Univativ Filmkritik: Wonder Wheel
Ausprobiert, Titelblatt

Univativ Filmkritik: Wonder Wheel

Was wäre ein Woody Allen Film ohne eine unglückliche Hauptfigur, die versuchen würde, wieder auf das Rad des Lebens aufzuspringen.

 

Coney Island in den 50er Jahren – ein schillernder Rummelplatz direkt an der Strandpromenade eines mit Menschen überlaufenen Badestrandes. Doch der äußere Schein – wie wir noch sehen werden – trügt: Die Kulisse eines Ortes voller Leben ist in Wirklichkeit ein Ort voller unglücklich gestrandeter Existenzen. So wie Ginny (Kate Winslet), die nach einer gescheiterten Ehe und einer misslungenen Schauspielkarriere wieder geheiratet hat. Zutiefst unglücklich arbeitet sie als Kellnerin, um ihren Mann und ihren 10-jährigen Sohn zu ernähren. In ihrer Sehnsucht nach einem besseren Leben flüchtet sie sich in die Arme des jungen Rettungsschwimmers Micky (Justin Timberlake) und beginnt eine Affäre. Das Glücksrad beginnt sich zu drehen, zunächst scheinbar zu Ginnys Gunsten. Doch dann tritt Carolina auf, die verlorene Tochter ihres Mannes, und bringt Ginnys Glück ins Schwanken. Während Ginny Micky die tragische Unglücksgeschichte ihres Lebens offenbart und mit ihm völlig naiv eine gemeinsame Zukunft plant, verliebt dieser sich in die attraktive Carolina. Das Drama nimmt seinen Lauf.

Eine starke weibliche Hauptrolle

Mit Kate Winslet in der Hauptrolle besetzt Woody Allen erneut eine unfassbar facettenreiche Frau, ähnlich wie auch schon in „Matchpoint“ mit Scarlett Johansson oder in „Blue Jasmine“ mit Cate Blanchett. Doch leider kann Ginnys Geschichte ihre ganze Kraft nicht entfalten, da die männliche Besetzung ihre Wirkung eindämmt. Der Rettungsschwimmer Mickey, ein kläglich romantischer Casanova und Herzensbrecher, hat keine nicht vorhersehbare oder interessante Facette und besetzt dazu die Rolle des Erzählers – typisch für Woody Allen in einem selbst erzählenden Gestus. Jedoch ist er viel zu involviert, um Ginnys Geschichte unbefangen zu erzählen. Schon die erste Szene zeigt uns dies deutlich: Der Mann, der uns den Handlungsort zeigt und das Geschehen kommentiert, ist nicht die Hauptfigur des Films. Er selbst steckt mitten im Drama, welches er zu beurteilen versucht, und ist deswegen kein glaubhafter Erzähler.

Das Wunderrad Als Spiegel des Kreislaufes der unerfüllten Träume

Wenn auch die Erzählperspektive des Films und der nicht in die 50er Jahre passende Justin Timberlake  enttäuschen, begeistern die gewählte Farbsymbolik und die Momente, in denen es nur Ginny und die Kamera gibt. Wenn man einen Augenblick innehält und die rotglühenden, blauen Farbfluten, die sich auf Ginnys Gesicht und das schäbige Schlafzimmer ergießen, auf sich wirken lässt, wird einem die, von innen verzehrende Selbstzerstörungskraft ihrer unkontrollierbaren Eifersucht auf Carolina bewusst. Gerade so kann der Zuschauer selbst an ihrem Leid teilhaben. Das Wunderrad im Hintergrund lässt sich dabei als Spiegel des Kreislaufes ihrer unerfüllten Träume sehen.

Etwas Neues präsentiert uns Woody Allen in „Wonder Wheel“ letztendlich leider nicht: Ein gebrochenes Herz und eine Frau, die aus Eifersucht über Leichen geht, sieht man nicht zum ersten Mal auf der Leinwand. So eine vielschichtige, ausgereifte Hauptfigur wie Kate Winslet dagegen eher selten. Deswegen ist dieser Film zwar nicht einer der Besten von Woody Allen, aber allein wegen Kate Winslet, die es schafft, sich immer wieder neu zu erfinden, sehenswert.

Autorin: Cornelia Braun

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Der deutsche Filmstart war am 11. Januar 2018. In Lüneburg läuft dieser Film im Scala Programmkino – wahlweise auch im englischen Originalton. Die Spielzeiten findet ihr hier.

 

15. Januar 2018

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