Univativ-Filmkritik: Verleugnung
Ausprobiert, Titelblatt

Univativ-Filmkritik: Verleugnung

In „Verleugnung“ kritisiert eine amerikanisch-jüdische Professorin einen Historiker, der den Holocaust leugnet und wird dafür von ihm verklagt. Ein mitreißender und emotionaler Prozess beginnt – nach einer wahren Geschichte.

Professorin Deborah E. Lipstadt (Rachel Weisz) kämpft gegen einen Holocaust-Leugner / ©Bild: Youtube

Das Historien-Drama „Verleugnung“ basiert auf einem wahren Gerichtsprozess zwischen dem britischen Historiker David Irving (Timothy Spall) und der jüdisch-amerikanischen Universitätsprofessorin Deborah E. Lipstadt (Rachel Weisz). Irving, der den Holocaust verleugnet, wird von Professor Lipstadt in ihrem Buch über den Holocaust dafür kritisiert, woraufhin er sie vor dem britischen High Court in London wegen Verleumdung verklagt. Lipstadt steht nun vor der irrsinnigen Aufgabe, die Existenz des Holocaust  und sich selbst vor Gericht verteidigen zu müssen. Unterstützt von einem Anwaltteam, dass vorher schon Lady Di bei ihrer Scheidung half, begibt sie sich auf Spurensuche nach Auschwitz, der Stätte unaussprechlicher Verbrechen, und stellt sich ihrer kulturellen Vergangenheit. Mutig nimmt sie es mit den Wirrungen des britischen Justizsystems auf und erkennt, dass Menschlichkeit und Gerechtigkeit nicht immer Hand in Hand gehen. Sie muss sich entscheiden, ob sie ihrem Gewissen oder dem Rat ihrer Anwälte folgt. Entscheidet sie sich für den Sieg oder für die Genugtuung?

Ein sensibles Thema aus einer ungewöhnlichen Perspektive erzählt: Das Wissen um den Holocaust gehört nicht nur in Deutschland zum kulturellen Gedächtnis und ist in jedem Schulbuch zu finden. Aber es wurde berechtigterweise noch nie ernsthaft angezweifelt. Die Ungläubigkeit, Wut und Hilflosigkeit angesichts solcher Ignoranz und Diffamierung zahlloser Menschen macht die besondere Emotionalität und Wichtigkeit dieses Films aus.

Der Film zieht einen von Anfang an in seinen Bann und man findet sich abwechselnd mit Gänsehaut überzogen oder vor Abneigung geschüttelt. Timothy Spall, den wir schon als Peter Pettigrew aus den Harry-Potter-Filmen oder als Gehilfen des intriganten Richters aus Sweeny Todd kennen, brilliert erneut in der Rolle des antisemitischen, rassistischen Verleugners David Irvin – hier umso perfider aufgrund des realen Vorbildes.

Auch die Oscarpreisträgerin Rachel Weisz, die selber jüdische Vorfahren hat, wirkt als Professor Lipstadt sehr überzeugend. Sie lässt die Zuschauer den inneren Konflikt spüren: Einerseits den Überlebenden des Holocaust Genugtuung zu verschaffen, andererseits dieses Bedürfnis der Strategie ihrer Anwälte zu opfern, um den Sieg davon zu tragen. Auch der latente Sexismus, anders als Antisemitismus und Rassismus, im Film als salonfähig dargestellt, bekommt durch ihre Perspektive eine Wertung, die einem das Ungleichgewicht der Geschlechter, sowohl zwischen Irving und Lipstadt, als auch ihren Anwälten, ungerecht aufstoßen lässt.

„Gewinnen ist ein Akt der Selbstverleugnung.“ – Richard Rampton

Ohnehin ist der Film gespickt mit komplexen Charakteren, da auch die beiden Anwälte Anthony Julius (Andrew Scott) und Richard Rampton (Tom Wilkinson) nicht so leicht einzuschätzen sind und sich keineswegs in das Klischee des „Guter Cop, böser Cop“ einordnen lassen. Für Sherlock-Fans ist der Film ohnehin zu empfehlen, da neben Andrew Scott auch Mark Gattis in Erscheinung tritt. Der einzige Charakter, dem dieser Tiefgang fehlt, ist David Irving. Wir hätten uns gewünscht, etwas mehr Einblick in seinen Werdegang und Hintergrund zu erhalten, um nachvollziehen zu können, welche Antriebe und Motive einen Menschen zum Leugner machen. Nicht um Irving zu entschuldigen oder Mitleid zu erregen, sondern um die schwarz-weiß Perspektive von Gut und Böse etwas aufzubrechen.

Die Spannung des Filmes bleibt ungebrochen, obwohl man das Urteil des Gerichtsprozesses aufgrund der realen Vorlage eigentlich schon kennt. Das gesamte Publikum im Saal saß bis zum Ende des Abspanns gefesselt da, um dem eben Erlebten nachzuspüren.

Autorin: Ella Pouwels


Im Scala ist der Film zunächst bis zum 19. April 2017 zu sehen. Hier geht’s zu den Spielzeiten.

Bundesweiter Filmstart war am 13. April 2017.

18. April 2017

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