Univativ Platten des Monats – April
Ausprobiert, Titelblatt

Univativ Platten des Monats – April

Auch diesen Monat präsentiert euch unser Musikexperte Julian wieder seine drei Lieblingsplatten. Und den Flop des Monats.

/ (C) CErixsson | Aphotographyblog.org
/ (C) CErixsson | Aphotographyblog.org

Auch diesen Monat beginnt mein Artikel mit 2016 Bashing. Positive Worte zu finden fällt mir immer schwerer. Waren es letztes Mal noch die Vögel aus dem Süden und der kommende Frühling, muss ich mittlerweile wesentlich tiefer in der Motivationskiste wühlen.

Ständig stirbt jemand, in großen Teilen der Welt herrscht Krieg und in einem der wichtigsten Länder der Welt ist es tatsächlich denkbar, dass ein komplett Irrer an die Macht kommt. Man könnte meinen, ich spreche von einer Staffel Game of Thrones, meine aber leider die Realität.

Doch wenn man dann aus dem Fenster guckt, merkt man ja zum Glück nichts davon. Puh! Wäre ja auch noch schöner! Das Wetter scheint sich ja so langsam auch zu stabilisieren. Jetzt im Mai ist der Frühling tatsächlich da; im April mussten wir aber bekanntlich ein großes Durcheinander über uns ergehen lassen. Es ist viel passiert, mal war es sehr schön und angenehm; ein paar Stunden später – Regen, Schnee oder Hagel, kompletter Schmu also. Und witziger Weise lässt sich das Aprilwetter auch auf die Musikveröffentlichungen im April übertragen. Es ist viel passiert, viel Gutes, aber auch viel Schlechtes. So viel, dass ich mit dem Hören kaum hinterher gekommen bin. Nach langem Abwägen konnte ich mich nun aber doch zu einer Top 3 durchringen. Und natürlich auch dieses Mal wieder zum Arnold Schwarzenegger der Kulturkritik – dem Veriss, formally known as: der Flop des Monats.

Für alle, die dann noch nicht genug haben, empfehle ich noch meine Spotify-Playlist mit den Highlights des Aprils 2016.

 

Platz 3: Trümmer – Interzone

„Anfang 20 und vollkommen kaputt. Ich hat’ mal Ambitionen, jetzt hab’ ich nur noch Stress. Während der Rest Karriere macht, mach ich weiter wie bisher und bleib erst mal im Bett.“

Trümmer / (C) Alexandra Kinga Fekete
Trümmer / (C) Alexandra Kinga Fekete

Las man doch letztens noch in einschlägigen Nachrichtenmedien, dass die heutige Jugend langweilig sei, entwerfen Trümmer auf ihrem neuen Album einen beinahe romantischen Gegenentwurf zur Generation Y und ihrer Selbstoptimierung und Selbstkontrolle, manifestiert durch Fitnessapps und Nahrungsfaschismus. Sänger Paul Pötsch berichtet von Drogen, Sex und Liebe. Dies aber nicht wie Axl Rose, sondern wie Oscar Wilde. Nicht umsonst wird in dem Song Dandys im Nebel Dorian Gray thematisiert. Immer wieder wird der Kontrollverlust zelebriert; oder an ihm gescheitert. Denn bei allem Pop-Appeal, den die Songs der Band versprühen, liegen aber über allem immer noch Zukunftsängste – die Angst, dass man den hedonistischen Lifestyle womöglich nicht immer so weiterführen können wird, oder, falls man sich doch treu bleibt, irgendwann dran krepiert.

Nach dem ersten Durchlauf mögen Pötsch Texte vielleicht pathetisch wirken, Songtitel wie Europa Mega Monster Rave eventuell albern. Aber spätestens nach dem zweiten Mal kann man sich dann so ganz auf den Sound der Band einlassen. Vor allem auch, weil sich der Rest der Band auf keinen Fall hinter ihrem Frontmann verstecken muss. Instrumental bewegt man sich souverän zwischen Joy Division und The Cure, bleibt dabei aber immer eigenständig.

In diesem Sinne: Wir können nichts, außer nichts tun, aber das können wir gut!

 

Platz 2: Drangsal – Harieschaim

Drangsal / (C) Jim Rakete
Drangsal / (C) Jim Rakete

In Deutschland fehlt es ja bekanntlich an Einigem: An pünktlichen Zügen, freiem W-LAN, gutem HipHop oder der ein oder anderen Taco Bell-Filiale. Woran es Deutschland aber schon länger nicht mehr mangelt, ist eine spannende Wave/Post-Punk-Szene. Diese entwickelte sich Anfang des Jahrzehnts, losgetreten von Bands wie Sizarr oder Messer, über Die Nerven bis hin zu den hier rezipierten Drangsal. Wieder mal sind die 80s zurück. Das Spannende bei allen genannten Bands ist aber ihre Eigenständigkeit. Die 1980er Jahre werden nicht einfach nur kopiert, sondern modernisiert – ja, neu gedacht. Post-Vokuhila quasi.

Der Mensch hinter Drangsal, Max Albin Gruber, stellt dies auf seinem neuen Album Harieschaim unter Beweis. Als wäre Gruber als Kind in den Kessel mit allerlei New Wave gefallen, bewegt man sich von Depeche Mode, über die Pet Shop Boys bis hin zu Joy Division und New Order. Und natürlich immer wieder: The Smiths.

Natürlich ist so eine Art von Musik auch immer eine Sound-, also eine Produktionsfrage; handelt es sich aber bei Grubers Songs nicht um bloße Collagen und Reminiszenzen. Denn auch das Songwriting ist auf dem Album sehr straight und auf den Punkt. Selten gibt es unnötige Längen und nur wenig schwächere Titel.

Nicht umsonst geben sich in letzter Zeit viele deutsche Musiker die Ehre, sich über Drangsals Qualitäten auszulassen. Etwa Casper und Kraftklub, aber auch Kristof Schreuf von Kolossale Jugend.

Max Albin Gruber selbst scheint übrigens ein Mensch mit hohem Anspruch an sich selbst und an seine musikalische Eigenständigkeit zu sein,. Nicht umsonst lässt im Video zu seiner Debütsingle Allan Align Jenny Elvers die Hauptrolle spielen. Hier richtet Gruber sich also ganz nach seinem großen Vorbild, The Smiths:

Stop Me If You Think You’ve Heard This One Before

 

Platz 1: Teleman – Brilliant Sanity

Teleman / (C) chromatic publicity
Teleman / (C) chromatic publicity

Natürlich hätte man hier die aktuelle Moderat Platte anführen können. Denn das Album des Berliner Technoduos ist die Manifestation der Wohnzimmerifizierung von progressiver Tanzmusik.

Aber da man vermutlich schon genug von dem Album gehört hat, habe ich mich für eine andere Platte entschieden: namentlich Brilliant Sanity von den Briten Teleman. Oberflächlich würde man hier von einer waschechten Pop-Platte sprechen, bei genauerem Hören wird allerdings deutlich, wie vielschichtig dieses Album ist. Spätestens seit Alt-J wissen wir, dass auch durch komplexere Melodien große Ohrwürmer  entstehen können. Döp döp döp dä dö döp döp döp ist halt out. Heutzutage darf’s schon etwas mehr sein. Genau hier sind auch Teleman zu verorten. Schon der erste Titel Düsseldorf bleibt bereits nach einmaligem Hören hängen. Vor allem, als nach dem ersten Chorus eine Gitarre los legt, die einen sofort in das Jahr 2007 zurück versetzt, in die zumindest für mich prägende, zweite Brit-Pop-Welle. Im weiteren Verlauf des Album wird die Band dann aber auch experimenteller, teilweise fühlt man sich an Whitest Boy Alive erinnert, aber auch an Blur oder eingängigere Stücke von Radiohead. Das ganze wirkt nie überproduziert oder überladen. Immer der große Pop, aber immer mit musikalischem Anspruch. Diese Platte kann zu Recht als Art-Pop bezeichnet werden; als Art-Pop der aber auch als Soundtrack für angesoffene Sommertage im Park dienen kann!

 

Flop des Monats.

Der Flop des Monats fiel mir dieses Mal besonders schwer. Natürlich kam im April viel Musik in die Plattenläden und Plattformen, die die Menschheit nicht unbedingt gebraucht hätte: Ganz weit vorne mit dabei ist unter anderem das neue Projekt von Felix Jaehn und Herbert Grönemeyer (!) und ihrem EM-Song, der einen, wie wissenschaftliche Studien belegen, bereits nach zweimaligem Hören in schwere Depressionen stürzen kann. Oder Max Giesinger, der in seinem Song 80 Millionen irritierenderweise nicht beschreibt, wie viele Menschen in Deutschland seine Platte scheiße finden …

Ich habe mich diesen Monat daher für etwas ganz anderes entschieden. Nämlich für AC/DC und Axl Rose. Ich bin wirklich kein Freund davon, Bands wie die Rolling Stones oder Black Sabbath albern zu finden, nur weil deren Mitglieder sehr, sehr alt sind. Wenn die Leute es noch schaffen, sich mit 83 Jahren auf eine Bühne zu stellen und glaubhaft von Koks und Prostituierten zu singen, bin ich davon schwerstens beeindruckt. Aber spätestens wenn es dann doch wirklich nur noch ums Geld geht, wird mir ein bisschen flau im Magen. Und genau das möchte ich an dieser Stelle unterstellen. Brian Johnson war seit über 30 Jahren AC/DC Sänger, zwar nicht Gründungsmitglied, aber doch prägend. Wenn dieser dann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr auftreten kann, sollte man als so große Band wie AC/DC alleine aus Respekt vor dem jahrelangen Weggefährten überlegen, ob die aktuelle Tour wirklich noch zu Ende gespielt werden muss. Ob man wirklich jemanden wie Axl Rose als Ersatz verpflichten will. Wann war der eigentlich nochmal keine Karikatur seiner selbst? Ääähm, 1962?

Autor: Julian Münsterjohann
Twitter: @muensterjohann

 

17. Mai 2016

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