Univativ Platten des Monats – März
Ausprobiert, Titelblatt

Univativ Platten des Monats – März

UNSER AUTOR JULIAN VERRÄT EUCH JEDEN MONAT, WAS ES NEUES IN DER WELT DER MUSIK GIBT.
LEST HIER, WELCHE BANDS SICH WIRKLICH LOHNEN UND VON WELCHEN IHR BESSER DIE FINGER LASSEN SOLLTET. UND FÜR ALLE, DIE NIE GENUG MUSIK BEKOMMEN, GIBT’S NOCH EINE SPOTIFY-LISTE MIT DEN BESTEN SONGS.

Wie unser Autor: ein Händchen für Musik / (C) pixabay - Unsplash
Wie unser Autor: ein Händchen für Musik / (C) pixabay – Unsplash

Die Platten des Monats gehen in die zweite Runde. 2016 ist immer noch blöd und die Welt geht immer noch vor die Hunde. Aber was will man machen? Gar nicht so leicht zu beantworten. Man muss sich einfach kleine Dinge suchen, über die man sich noch freuen kann. Zum Beispiel kommen die Vögel momentan aus dem Süden zurück. Wenn die Eltern nicht gerade von einem Italien-Urlaub heimwärts fahren, ist dies meist Anzeichen für den beginnenden Frühling! Und der gesellschaftliche Konsens besagt, dass man den Frühling gefälligst schön zu finden hat!  Immerhin.

Wer also die Zeit bis zum gesellschaftlich geduldetem Biertrinken in öffentlichen Parkanlangen mit etwas Musik überbrücken will, dem sei hier die TOP 3 des März 2016 ans Herz gelegt. Außerdem – wie immer – der Lamborghini der Kulturkritik: der Verriss, der Flop des Monats.

Platz 3: Damien Jurado – Visions Of Us On The Land

Damen Jurado / (c) Secretly Canadian
Damien Jurado / (c) Secretly Canadian

Damien Jurado ist der klassische Geheimtipp. Seine Karriere begann in Seattle, natürlich in den 90ern. In welchem anderen Jahrzehnt hätten Musikerkarrieren in Rain City auch sonst starten können?

Nach selbstproduzierten sowie selbstveröffentlichten EPs wurde das damalige Kultlabel Sub Pop schnell auf ihn aufmerksam und finanzierte ihm sein erstes Album. Seitdem hat Jurado sage und schreibe 13 Alben aufgenommen, immer zwischen Lo-Fi Folk und Indie-Rock;  aber meist ohne das berühmte gewisse Etwas.

2010 nahm er dann ein Album mit dem Produzenten Richard Swift auf. Letzterer verlieh den bisher eher schlichten Songs dann eben jenes Etwas. Der Sound bewegte sich von klassischem Folk-Pop hin zu Sixties Folk, der fast sogar ein bisschen swingt.

Mit Swift nahm Jurado daraufhin eine Konzeptalben-Trilogie auf, deren letzter Teil Visions Of Us On The Land ist. Der Sixites Sound bleibt, wird aber um eine klare psychedelische Note erweitert. Neben obligatorischen Akustikgitarren, Streicherarrangements und Harmoniegesängen, reihen sich nun auch verzerrte Fuzz-Gitarren ein. Aber auch experimentelle Sounds werden aufgefahren, etwa ein Cembalo oder sogar Saxophonsoli, die heutzutage ja nun wirklich entweder als ironisch oder experimentell zu verstehen sind. Während die erste Hälfte des Albums also einiges an Opulenz, ja beinahe Epik bietet, wird in der zweiten Hälfte stark zurückgerudert: Die Songs werden minimalistisch, häufig nur Jurado an der Akustikgitarre mit ein paar Streichern oder Gitarren als Untermalung. Ab und zu fühlt man sich hier an die Bright Eyes oder sogar an Dylan erinnert (Queen Ann).

Alles in allem bleibt das Album aber, trotz aller psychedelischen Einflüsse, eingängig. Denn es ist – sehr genreuntypisch – kaum ein Track länger als dreieinhalb Minuten.

Für mich persönlich der Frühlingssoundtrack, abseits von all dem Dance-Pop, der sonst häufig als solcher klassifiziert wird.

Platz 2: Kendrick Lamar – untitled uNmastered

Kendrick Lamar / (c) imago
Kendrick Lamar / (c) imago

Eigentlich wollte ich für den letzten Artikel unbedingt Kanye Wests Life Of Pablo rezensieren. Jedoch wurde das Album dann überraschend von allen gängigen Streamingdiensten (außer TIDAL) entfernt. Die Gründe dafür sind bekannt: West war mit seinem Album schlicht nicht zufrieden, obwohl es von der Presse gefeiert wurde. Erst jetzt, während ich diesen Artikel schreibe, ist das Album wieder auf allen Kanälen zu hören. Doch wie sagte schon Michail Gorbatschow? Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Kanye muss wohl oder übel damit leben, in der Univativ nicht besprochen zu werden. Wer weiß, womöglich hätte es ihm peinliche Bettel-Tweets an Mark Zuckerberg erspart.

Betrachtet man jedoch nur die Art, wie West mit seiner Musik umgeht, ist der ganzen Misere unter Umständen aber doch noch eine Erkenntnis abzugewinnen: Muss es das fertige Musikalbum als vollendetes Kunstwerk überhaupt noch geben? Wieso sollte man Monate lang an Feinheiten feilen, wenn man das Album einfach von den gängigen Plattformen entfernen, überarbeiten und schließlich wieder hochladen kann? Durch die Digitalisierung verändert sich eben nicht nur die Musikindustrie, sondern auch die Musik selbst.

Kendrick Lamar schlägt mit seinem Untitled Unmastered in eine ähnliche Kerbe. Hierbei handelt sich um ungenutztes Material von seinem, zurecht mit einem Grammy ausgezeichneten Album To Pimp A Butterfly. Dieses Material hat Lamar mehr oder weniger unangekündigt veröffentlicht.

Demos from To Pimp A Butterfly. In Raw Form. Unfinished. Untitled. Unmastered.„, sagt er selbst über seine Veröffentlichung. Zunächst weiß man auch nicht so recht, was man davon halten soll. Handelt es sich hier um eine B-Seiten Compilation aus Liebe zu den Fans? Oder will Lamar einfach nur der Welt zeigen, was er drauf hat – dass sogar die Songs, die es nicht aufs Album geschafft haben, der Konkurrenz meilenweit voraus sind?

Egal! Was für mich wirklich wichtig an diesem Album ist, ist der Einblick in den Schaffensprozess eines sehr talentierten Musikers. Und das wirft wieder die eingangs behandelte Frage auf: Wenn man die kreative Arbeit eines Künstlers im Netz verfolgen kann, unfertiges veröffentlicht und rezensiert werden kann, was bedeutet das für die Musik?

Eben diese ist trotz ihres Daseins als B-Material, den Erwartungen entsprechend, sehr gelungen. Die Tracks wirken wesentlich unstrukturierter und experimenteller als auf To Pimp A Butterfly. Aber höchstwahrscheinlich wäre unfertig das richtige Wort.  Allerdings gibt es auch Titel, die ohne Weiteres fertig sein könnten (Untitled 05). Stilistisch geht es auch hier wieder jazzmäßig ab. Jedoch bewegt sich der Sound ab und zu auch in elektronischere Gefilde.

An sich ist zu den Songs auch nicht allzu viel zu sagen. Am besten sieht man es eher als Dokumentation von der Entstehung eines preisgekröntem HipHop-Albums. Mehr Making-Of findet man vermutlich nicht mal in einer Herr der Ringe DVD-Box.

Platz 1: Iggy Pop – Post Pop Depression

Iggy Pop / (c) Kevin Winter, Getty Images
Iggy Pop / (c) Kevin Winter, Getty Images

Was ist eigentlich gerade los? Es bleibt kaum Zeit zum Luftholen, so schnell verabschieden sich viele großartige Menschen innerhalb kürzester Zeit von dieser Welt: Lemmy Kilmister, David Bowie und sogar die richtigen Rockstars wie Hans-Dietrich Genscher haben keinen Bock mehr. Von den wirklich Großen des vergangenen Jahrtausends scheint es immer weniger zu geben. Ein Trend der vermutlich auch in nächster Zeit nicht abreißt; Bob Dylan wird nicht jünger und die Rolling Stones sehen schon seit 20 Jahren nicht mehr frisch aus.

Wer noch nie wirklich frisch aussah, ist ja bekanntlich Iggy Pop. Der berühmt berüchtigte Oberkörper des alten Mannes wird ja häufig mit Krokodil-Handtaschen oder dem Gesicht von Wolfgang Joop verwechselt. Wer hätte gedacht, dass Jahre des Drogenmissbrauchs sich dann doch so deutlich zeigen? Na ja, auf jeden Fall ist der Gedanke, in Anbetracht des bisherigen Lebenswandels mit 68 Jahren eine Art Abschiedsalbum aufzunehmen, nicht so weit weg. David Bowie hat es mit seinem spektakulären Blackstar vorgemacht. Da Iggy Pop aber seit 30 Jahren keine hörenswerte Platte aufgenommen hat, holte er sich Verstärkung ins Boot.

Als ich von der Idee hörte, dass Iggy Pop ein Album mit dem Songwriter und Gitarristen von (unter anderem) Queens Of The Stone Age, Josh Homme, aufnimmt, erinnerte ich mich sofort an das gemeinsame Album von Lou Reed mit den Metal-Parodisten Metallica. Und wenn es etwas gibt, worüber sich nicht diskutieren lässt, dann, dass dieses Album mit dem bezeichnenden Namen Lulu der totale Schmu war.

Aber glücklicherweise weiß Josh Homme in der Regel was er tut. Über das von ihm produzierte Album von den Arctic Monkeys kann man streiten; seine Band Them Crooked Vultures mit Dave Grohl an den Drums und Led Zeppelin Legende John Paul Jones am Bass war zwar gut, klang dann aber doch so wie eigentlich jede andere Platte mit Homme an der Gitarre auch. Der Mann hat über die Jahre nun mal einen sehr speziellen Stil und Sound entwickelt, den er vermutlich nicht so leicht ablegen kann.

Auf Post Pop Depression finden Homme und Pop aber einen guten Mittelweg. Das Ganze klingt nach Homme und seinem Desert-Rock, aber auch nach Iggy Pops Minimalismus. Hervorzuheben ist aber auch das Bassspiel von Dean Fertita, dass häufig tragende Rollen übernimmt, sowie das trockende Drumming von Arcitc Monkeys Trommler Matt Helders. Homme schüttelt passend dazu verträumt umspielende Gitarrenmelodien, aber auch aufregende Riffs aus dem Flanellärmel.

Das Highlight das Albums ist aber ganz klar Iggy Pops Vortrag. Zunächst seine tiefe, monotone Stimme, die eindeutig nicht mehr das kann, was sie mal konnte. Das Schwächliche wurde nicht durch Studiotechnik  aufgeputscht; sie wurde so auf Platte gepresst wie sie ist – und das alleine unterstricht schon wunderbar den Albumtitel! Das Wichtigste an dem Album sind aber die Texte. Pop spricht von verflossenen Liebschaften, vom kaputten Musikbusiness aber auch von seinem Dasein als lebenslange Kunstfigur und seinem Leben on the Road („I’ve got nothing but my name“ in American Valhalla) und letztlich immer wieder vom Tod. Besonders spannend wird es auch, wenn Iggy von der sagenumwobenen Zeit mit David Bowie im West-Berlin der 70er Jahre (German Days) erzählt. Der in den Songs beschriebene Hedonismus  lässt einen jede Legende, die man aus dieser, für die Popmusik prägenden Zeit kennt, glauben. Iggy Pop nimmt so also auch von seinem Freund und Wegbegleiter David Bowie Abschied. Vielleicht ist es das, was dieses Album so gut macht.

Flop des Monats:

Zugegeben: Ich konnte diesen Monat nicht alles hören, was ich mir vorgenommen hatte. Es gab auch nicht den einen großen Blockbuster, der unbedingt hätte gehört werden müssen. Deshalb fiel es mir schwer, einen Flop des Monats auszumachen. Nach langem Ringen habe mich dann aber für AnnenMayKantereit mit Alles Nix Konkretes entscheiden müssen. Oft gefragt ist ohne Frage eine starke Nummer; der Text ist wirklich ergreifend und fast jeder Moment eine Hook; Instrumental zwar konservativ, aber funktional. Der dritte Titel Es geht mir gut ist dann aber wirklich einfach nicht gut! Sorry!

Tut mir leid, da einigen Leuten auf die Füße zu treten. Auch weiß ich, dass AnnenMayKantereit-Bashing irgendwie angesagt ist – aber ich fühle mich bei diesem Lied an den Gewinner des Grevenbroicher Bandcontests, organisiert vom lokalen Jugendzentrum – erinnert. Der Text versucht irgendwie das Lebensgefühl unserer Generation zu beschreiben, verliert sich aber in Floskeln und ist frei von jedem Witz oder Ironie. Die Gitarren schrammeln ebenso uninspiriert vor sich hin, soundlich wie spielerisch. Und ganz ehrlich: nach knapp zehn Minuten Spielzeit geht mir die Stimme von Henning May dann auch auf die Nerven. In einem Interview sagte er einmal: „Im echten Leben reimt man nun mal Haus auf Maus, das echte Leben ist keine französische Literatur.“ Das lasse ich jetzt einfach mal so für sich stehen.

ZU JULIANS dazugehöriger SPOTIFY-PLAYLIST MIT DEM BESTEN AUS märz 2016 GEHT’S HIER. VIEL SPASS!

Autor: Julian Münsterjohann

 

8. April 2016

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