Univativ Platten des Monats – Februar
Ausprobiert, Titelblatt

Univativ Platten des Monats – Februar

Unser Autor Julian verrät euch jeden Monat was es Neues in der Welt der Musik gibt.
Lest hier, welche Bands sich wirklich lohnen und von welchen ihr besser die Finger lassen solltet. Und für alle, die nie genug Musik bekommen gibt’s noch eine Spotify-Liste mit den besten Songs.

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Das Jahr 2016 fing genauso an, wie das vorherige aufgehört hat: beschissen!
Die Welt geht vor die Hunde; auf nichts ist mehr Verlass, außer auf die Hobby-Nazis im Tal der Ahnungslosen. Außerdem ist David Bowie tot, Roger Willemsen und Umberto Eco auch; Klassiker des Menschseins, wie die Vernunft, scheinen ihnen gefolgt zu sein. Ja, selbst moralische Instanzen, wie Peter Lustig sind nicht mehr.

Wo soll das alles noch enden? Gibt es überhaupt noch Hoffnung für die Menschheit? Einen Sinn des Lebens in einer kaputten Welt?
Ja! Denn es gibt eine neue Rubrik bei Univativ: Die Platten des Monats.
Diese Rubrik, dessen Inhalt so ungewöhnlich ist, wie ihr Name es verspricht, soll tatsächlich monatlich veröffentlicht werden und die Top 3 – Top 7, je nach musikalischer Qualität des Monats, des Autors umreißen (kein Anspruch auf Vollständigkeit!).
Doch damit nicht genug! Zusätzlich gibt es noch eine handverlesene Spotify-Playlist, mit Schmankerln des jeweiligen Monats. Hier sind auch Titel zu finden, von denen es das Album leider nicht unter die Favoriten geschafft hat. Denn auch das blinde Huhn findet ja ab und zu das vielbeschworene Korn.
Was natürlich auch nicht fehlen darf, ist der Iron Man der Kulturkritik: der Verriss! Deshalb abschließend der Flop des Monats.

Hier für euch: der Februar!

Platz 5: Ra Ra Riot Need Your Light

Wer sich schon seit längerem für Indie-Pop oder -Rock begeistert, wird früher oder später auf den Namen Ra Ra Riot gestoßen sein. Aber auch wer sich an späten Nachmittagen auf den großen Festivals des Landes vergnügt hat, hätte sich Bierpong und Dosenstechen von der Band untermalen lassen können. Immerhin gibt es die schon seit 2006. Eine klassische 17:00 Band also, die immer ganz nett anzuhören ist, aber nachhaltig nicht so stark eindrückend ist, dass man den Namen mal googlet.

Ra Ra Riot /(c) Shervin Lainez
Ra Ra Riot /(c) Shervin Lainez

Mit dem neusten Machwerk der Band könnte sich dieses Vorurteil aber ändern! Der Sound ist zunächst modernisiert worden. Auch wird hier jetzt gepoppt, wie man das heute so macht: mit einer gesunden Mischung aus Latex und Organischem. Man hört Synthesizer neben Gitarren, einem Klavier oder zumindest analog anmutenden Drums – und Hilfe: der 80s Slap-Bass ist zurück (Bad Times).

Richtig in Fahrt kommt das Album aber erst ab der Mitte. Ab Need Your Light entsteht etwas Eigenes. Klingt fast ein bisschen, wie eine Mischung aus Vampire Weekend und Journey, aber in geil!


Platz 4: Dr. Dog The Psychedellic Swamp

Jaaaaa, Dr. Dog, was soll man dazu noch sagen? Wie man in letzter Zeit ja so oft liest, müssen Dr. Dog wohl irgendwas durchgespielt haben. Vielleicht den Indie-Rock? Warum sonst sollte man sein verschollenes Debütalbum erneut aufnehmen? In Fankreisen und diesem Internet geisterten immer wieder Aufnahmen umher, die Songs waren hauptsächlich elektronischer Natur, aber vom Songwriting dann doch teilweise interessant. Also entschloss sich die Band, auch auf Wunsch vieler Fans das Album komplett neu aufzunehmen. Auch ehemalige Mitglieder nahmen daran teil, was dem Ganzen natürlich von vornerein und ungehört einen gewissen Spirit verleiht. Hat man die Platte dann aufgelegt, weiß man erst einmal nicht so genau – relativ unspektakulärer Retro-Pop, mit extra viel 60s Vibe. So weit, so beliebig.

Dr. Dog /(c) Anti
Dr. Dog /(c) Anti

Der zweite Titel wird dann deutlich interessanter. Zwar immer noch 60s, aber von denen nur das Beste.

Die Songs und der Sound machen dem Albumtitel alle Ehre. Psychedelische Gitarren Sounds und verspielter Gesang, alles da, wo Mutti und Vati zu hätten knutschen können, oder Häuser besetzen, je nachdem.

Trotzdem klingt das Album sehr eigenständig, und kopiert nie zu plakativ! Vor 50 Jahren wären die Jungs Weltstars gewesen!


Platz 3: The Prettiots Funs Cool

Wer auf den frühen Adam Green steht (Ich) wird diese Platte lieben! Die Single Boys (I dated in Highschool) ist auch dank des Videos ein kleiner Indie-Hit geworden, der schön ironische Text könnte auch problemlos Stoff für mehrere Buzzfeedartikel liefern. Umso erstaunlicher, dass diese Aussage auch für fast alle anderen Texte auf der Platte gilt. Sofort erinnert man sich an Indie-ComingOfAge-Filme wie Juno oder Superbad und irgendwie auch an die eigene Jugend, als Facebook und Konsorten noch in den Kinderschuhen steckten. In den Songtexten werden SMS verschickt und für Schauspieler der US-Serie Law&Order geschwärmt.

the prettiots /(c) beggars group
The Prettiots /(c) beggars group

Ein Album für Kinder der 90er. Einfach schön. Eindeutige Anspieltipps gibt es leider nicht, da wirklich jeder Song eine eigene Geschichte erzählt. Für dieses Album sollte man sich also Zeit nehmen und es nicht nur nebenbei hören. Auch hier bricht das Album also mit dem Zeitgeist!


Platz 2: DIIV Is The Is Are

Zachary Cole Smith ist vielleicht der Pete Doherty der 10er Jahre. Das letzte Album seiner Band DIIV ist bereits vier Jahre alt. Seitdem viel er eher durch Drogeneskapaden und Beziehungen, aber auch als Modell auf. Durch Drogenentzüge und andere Beschäftigungen, kam er nach eigener Aussage einfach nicht zum Musik schreiben. Jetzt hat er sich aber wohl doch aufraffen können und das zweite Album Is The Is Are aufgenommen. Im Gegensatz zum Vorgänger ist der Sound und der Inhalt der Songs wesentlich düsterer, was laut Smith durch gerichtlich verordneten Drogenentzug bedingt ist. Genremäßig hat sich aber sonst nicht viel getan; man hört immer noch eine Musik irgendwo zwischen Shoegaze, Krautrock, Post-Punk oder psychedelischem Pop. Allerdings wird Pop beim Zweitling deutlich größer geschrieben.

DIIV /(c) captured tracks
DIIV /(c) captured tracks

Zwar gibt es noch immer ausgedehnte, repetitive Instrumentalparts, allerdings ist alles wesentlich melodischer und eingängiger. Smith liefert eine Gitarrenarbeit, bei der jedem Fan von handgemachter Musik das Herz aufgehen müsste. Bei dieser Art von Musik gibt es zwar selten die große Hook, die Atmosphäre ist dafür aber großartig. Letztendlich klingt alles irgendwie nach Drogen, allerdings nach gut ausbalanciertem, ungestrecktem Stoff!


Platz 1: Me and My Drummer Love Is A Fridge

Bisher für mich immer eher Phänomen als große Popmusik, Indie-Pop mit Elektronik und einer weiblichen Stimme; ein Name der irgendwie nach Schülerband klingt, aber auch nach Berlin-Mitte. So what? Aber schon nach erstmaligem Hören von Love is A Fridge wusste ich, dass ich dem Berliner Duo Unrecht getan habe!

Me and my Drummer / (c) Sashberg
Me and my Drummer / (c) Sashberg


Doch von Anfang an: Eigentlich sollte das zweite Album schon vor einiger Zeit erscheinen, Drummer Matze und Sängerin Charlotte entschieden sich jedoch dazu, alles nochmal komplett einzustampfen, die Tonbänder zu verbrennen und noch mal komplett von vorne anzufangen.

Und anscheinend hat das der Musik sehr gut getan. Der Zweitling zeigt sich zu Beginn sphärisch und ein wenig mystisch, ähnlich dem Vorgänger; beim zweiten Song wird aber eine andere Richtung deutlich. Modern produzierter 80s-Pop groovt und bubblelt durch die Boxen. Auch Track drei überzeugt, wenn auch wieder experimenteller anmutend. Die beiden folgenden Pentonville Road und Prague I & II sind dann der ganz große Pop. Es fehlt an nichts: Drama, hymnische Melodien und aussagekräftige Texte. Und das alles, ohne Klischees zu bedienen!

Auch die zweite Hälfte des Albums leistet sich kaum Schwächen, musikalisch wie inhaltlich. Hervorzuheben ist der Titel Tie Me Bananas, in dem der sterbende Christoph Schlingensief beziehungsweise der Tod allgemein thematisiert wird – alles ohne Pathos, in einem in 80s-Manier groovendem Korsett.

Me and My Drummer liefern hier Indie-Pop, den man besser fast nicht machen kann. Es gibt große Hymnen mit klarem Singlecharakter. Aber auch Experimentelles und hier und da auch mal Ausbrüche, instrumentell, wie gesanglich. Nichts wirkt überflüssig aber auch nichts überkalkuliert. Für mich klar das Album des Monats!


Flop des Monats:

Wo Licht ist, ist auch Schatten. In der Musikwelt kommt ja bekanntlich auf einen kurzen Lichtstrahl meistens eine totale Sonnenfinsternis. Auch diesen Monat herrschen entsprechende Verhältnisse. Es gab ein Album der Deutschpopper TÜSN, was neues von Kurdo etcetera.

Mein persönliches Lowlight des Monats ist aber leider das Album des Ex-Blumfeld Frontmanns Jochen Distelmeyer: Songs From The Bottom. Distelmeyer covert hier Popsongs im Akustikgewand. Die Bandbreite ist groß, es geht von Lana del Rey über Radiohead zu Avicii. Nüchtern betrachtet klingt das alles auch ganz gut. Video Games zum Beispiel hat ein schönes Arrangement und der Text kommt zur Geltung. Auch die Avicii Nummer klingt eher nach Radiohead als nach dem Originalinterpreten.

Das Problem an der Sache: Was soll das? Was soll uns das Album sagen? Will Distelmeyer die künstlerische Tiefe von Mainstream Pop herausstellen? Oder genau das Gegenteil, dass Britney Spears (Distelmeyer covert Toxic) und Radiohead (Pyramid Song) im Grunde gar nicht so weit auseinander sind? Fragen über Fragen, die sich eigentlich gar nicht stellen würden, wäre Distelmeyer nicht Distelmeyer.

 

Zu julians Spotify-Playlist mit dem besten aus Februar 2016 geht’s HIER.
Viel Spaß!

Autor: Julian Münsterjohann

28. Februar 2016

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