Venus 2015 – kein schöner Platz für Frauen
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Venus 2015 – kein schöner Platz für Frauen

(c) Laila Walter
Pornodarstellerin zum Anfassen – (c) Foto: Laila Walter

Alle Jahre wieder findet im Berliner Funkturm die weltweit größte Erotikmesse statt. In einem Selbstversuch überprüfte ich meine eigenen Vorurteile und stellte fest: Schlimmer geht’s immer.

Die Berliner Erotik-Messe Venus zieht jedes Jahr zehntausende Besucher an. Diese sind vor allem männlich, aber auch einige Paare und sogar Frauengruppen besuchen regelmäßig das Sex-Spektakel am Funkturm. Was Männer dorthin zieht,kann ich mir denken: ein mal zahlen und dafür den ganzen Tag ungeniert auf Titten glotzen. Doch was bietet die Messe eigentlich uns Frauen? Schließlich scheinen wir dort ja eine ziemlich große, wenn nicht sogar die wichtigste Rolle zu spielen. Zumindest sehe ich überall Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts. Direkt hinter dem Eingang werden sie schon auf großen Bildschirmen übertragen; um genau zu sein, sehe ich nur ihr Geschlecht. Und Dildos, die die Frauen mechanisch penetrieren. Nicht gerade erotisch, aber zumindest weiß man gleich, wo man ist.

» Männerhorden scharen sich um eine nackte Frau und richten riesige Teleobjektive zwischen die Beine der Darstellerin «

Als nächstes geht es vorbei an riesigen Wühltischen mit Porno-DVDs und wenig ansprechend präsentiertem Sexspielzeug zu einem Bereich, der für die Männer besonders interessant zu sein scheint. Männerhorden scharen sich um eine nackte Frau und richten riesige Teleobjektive zwischen die Beine der Darstellerin, um möglichst genaue Aufnahmen ihrer Vagina zu ergattern. Es riecht nach Schweiß, die Männer grölen. Ich gehe schnell weiter, denn dieser Stand hat für Frauen nichts zu bieten.

Auf dem Weg in den nächsten Raum höre ich Männer durch Mikrofone ihre Pornosternchen anpreisen und für die, die es wirklich wissen wollen, gibt es Live-Sexshows in einer Kabine: zwei Frauen und ein Mann. In der Schlange zu dieser Show stehen, ich habe es nicht anders erwartet, nur Männer an. Ich ziehe also schnell weiter, passiere einen Hotdog-Stand nach dem nächsten und bin froh, dass nun wenigstens der Schweißgeruch überdeckt wird.

(c) Laila Walter
(c) Laila Walter

Ich betrete als nächstes eine große Halle mit Bühne und einer Liveshow. Hier scheinen sogar die paar Mädels im Publikum Spaß zu haben. Auf der Bühne tanzt eine junge Frau zum Song „Lady Marmalade“ aus dem Film Moulin Rouge und zieht sich Stück für Stück aus. Auch die Riesenobjektive sind wieder da. Später erfahre ich, dass diese Männer in der Szene „Fotografen“ genannt werden. Nicht gerade ehrenvoll für den Rest dieser Berufsgruppe.

» Frauen sind keine Ware! «

Gebannt auf den wackelnden Hintern der Tänzerin starrend, bemerkt keiner der Zuschauer, wie drei Femen-Aktivistinnen auf das Podest klettern. Nur mit Hotpants bekleidet und mit Penispistolen bewaffnet stürmen sie die Bühne. Auf ihren Körpern steht „NOT OUR VENUS“ geschrieben, sie brüllen: „Frauen sind keine Ware!“ Zum ersten Mal fühle ich mich auf dieser Messe so richtig wohl.

(c) Laila Walter
(c) Laila Walter

Doch leider nimmt die Aktion der mutigen Feministinnen ein jähes Ende. Es wird gebuht und gepfiffen. Securitymänner, so groß wie Stiere, zwingen die drei Frauen in die Knie und zerren sie von der Bühne. Der Mann neben mir brüllt: „Scheiß-Femen!“ Wieder lauter Beifall, die Frauen im Publikum klatschen mit.

Die Musik geht wieder an, der String der Tänzerin fällt und sie zieht sich einen langen Faden aus ihrer Vagina. Alles wieder beim Alten. Irgendwie enttäuscht es mich, dass die Frauen im Publikum so wenig solidarisch mit den Femen-Frauen sind. Schließlich wurde ziemlich ruppig mit ihnen umgegangen. Ich frage nach und bekomme immer wieder dieselbe Antwort: Die Aktivistinnen hätten gestört, schließlich tanzen die Mädchen ja freiwillig und überhaupt, so ein Oben-Ohne-Protest auf der Sexmesse sei doch totaler Quatsch. Frustriert räume ich das Feld. Doch noch gebe ich nicht auf. Irgendetwas muss diese Messe mir noch zu bieten haben.

Ich versuche es also mit einer weiteren Halle. Direkt am Eingang sehe ich den Stand von Beate Uhse. Hier ist es ruhiger als in den anderen Räumen, ich rieche weder Schweiß noch Wurst. Frauen und Paare schauen sich Gleitcremes und Vibratoren an, freundliche Beraterinnen erklären das Sortiment.

Mir fällt Uta, 50 Jahre alt, sofort ins Auge. Sie wirkt schon wie eine kompetente Sexspielzeugverkäuferin. Ich frage sie, warum hier eigentlich so wenig Frauen sind. Wenig? Uta schüttelt den Kopf. In den letzten 20 Jahren habe sich die Venus sehr verändert. Früher sei alles nur Porno gewesen. Heute präsentieren sich auch weibliche Besucherinnen stolz, so erklärt sie mir. Frauen verdienen ja heute auch viel besser als früher, können also selbst entscheiden, mit welchem Sexspielzeug die heimische Nachttischschublade bestückt wird. Auch seien Frauen wesentlich anspruchsvollere Kundinnen. Sie legen Wert auf Beratung, wollen anfassen und mögen ein schönes Ambiente.

Genauso verhalte es sich auch mit Sexfilmen, erfahre ich. Diese werden laut Uta sehr wohl auch von Frauen geguckt. Nur eben mit mehr Anspruch. Der Handwerker, der ein Rohr verlegen will, sei schon lange out. Meine letzte Frage ist, was sie denn von Aktivistinnen wie den Femen hält. Sie schüttelt den Kopf und erklärt mir, dass die Mädels heute alle selbstbestimmt und selbstbewusst seien. Und wenn die eine oder andere halt ein bisschen nymphomanisch veranlagt sei, so what? Es sei doch völlig ok, sich auf diese Weise das Hobby zum Beruf zu machen.

Ich finde Uta toll. Ich bin nicht in allen Punkten Utas Meinung, keins der nackten Mädchen hatte rote Wangen und ein Strahlen in den Augen, als es sich von den Schwitztypen fotografieren oder angrapschen lies. Aber Uta arbeitet ja immer noch für Beate Uhse und nicht für Alice Schwarzer. Und ihre Grundmessage war klar: Frauen haben viel mehr Platz auf dieser Messe verdient. Schließlich haben wir genauso gerne Sex wie Männer! Mein Treffen mit ihr versöhnt mich wieder ein bisschen mit der Venus, die alles in allem kein schöner Ort für Frauen ist. Sie hat uns kaum etwas zu bieten, um weiblichen Sex geht es hier nicht.

Liebe Veranstalter, ich möchte mehr Stände wie den von Beate Uhse und unbedingt noch mehr Frauen wie Uta auf der nächsten Venus sehen. Sie machen eure Messe zu einem besseren Ort.

Autorin: Laila Walter

23. Oktober 2015

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