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Von 100 % auf 50 % = 15 Credit Points

Teilzeitstudium: nicht nur für studierende Eltern.

Im Informationszeitalter scheint vieles möglich. Es ermöglicht beispielsweise das Eintrudeln vieler Newsletter-Mails mit mehr oder weniger interessantem Inhalt. Ich gebe zu: Ich bin in vielen Newsletter-Verteilern angemeldet, und ja, ich gebe ebenfalls zu: Ich lösche den Großteil dieser Mails – ungelesen. Ich entschuldige mich bei allen, die sich die Mühe machen, schöne Newsletterinhalte zu kreieren, die ich dann frevelhaft verschmähe, obwohl ich sie haben wollte. Entschuldigung! Doch ein Newsletter zog meine Aufmerksamkeit auf sich wie ein Glas Wasser, wenn ich Durst habe. Da stand das magische Wort „Teilzeitstudiengang“.

Ich rieb meine dauerhaft müden Augen; ich kniff mich in den Arm, aber das Wort blieb. Diese Mail war eine Auserwählte, weshalb sie nicht im Ordner „gelöschte Mails“ landete. Nein, ich las sie!

Die Leuphana Universität hat entschieden: Ab WS 07/08 haben alle BA-Studierenden die Möglichkeit, ein Teilzeitstudium zu beantragen. Bis zur Überbelastung meiner Wangenfalten vor Grinsen freut mich diese Nachricht. Endlich beschlossen, endlich möglich. Das Studieren mit Kind lässt sich besser arrangieren und Studieren und Jobben vereinbart sich doch so viel besser. Da muss ich doch gleich mal schauen, wie ich das beantr… Ach nein! Mich betrifft das nicht mehr. Ich bin dann mal weg.

Ich erinnere mich jedoch noch gut an meine Anfangszeit. Eingeschrieben als Vollzeitstudentin mit einem kleinen Kind von 1 ½ Jahren. Irgendwie alles selbst gewollt. Also Augen zu, machen und hinein ins Studium. Für die letzten Jahre sollte dies mein Motto werden. Links und rechts Gucken war nicht mehr möglich. Vieles andere auch nicht. Und ganz ehrlich: Vollzeit studiert habe ich in den ersten Semestern nicht. Als Alleinerziehende mit einem Krippenplatz von 20 Stunden belief sich meine Studienzeit in den ersten Semestern höchstwahrscheinlich nie auf mehr als 20 bis 30 Stunden in der Woche. Da kamen keine Extras in Frage und das Studium konzentrierte sich auf das Nötigste. Ob das Teilzeitstudium etwas für mich gewesen wäre? Mal schauen wie es aussieht.

Ein Student, der zur Zeit im Vollzeitstudium 30 Credit Points (CPs) im Semester erwerben muss, hat stattdessen die Hälfte der Leistung an CPs zu erbringen, also 15 CPs und muss entsprechend weniger Seminare, Vorlesungen und Übungen besuchen. Um die Hälfte verringert sich auch die Studiengebühr von 500 € auf 250 € (Kredite für Studiengebühren werden angepasst), aus 100 Prozent mache also 50 Prozent. Das gilt nicht für die Verwaltungsgebühren, da bleibt es 100 Prozent. Auch die Rechnung der Regelstudienzeit geht anders. Diese verlängert sich von sechs auf zwölf Semester, also von 100 Prozent auf 200 Prozent. Nach zwölf Semestern hätte ein Teilzeitstudent seinen Bachelor. Genauso wie die Regelstudienzeit funktioniert die BAföG-Rechnung auch nicht so kausal. Im Teilzeitstudium sinkt die Förderung von 100 Prozent auf 0 Prozent. Eine Nachfrage beim BAföG-Amt hat dies ausnahmslos bestätigt.

Noch eine Überraschung hält diese neue Regelung parat. Es ist möglich vom Vollzeit- zum Teilzeitstudium zu wechseln und umgekehrt. Was das heißt, muss ich ja gleich einmal ausrechnen. Ganz Vollzeit sind drei Jahre und ganz Teilzeit macht sechs Jahre für den Bachelor. Variante 1: Wenn ich zwei Jahre Teilzeit studiere, macht das 60 CPs; ein Jahr Vollzeit macht auch 60 CPs; in zwei weiteren Jahren Teilzeit kommen noch mal 60 CPs hinzu. Nach fünf Jahren habe ich also die 180 CP voll. Variante 2: Ich mache erst ein Jahr Vollzeit mit 60 CPs und danach vier Jahre Teilzeit für 120 CPs. Fünf Jahre später bin ich fertig mit dem Bachelor. Variante 3: Erst zwei Jahre Teilzeit mit 60 CPs und danach zwei Jahre Vollzeit für 120 CPs. Macht summa summarum vier Jahre Studium. Variante 4: Ich wechsele in jedem Jahr und bin auch vier Jahre an der Uni. Ein Jahr Vollzeit sind 60 CPs, ein Jahr Teilzeit macht 30 CPs, dann wieder ein Jahr Vollzeit für 60 CPs und noch ein Jahr Teilzeit für 30 CPs. Der Master müsste entsprechend hinzugerechnet werden – für alle, die das interessiert.

Klingt kompliziert? Kompliziert wird es erst, wenn dazu kommt, dass die Studieninhalte in den BA-Studiengängen in zwei Winter- und Sommersemester aufgeteilt werden. Ein Studieneinsatzwechsler muss jeden Tausch seines Studieneinsatzes genau mit diesem Studienangebotsrhythmus abstimmen, damit er die entsprechenden Module abschließen kann. Daher empfiehlt es sich vor allem zu Beginn eines Studiums zwei Jahre Teilzeitstudium am Stück zu machen. Bleibt also das Motto: Wer die Wahl hat, hat die Qual.

Für was hätte ich mich wohl entschieden? Tor 3 klingt sehr verlockend. Puh, bin ich froh, dass ich diese Entscheidung nicht treffen muss. Ein sechsjähriges Teilzeitstudium plus zwei Jahre für den Master, dann wäre ich beim Studienabschluss, also dann wäre ich wie alt? Na, lassen wir das. Entsprechend dieser längeren Regelstudienzeit fallen auch die Langzeitstudiengebühren später an. Für zwei Semester im Teilzeitstudium verlängert sich die bisherige Regelstudienzeit um ein Semester.

Eines ist das Teilzeitstudium: Es ist ehrlich. Kein verstecktes Teilzeitstudium, sondern die offene Variante. Da, wo Teilzeit drauf steht, war auch nur Teilzeit drin. Das betrifft nicht nur Eltern, sondern u.a. auch Studierende, die ihr täglich Brot verdienen müssen und ebenfalls zeitliche Einschnitte erfahren. Studenten, die jobben müssen, um sich ihr Studium zu finanzieren, kommt diese Variante sicher auch zugute. Wenn jedoch Studieren mit Kind eine Einschränkung ist und Studieren und Jobben eine weitere, was ist dann mit studierenden Eltern, die nebenbei jobben, um den eigenen Unterhalt und den für das Kind zu finanzieren? Eigentlich müssten die ja bei null CPs im Studium ankommen. Ein Blick nach links oder rechts auf einige studierende Mitmenschen, die Arbeiten und Kinderbetreuung verbinden, zeigt jedoch etwas anderes.

Das Teilzeitstudium richtet sich an alle Studierende der Leuphana Universität, die sich in einem BA-Studiengang befinden oder einen aufnehmen. Einen Antrag stellen kann jeder. Prinzipiell werden alle, die ein Teilzeitstudium beantragen, zugelassen, wenn die Kapazitäten reichen. Ohne Formulare geht es natürlich nicht. Im Antrag müssen allerdings wichtige Gründe genannt werden. Dazu gehören: Erwerbs- und/oder Familientätigkeit, gesellschaftliches Engagement, Mitarbeit in einem Gremium an der Universität, eine schwerwiegende Krankheit oder die vielsagenden sonstigen Gründe.

Um ein Teilzeitstudium zu beantragen, sind mehrere bürokratische Hürden notwendig. Erstens muss der Antrag ausgefüllt werden, mit dem Wunsch zum Teilzeitstudium. Zweitens ist bei einem Wechsel vom Vollzeitstudium in ein Teilzeitstudium ein Beratungsgespräch verpflichtend, das auch allen anderen empfohlen wird. Dieses Beratungsgespräch muss in einem Nachweisformular bestätigt werden. Ansprechpartner für diese Beratungsgespräche sind die Major-Verantwortlichen bzw. die Studiengangsleiter. Nahe gelegt wird jedem Teilzeitstudenten, sich nach zwei Semestern erneut beraten zu lassen.

Was nicht mit dem Teilzeitstudium geht: ein Doppelstudium. Parallel zwei Teilzeitstudiengänge zu bestreiten ist nicht möglich. Das Teilzeitstudium gleicht das Defizit aus, das entsteht, wenn eine Studieneinschränkung vorhanden ist.

Ansonsten haben Teilzeitstudierende den gleichen Status an der Universität wie Vollzeitstudenten. Es halbiert sich nicht alles. Ein Teilzeitstudent hat nicht nur eine halbe Stimme bei AStA-Wahlen und bekommt auch nicht nur die Hälfte des Essens in der Mensa oder nur einen halben Stuhl im Seminarraum. Er darf auch keine halben Hausarbeiten abgeben. Vor allem sollte er keine halbherzigen Entscheidungen treffen, sondern mit vollem Verstand.

Infokasten:

Alle Vordrucke der Formulare können unter www.leuphana.de/teilzeitstudium über Links auf der Fußseite heruntergeladen werden. Auf der Seite befinden sich auch nützliche Fragen und Antworten rund ums Teilzeitstudium. Spätestens am 15. Juli zum jeweiligen WS müssen alle Unterlagen beim Immatrikulationsamt sein. 

Sabine Dupont

27. Juli 2008

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