Univativ Filmkritik: Juliet, Naked
Ausprobiert, Kritik

Univativ Filmkritik: Juliet, Naked

Juliet, Naked ist ein mittelmäßiger Film. Die Grundidee ist charmant, die Umsetzung holprig. Weshalb eigentlich?

Annie (Rose Byrne) ist in einer unglücklichen Ehe mit Duncan (Chris O’Dowd), einem College Professor, der in die fiktive Poplegende Tucker Crowe (Ethan Hawke) vernarrt ist. Er betreibt sogar die bekannteste Fanseite des Musikers, der vor mehr als 25 Jahren plötzlich verschwand. Duncan verbringt also einen Großteil seiner Zeit damit, auf seiner Fanseite mit anderen Verehrern Fantheorien über den verschollenen Musiker auszutauschen. Annie ist davon schon längst nicht mehr fasziniert, und möchte am liebsten nichts mehr davon hören. Dann passiert etwas. Duncan bekommt eine unveröffentlichte Demo-Version des letzten Albums „Juliet, naked“. Annie, von dem neuen Feuer für Duncans Obsession genervt, hinterlässt eine negative Kritik zu dem Album auf der Fanseite, sehr zum Unmut von Duncan. Dann passiert etwas unglaubliches. Tucker Crowe persönlich schreibt Annie eine Antwort die Kritik. Annie kann es zunächst nicht glauben. Zwischen den beiden entwickelt sich aber eine E-Mailfreundschaft, und möglicherweise sogar eine Romanze!?

Was als charmante Idee anfängt, wird im Laufe des Films zunehmend uninteressanter, und am Ende ist man froh, wenn der Abspann endlich anfängt.

Woran liegt das? Widmen wir uns zunächst dem Positiven.

– ein hoffnungsvoller Start
– kompetente Darsteller (Ethan Hawke sticht hervor, aber keiner der Darsteller enttäuscht)
– schönes Setting in einem englischen Küstenstädtchen (man hat was für´s Auge)

Nun zum Negativen.

Sämtliche Schwächen liegen im Prinzip beim Drehbuch. Der Film ist technisch kompetent gemacht. Die Charaktere, sofern sie dieser Bezeichnung überhaupt verdienen, sind extrem eindimensional. Duncan ist im Prinzip gar kein Charakter, sondern lediglich ein Plot Device um die Handlung voranzubringen. Seine Obsession mit Tucker Crowe ist so ziemlich sein einziges Merkmal. Wenn mich jetzt jemand bitten würde, Annies Charakter zu beschreiben, dann könnte ich das zunächst nicht, weil da einfach nichts ist. Im zweiten Anlauf könnte ich beschreiben, dass sie auf die 40 zugeht und Kinder haben möchte, und ach ja, sie leitet das Museum ihres verstorbenen Vaters, möchte aber eigentlich was ganz anderes. Sie schaut sich gerne alte Fotos an. Und was macht sie aus? Wodurch definiert sich der Hauptcharakter des Film? Hmm.
Tucker Crowe ist da verhältnismäßig noch die interessanteste Figur des Films: Eine schillernde Popikone, die ihre Vergangenheit begraben möchte, aus Scham an den Sünden der eigenen Jugend mit einer Vielzahl an unehelichen Kindern. Ein Klischee in Reinform, aber wenigstens etwas ist da.

Abgesehen davon liegt immer noch einiges an Potential in dieser ungewöhnlichen Dynamik, die der Film aber weitestgehend verschwendet, oder zumindest nicht voll ausnutzt.

(c) Copyright Universal International Pictures

Fazit

Der Film ist eine Adaption eines Nick Hornby Romans, von dem schon mehrere Bücher, wie z.B. About a Boy, oder High Fidelity, erfolgreich verfilmt wurden. Juliet, Naked ist die bisher schlechteste Adaption. Wartet lieber, bis High Fidelity mit John Cusack wieder läuft, die beste Nick Hornby Adaption bisher. Wirklich empfehlenswert ist der Film somit nur für für Nick Hornby-Fans und Leute mit Bedürfnis nach seichter Unterhaltung.


Der deutsche Filmstart war am 08. November 2018. In Lüneburg läuft dieser Film im Scala Programmkino. Die Spielzeiten findet ihr hier.
Titelbild: Copyright Universal International Pictures

Anmerkung des Kritikers

Als Filmrezensent von UNIVATIV hatte ich das Privileg, mir kostenlos den Film im Scala-Programmkino anzusehen, wofür ich höchst dankbar bin. Nun ist es so, als Kritiker hat man es vergleichsweise leicht. Selbst die anspruchsvollste Kritik wird einen geringeren Aufwand haben, als der simpelste B-Movie, deshalb sollte man als guter Kritiker auch Respekt vor nicht gelungen Filmen haben, und dem Aufwand, den es benötigt, einen Film zu produzieren. Nun handelt es sich bei dieser Kritik eindeutig um eine negative, ja fast schon einen Veriss. Deshalb ermuntere ich die Leser dieser Kritik hiermit aus Dankbarkeit für das Scala und aus Respekt vor dem Medium: Schaut gerne mal in das Programm des Scala. Film ist ein tolles Medium, und hier findet ihr sicher auch etwas für euren Geschmack.

19. November 2018

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Tobias Schaffrath