Univativ-Filmkritik: Simpel von Markus Goller
Ausprobiert, Titelblatt

Univativ-Filmkritik: Simpel von Markus Goller

Das deutsche Hörbuch zum Roman Simpel der französischen Autorin Marie-Aude Murail faszinierte Produzent Michael Lehmann so sehr, dass er beschloss, aus dem Stoff einen Film zu machen. Mit den gesicherten Rechten begann zusammen mit Regisseur Markus Goller („Frau Ella“) sowie einem Team aus Drehbuchautoren die Arbeit an einer deutschen Adaption. Und das kam dabei raus:

Ben (Fredrick Lau) würde alles für seinen geistig behinderten Bruder Barnabas (David Kross), genannt Simpel, tun. Als deren schwerkranke Mutter unerwartet stirbt, soll Simpel ins Heim kommen. Die einzige Person, die diesen Beschluss rückgängig machen könnte, ist ihr Vater David (Devid Striesow), zu dem die Brüder seit 15 Jahren keinen Kontakt mehr hatten. So begeben sich Ben und Simpel auf eine Reise nach Hamburg, bei der sie die Medizinstudentin Aria (Emilia Schüle) kennenlernen. Sie lässt die Brüder bei sich wohnen und kümmert sich liebevoll um Simpel, während Ben den gemeinsamen Vater sucht. Um ihn zu verstehen, fährt Aria mit ihm Karussell, albert herum und ist einfach wieder ein Kind. Sie lernt, dass „Quasilorten“ Erdbeeren sind, „pinkeln“ „ponkeln“ heißt, aber Spaghetti natürlich Spaghetti sind ­– ist ja klar. Doch die große Stadt ist ganz anders als das idyllische Dorfleben hinterm Deich. Hier macht Simpel Bekanntschaft mit der Prostituierten Chantal und einem aggressiven Zuhälter, während Ben die abweisenden Worte des Vaters zu spüren bekommt und merkt, dass in dessen neuen Leben kein Platz für einen behinderten Sohn ist. Aber auch, wenn das Abenteuer einiges an Konfliktpotential birgt – solange das geliebte Stofftier Monsieur „Hasehase“ an Simpels Seite bleibt, kann doch nichts mehr schiefgehen.

Simpel, also einfach gemacht, hat es sich Markus Goller gewiss nicht mit diesem Film. Mit außerordentlichem Feingefühl, wie es wenige Filme dieser Art schaffen, gelingt ihm die Balance zwischen Komik und Tragik. So emotional, herzerwärmend und echt verkörpern Lau und Kross ihre Rollen als liebende Geschwister, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Speziell hervorzuheben ist die Art, wie glaubwürdig David Kross einen geistig behinderten jungen Mann spielt, ohne dabei albern zu wirken. Sicherlich kennt jeder Menschen wie Simpel, wenn auch nur aus Reportagen im Fernsehen, und fragt sich, wie man mit ihnen umgehen soll: Auf Augenhöhe sprechen, versuchen zu verstehen und kein falsches Mitleid schenken – so einfach ist es. Auch wird nicht ausgelassen, wie schwer es für Angehörige ist, sich während des Kümmerns nicht selbst aufzugeben. Wer eine Beziehung zu Hamburg hat, wird sich besonders freuen: Neben wunderschönen Drohnenaufnahmen bei Sonnenaufgang zeigt der Film viele markante Orte zum Wiedererkennen.

Rund einen Monat nach Semesterstart ist Simpel die perfekte Gelegenheit, mal wieder schöne Stunden mit der ganzen Familie zu verbringen. Ihr werdet lachen, bestimmt die eine oder andere Träne vergießen, aber gewiss nicht bereuen, ins Kino gegangen zu sein.


In der Scala ist der Film zunächst bis zum 29.11.2017 zu sehen. Hier geht es zu den Spielzeiten. Filmstart war am 09. November 2017.

 

Autorin: Anna Hoffmann

15. November 2017

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