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Unter Elchen

Neuanfang in Schweden. Ob als Kulisse für packende Kriminalromane oder als Schauplatz einer königlicher Hochzeit: Schweden ist angesagt. Dem einen reicht ein Besuch beim schwedischen Möbelunternehmen, um die Skandinavien-Sehnsucht zu stillen, die andere begibt sich zum Urlaub ins Land der Elche. Mehr und mehr gibt es aber auch Menschen, die es dauerhaft in den Norden zieht. Ihnen erscheint Schweden oft als ein letztes Stückchen heile Welt. Das Land verbindet vieles, was man sich wünscht: hochentwickelte Infrastruktur und ein gutes Bildungssystem, aber auch unberührte Natur und Menschlichkeit. Das Sozialsystem und die Gleichstellungsregelungen haben Vorbildcharakter.

Schweden präsentiert sich weltoffen. Fast 14 Prozent der Einwohner Schwedens sind in einem anderen Land geboren. Dieser Teil setzt sich sowohl aus Arbeitsmigranten als auch aus Flüchtlingen zusammen. Im Regierungskabinett gibt es für Integration sogar einen eigenständigen Ministerposten.

Linda und Reiner packten 2005 die Koffer, verkauften ihr Haus in Dänemark und erwarben ein Gut in Schweden. Beide hatten gut bezahlte Stellen, doch das Leben im Ballungsraum Kopenhagen war ihnen zu hektisch. Im Süden Schwedens liegt ihr neues Zuhause, das sie zum Bed and Breakfast umgestaltet haben. Von Vartorps Gård aus können die Gäste Kanu fahren und wandern gehen. Für Linda und Reiner ist ihr Traum vom „einfachen guten Leben“ wahr geworden.

Auch Nils* aus dem Ruhrgebiet hat es nach Schweden verschlagen. Für den Arzt waren vor allem attraktivere Arbeitsbedingungen und ein besseres Gehalt ausschlaggebend für den Umzug. Eigentlich hätte Nils andere Ländern bevorzugt. „Dass es letztendlich Schweden geworden ist, lag nur daran, dass die Organisation einfach ging.“ Als EU-Bürger kann man von jetzt auf gleich anfangen, in Schweden zu arbeiten. Bleibt man länger als drei Monate dort, muss man ein Aufenthaltsrecht beantragen. Dies wird problemlos gewährt, sofern man nachweisen kann, dass man finanziell versorgt ist oder einen Studienplatz in Schweden hat.

Der Neuanfang in Schweden gestaltet sich gerade für Mitteleuropäer einfach. Die Kulturen ähneln sich. Sprachliche Parallelen erleichtern die Anpassung. Allerdings kann die vielgepriesene Ruhe und Natur auf Dauer auch zu viel des Guten werden. Nils vermisst „größere Städte und die damit verbundenen kulturellen Angebote.“ Kein Wunder: In Deutschland müssen sich rund 230 Menschen einen Quadratkilometer Land teilen, in Schweden sind es nur 23. Da kann es gerade im hohen Norden manchmal einsam werden.

Klaas* hingegen ist gerade von der Weite Schwedens fasziniert. Er verließ die Niederlande, weil es ihm dort an Rückzugsorten außerhalb der Städte mangelte. Nun hat er ein kleines Häuschen mitten im Nirgendwo. Zum Rasenmähen hat er eine Schafherde und hin und wieder schauen Elche in seinem Garten vorbei. Klaas genießt die Atmosphäre auf dem Land. Die Grundstimmung unter seinen Landsleuten wurde ihm zu aggressiv. Mit seinen schwedischen Nachbarn trifft er sich gerne mal, auch wenn es nun die schwedische Gelassenheit ist, die ihn ab und an in den Wahnsinn treibt.

Schweden kann begeistern, aber manchmal kommt der Neuanfang dennoch anders als gedacht. Insa* hatte schon alles in die Wege geleitet und saß auf gepackten Koffern. Sechs Tage vor ihrem Abflug traf sie sich zum Abschiedsessen mit ihrem Noch-Mitbewohner. Aus dem Abschied wurde der Anfang einer Liebe und Insa blieb in Deutschland. Da war selbst Schwedens Ruf nicht laut genug.

* Namen v. d. Redaktion geändert

Von Michelle Mallwitz

2. November 2010

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