geistesriesen“ noch eine milde Strafe. Angemessener wäre Kielholen am eigenen Zug, 1x pro Aussprachefehler.

        Am wütendsten auflachen muß ich freilich über: „Senk jo vor träwelling wisse doidsche baaan“. Liebe „Block.DschottDschott-Ridägdschen“, das ist doch eine Steilvorlage! Aber da trauen sich die Herren Satiriker natürlich nicht ran (Ausnahme: Holm Keller, „Bahnfahren kann billiger, aber auch komplizierter werden“, etc.). Ob derlei tolpatschige Anbetung des Götzen „Weltläufigkeit“ für Nordheidscher überhaupt zielführend ist, steht in einem anderen Stern. (Notabene: Nein, gegen Ausländer habe ich nichts. Die meisten von diesen sind nämlich reizende Leutchen, die mir höflich die Einkaufstasche aufhalten oder die Tür raufbringen.) So lange aber dieser Mißstand fortbesteht, bleibt mir nur, mich vor Fremdscham durch das geschlossene Waggonfenster zu werfen, wenn im Zuge wieder „Uncle Sam“ gehuldigt wird. Der Tod möge mir leicht werden. Vielleicht wird er nicht umsonst gewesen sein.

        Heinz Peter Müller-Ritzer (69)

  7. „Wenn du nicht möchtest, dass dein Name mit deinen Kommentaren in Verbindung gebracht wird, kannst du dir entweder überlegen andere Kommentare zu verfassen oder es eben ganz bleiben zu lassen.“ (Koordinatorin Kim am 19. Januar 2016 um 13:20 h)

    Wow, das klingt entschieden generös. „Wir outen dich gnadenlos, wenn du nicht brav bist oder gleich ganz das Maul hältst“?

    Freiheit ist ein Kaugummibegriff geworden – an jedem Schlagbaum, wie man zum Beispiel hier bei Univativ sieht, versteht man etwas anderes darunter.

  8. Nun Beverli, und aus der anderen Diskussion halte ich mich mal bewusst heraus, die Wissenschaft ist sich nicht einig, ebenso wenig wie es die Philosophen sind, denn niemand weiß eine korrekte Antwort auf eine Frage, die nicht beantwortet werden kann. Somit sind letztlich alles Meinungen, was dieses Thema betrifft. Auch ich maße mir nicht an, erklären zu können, wie das faszinierende Organ Gehirn funktioniert. Ich finde es nur gut, dass es das tut und wir alle gesund sind (hoffentlich).

    Nur soviel: Gazzaniga sagt in seinem Buch: „DIe Ich-Illusion“, dass es einen Interpreten gibt, der unserem Handeln einen Sinn gibt. Seine Versuche mit Split-Brain-Patienten, also solchen, bei denen die Verbindung zwischen den beiden Hirnhälften unterbrochen wurde, zeigen das sehr deutlich, namentlich ist die linke HIrnhäflte verantwortlich. So zeigten die Wissenschaftler unangenehme Videos von Menschen, die in einen Brand gestoßen wurden den rechten Hirnhälften (also über das linke Auge) und fragten anschließend die Patienten nach ihrem Befinden. „Ich fühle mich ängstlich“, antwortete eine Patienten und glaubte dass es am Versuchsleiter liegen müsse. An das Video konnte sie sich aufgrund ihrer nicht vorhandenen neuronalen Verbindung nicht erinnern. Dennoch interpretierte die linke Hirnseite den negativen Impuls, den die rechte Hirnhälfte aufgenommen hat. Dieser Interpret ist dazu da die Informationen des gesamten Gehirns in einen logischen Kontext zu bringen.

    Somit sind wir ein Apparat der sich selbst lenkt und liegen dabei der Illusion auf, dass es einen bewussten Fahrer gibt. Die von dir erwähnte Regel, die sich selbst regelt, ist somit fakt, jedenfalls wenn man sich dem Herrn Gazzinga anschließt. Wir funktionieren und haben ein Bewusstsein, eine Ich-Erkenntnis, jedoch kein echtes Ich, das irgendwo klein und versteckt sitzt und uns steuert.

    • Korrekt Andreas, den kleinen Mann im Hirn gibt es nicht. Der müsste dann ja auch selbst wieder einen kleinen Mann im Hirn haben, der steuert, usw. — ad infinitum.

      Aber, was beweist dein Beispiel? Ein Reiz erzeugt Reaktionen. Wie? Alles, was zwischen Reiz und Reaktion passiert, spielt sich in einer Blackbox ab. Warum sollte man dieses (unbekannte) „Alles“ nicht „Interpretation“, warum sollte man es stattdessen (maschinelle oder chemophysikalische) Datenverarbeitung nennen? Stell dir eine Speisekarte vor. Ohne sie gelesen zu haben, kannst du in dem hippen Lokal keines der wahnsinnig originellen Gerichte bestellen. (Die Speisekarte ist die Entsprechung der bildgebenden Verfahren in der Neurophysiologie.) Wie groß wir deine Enttäuschung sein, Andreas, wenn du nach einer halben Stunde Wartezeit den fein säuberlich ausgeschnittenen Teil der Speisekarte serviert bekommst, auf dem das von dir gewählte Gericht beschrieben ist.

      Die Neurophysiologie schreibt Speisekarten, Andreas. Speisekarten denken nicht. WIR denken, nicht unser Gehirn. Und essen wollen – und müssen – wir Gebratenes, Gekochtes und Gebackenes — echte Gerichte, nicht Darstellungen von Gerichten.

  9. Ernst, mein süßer, ungezogener Liebling, da bin ich wieder, deine witzige Beverli, leicht mal als Spaßvogel verkannt, und doch bin ich´s immer im Ernst. Du hast geschrieben, Ernst, mein philosophierender Superheld: „wir sollten uns mal wieder Gedanken über unsere Freiheit machen. Vielleicht erinnern wir uns dann wieder daran, dass wahre Freiheit in ehrlichen Beziehungen, ungezwungener Freizeit und einem selbstbestimmten Leben Audruck findet. Und nicht in endlosen Möglichkeiten …“

    Beim ab und annen Vorbeischaun auf eurer Blog-Seite hier hab´ ich mir Gedanken über deine Gedanken gemacht, mein Schatz, und bin in etwa zu Folgendem gelangt:

    Du hältst also drei Bestimmungen gegen den erdrückend desorientierenden Raum der – grundsätzlich – unendlich vielen Möglichkeiten: a) die „ehrliche Beziehung“, b) die „ungezwungene Freizeit“, c) das „selbstbestimmte Leben“. (a) und (c) sind offensichtlich freiwillig und bewusst gewählte Beschränkungen des Möglichkeitsraums, wobei „Ehrlichkeit“ in (a) und „Selbstbestimmung“ in (c) diese Beschränkungen vermeintlich „positiv“ markieren, ohne dass klar wäre, was die wolkigen Attribute eigentlich genau bedeuten. Die „ungezwungene Freizeit“ in (b) dagegen scheint „an und für sich positiv“ zu sein, da die Abwesenheit von Zwang (vor allem in der „freien“ Zeit) angeblich immer besser ist als dessen Anwesenheit. Auffällig ist, dass du, Ernst, mein Mausebitzi, in ALLEN drei Bestimmungen mit wachsweich waberndem Wunschvokabular operierst. a) „Ehrlichkeit“, als absoluter Wert genommen, kann Beziehungen auch zerstören, ohne Kompromisse und kleine Notlügen („Nein, dein Morgenmundgeruch stört mich gar nicht!“) läuft da nix rund. Wo ist die Grenze zwischen heilsamer und unheilvoller Unehrlichkeit? c) Die „Selbstbestimmung“ findet ihre Grenze, wo Michael Jordan anders „dunken“ möchte als du. Wann ist „Einsicht in die Notwendigkeit“ ein Ausdruck von Vernunft? Wann einer des Sklavengemüts oder des „Ewigen Gatten“ wie Dostojewski ihn beschrieben hat? c) Die „Ungezwungenheit“ kann auch in „der Freizeit“ – wie du selbst schreibst – nur ein anderes Wort für äußersten Anpassungsterror sein („Sei einfach mal locker, Gabi!“).

    [Niemand steht für absolute Böswilligkeit und jeder ist auf seine Art aufrichtig. Die folgende Passage aus Milan Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ schildert den Moment nach Franz‘ Geständnis, er habe ein Affäre mit Sabina. Seine Frau reagiert „kalt und beharrlich“ und Franz realisiert: „Sein Leben lang hatte er gefürchtet, sie zu verletzen; nur aus diesem Grunde hatte er sich die freiwillige Disziplin einer verdummenden Monogamie auferlegt. Und nun mußte er nach zwanzig Jahren feststellen, daß seine Rücksicht völlig fehl am Platze gewesen war und er aufgrund dieses Mißverständnisses andere Frauen verloren hatte.“ Disziplin, Rücksicht, Missverständnis: so fasst Kundera eine zwanzigjährige Ehe zusammen und erklärt uns schnell und einfach, wieviel wir doch aufgrund sozialer Verträge tun oder nicht tun. Wo enden Konsens und Kompromiss und wo beginnt Verzicht und Zwang? Wo geht die Selbstverwirklichung in Egoismus über? Ist eine schonungslos ehrliche Kommunikation die Lösung – und wenn: ist sie möglich?]

    Was bleibt, liebster Ernst, von deinem Vorschlag? Es bleibt das, was du ganz oben als Bildunterschrift andeutest: Letzten Endes ist dir der behagliche, überschaubare und dir mit all seinen schönen Routinen komfortable Sicherheit gebende goldene Käfig lieber als der Käfig ohne Gitter. Und Ernst, du, der du so flink dabei bist, anderen das Wiederkäuen von Angelesenem vorzuwerfen, Sie öffentlich zu kompromittieren, sie coram publico des Falschspiels zu bezichtigen und dir unliebsame Fragen wie ein Stasi-Zensor, einer, der das Zentralkomitee, die „Avantgarde der Arbeiterklasse verteidigte“, einfach zu unterdrücken und so ihrer Beantwortung feige auszuweichen, du also, Ernst, solltest dich im Hinblick auf das, was du da in deinem Essay abgeliefert hast, mal fragen, ob du nicht viellecht einfach eine verkommene Kitschsehnsucht repetierst, die endemisch durchs „kollektive Unterbewusste“ (Heidegger nannte es „das Gerede“) flutet, wie man an den Entwichlungen in Polen, Ungarn, Dänemark, der Schweiz und auch bei uns (Pretzell, Höcke, etc.) beobachten kann.

    Das Leben, Ernst, ist nicht nur schön (das ist es vor allem!). Es ist auch voll von Dreck und Gemeinheit. Ein Riesenhaufen solchen Drecks sind beschönigende und narkotisierende Denkschablonen und Stereotype, vor allem die, welche uns die betörende Vielfalt der Möglichkeiten zugunsten einer „entschlossenen“ Selbsbescheidung ausreden wollen. Zu glauben, Schönheit und „Freiheit“ seien ohne Schatten zu haben ist „Flucht vor der Freiheit“ (Erich Fromm) und ist Kitsch, denn „Kitsch, lieber Ernst, ist die absolute Verneinung der Scheiße.“ (Kundera)

    „Der Streit zwischen denen, die behaupten, die Welt sei von Gott erschaffen, und denen, die denken, sie sei von selbst entstanden, beruht auf etwas, das unsere Vernunft und unsere Erfahrung übersteigt. Sehr viel realer ist der Unteschied zwischen denjenigen, die am Sein zweifeln, so wie es dem Menschen gegeben wurde (wie und von wem auch immer), und denen, die vorbehaltlos mit ihm einverstanden sind.

    Hinter allen europäischen Glaubensrichtungen, den religiösen wie den politischen, steht das erste Kapitel der Genesis, aus dem hervorgeht, dass die Welt so erschaffen wurde, wie sie sein sollte, dass das Sein gut und es daher richtig sei, dass der Mensch sich mehre. Nennen wir diesen grundlegenden Glauben das kategorische Einverständnis mit dem Sein.

    Wurde noch vor kurzer Zeit das Wort Scheiße in Büchern durch Pünktchen ersetzt, so geschah das nicht aus moralischen Gründen. Sie wollen doch nicht etwa behaupten, Scheiße sei unmoralisch! Die Mißbilligung der Scheiße ist metaphysischer Natur. Der Moment der Defäkation ist der tägliche Beweis für die Unannehmbarkeit der Schöpfung. Entweder oder: entweder ist die Scheiße annehmbar (dann schließen Sie sich also nicht auf der Toilette ein!) oder aber wir sind als unannehmbare Wesen geschaffen worden.

    Daraus geht hervor, dass das ästhetische Ideal des kategorischen Einverständnisses mit dem Sein eine Welt ist, in der die Scheiße verneint wird und alle so tun, als existiere sie nicht. Dieses ästhetische Ideal heißt Kitsch.

    Es ist ein deutsches Wort, das mitten im sentimentalen neunzehnten Jahrhundert entstanden und in alle Sprachen eingegangen ist. Durch häufige Verwendung ist die ursprüngliche metaphysische Bedeutung verwischt worden: Kitsch ist die absolute Verneinung der Scheiße; im wörtlichen wie im übertragenen Sinne: Kitsch schließt alles aus seinem Blickwinkel aus, was an der menschlichen Existenz im wesentlichen unannehmbar ist.“ (Milan Kundera „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ [Teil 6; Kapitel 5])

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