Univativ Filmkritik: #Female Pleasure
Ausprobiert, Kritik

Univativ Filmkritik: #Female Pleasure

Eines vorweg: Der Film ist keine Anleitung für intensivere Orgasmen. Er zeigt, wie Tradition und Religion das weibliche Geschlecht unterdrücken, mit weitreichenden Folgen – bis heute. Barbara Miller porträtiert in ihrer Dokumentation #Female Pleasure fünf Frauen aus fünf ganz unterschiedlichen Kulturen, die alle mit dem gleichen Problem kämpfen: dem Verbot der weiblichen Lust.


Deborah Feldman, Leyla Hussein, Rokudenashiko, Doris Wagner und Vithika Yadav erzählen abwechselnd von ihren Erfahrungen. Der Zuschauer darf sie in ihrem Alltag, bei ihrer Arbeit und ihren individuellen Projekte begleiten. Sie kämpfen dagegen, dass ihre Körper als sündig, bösartig, unrein und vulgär angesehen werden und weibliche Lust als etwas Falsches und Unnatürliches. Der Film zeigt, warum ihre Kultur sie versteckt, verhüllt, verstümmelt und ihnen ihre Autonomie abspricht. Absurditäten in einer modernen Welt, welche noch immer stark von patriarchischen Strukturen geprägt ist. So werden Bilder von einem japanischen Fruchtbarkeitsfest gezeigt, wo der Penis allgegenwärtig ist. Überdimensionale Penisstatuen werden bejubelt und nahezu alle Festgänger – Kinder, Jugendliche und Erwachsene – lutschen an Penis-förmigen Lollis. Zur selben Zeit, im selben Land, wird Rokudenashiko vor Gericht wegen Obszönität verurteilt. Sie hatte ihre Vagina mit einem 3D-Drucker vervielfältigt und die Daten im Internet zur Verfügung gestellt.

Weil Rokudenashiko viel lacht, bringt sie damit die Zuschauer*innen oft zum lachen – Es ist ein absoluter Irrsinn. In anderen Szenen dreht sich die Stimmung, sodass es dem Publikum eiskalt über den Rücken läuft. Etwa, wenn Leyla Hussein zeigt, wie Genitalien verstümmelt werden. Gewalt, die an kleinen Kindern ausgeübt wird und von Tradition und Kultur legitimiert wird.
Der Film betont aber auch, dass die Verantwortung nicht nur in der Hand der Frauen liegt, um sich gegen die Unterdrückung zu wehren. Die Dokumentation plädiert, wie wichtig es ist, dass zudem Männer Position ergreifen und eben diese Unterdrückung nicht mehr zulassen.

(c) X Verleih AG
Nein, der Penis wurde nicht nachträglich ins Bild gemalt.

In #Female Pleasure geht es weniger um Alltagssexismus, obwohl der Anfang dies vermuten lässt. Denn zu Beginn des Films werden sexistische Werbeplakate aus der Modewelt gezeigt. Anschließend werden Fotografien von religiösen Messen und traditionellen Zusammenkünften abgebildet. Und darin liegt die Kernaussage der Dokumentation: Der Ursprung der sexistischen Behandlung und Objektifizierung des weiblichen Geschlechts liegt in der Religion und extremen Auslegung dieser.

Es werden extreme Beispiele gezeigt, mit denen sich sicher nicht jeder identifizieren kann. Der Film zeigt auch, woher der Sexismus kommt und warum er auch noch heute überall existiert. Der Film greift sehr pointierte Szenen auf und ist emotional, ohne pathetisch zu wirken: Er bildet einfach nur die Realität ab. Er weist darauf hin, dass es überall auf der Welt noch viele Probleme mit der Gleichstellung der Geschlechter gibt und ruft dazu auf, diese nicht zu ignorieren. Wer sich nur berieseln lassen möchte, für den ist #Female Pleasure vielleicht nicht der richtige Film – auch wenn es einige lustige Szenen gibt. Eine gewisse Offenheit sollte für das sensible Thema mitgebracht werden. Gleichzeitig könnten die teils klischeehaften Beispiele Leute abschrecken, die bereits tief in der Thematik drin stecken. Es bleibt aber eine sehenswerte Dokumentation, die zum weiterdenken einlädt und in Erinnerung bleibt.

 


Der deutsche Filmstart war am 08. November 2018. In Lüneburg läuft dieser Film im Scala Programmkino. Die Spielzeiten findet ihr hier.

Titelbild: (c) X Verleih AG
Auch interessant: Das DOK Leipzig, auf dem #FEMALE PLEASURE nicht im Wettbewerb und somit nur einmalig lief, war von Barbara Millers Film so begeistert, dass sie extra dafür einen neuen Preis ins Leben rief – und somit hat #FEMALE PLEASURE den Spezialpreis der interreligiösen Jury gewonnen.

12. November 2018

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Marie Helen Flessner