Univativ Filmkritik: Eleanor und Colette
Kritik

Univativ Filmkritik: Eleanor und Colette

In dem  neuen Film von Bille August, der auf einer wahren Begebenheit beruht, kämpfen zwei Frauen unermüdlich für das Recht auf mehr Selbstbestimmung bei psychisch Kranken. Dabei entsteht eine ganz besondere Freundschaft.

San Francisco 1985: Die Mitte 20-jährige Eleanor Riese, gespielt von Helena Bonham Carter, leidet seit ihrer Kindheit unter paranoider Schizophrenie und so starken Angstattacken, dass sie bereits mehrere Aufenthalte in der Psychiatrie hinter sich hat. Doch statt wirklicher Hilfe bekommt sie dort vor allem eins: Medikamente, die sie ruhigstellen und ihren Zustand zum Teil noch verschlechtern. Verweigern kann sie diese Zwangsmedikation nicht, obwohl sie sich freiwillig selbst eingewiesen hat. Notfalls werden ihr Beruhigungsmittel mit Gewalt gespritzt, die sie stundenlang außer Gefecht setzen und schlimme Nebenwirkungen hervorrufen. Nachdem Eleanor über Jahre hinweg immer wieder Medikamente in teilweise völlig überhöhten Dosen verabreicht bekommen hat, leider sie bereits unter schweren Blasen- und Nierenschäden.

Nach einer weiteren Nacht im Isolationszimmer hält sie die Zustände auf der Station nicht mehr aus und kontaktiert die „Patientennothilfe?“, die ihr die Anwältin Colette Hughes, gespielt von Hilary Swank, als Rechtsbeistand zu Seite stellt. Gemeinsam nehmen die beiden den Kampf gegen die scheinbar übermächtige Gesundheitslobby auf und beginnen einen mühsamen und langwierigen Prozess.

Während Colette von nun an Tag und Nacht über den Akten sitzt, versucht Eleanor mit all ihren Problemen und skurrilen Eigenheiten den Alltag zu meistern. Dabei stellt sie das Leben ihrer Anwältin mitunter gehörig auf den Kopf. Aus der anfänglichen Berufsbeziehung wird nach und nach eine Freundschaft, in der die beiden völlig unterschiedlichen Frauen viel voneinander lernen. Auf bemerkenswerte Weise schafft Eleanor es, trotz ihrer Erkrankung und den körperlichen Spätfolgen stets nach vorne zu blicken und ihren Lebensmut nicht zu verlieren. Mit ihrer schrulligen Art und ihrem Eigensinn ist sie zwar anstrengend, aber liebenswert und zeigt so der ebenso sturen wie ehrgeizigen Colette, dass Menschen nicht immer perfekt sein müssen.

Der Film zeigt auf eindrückliche Weise, mit welchen Zwangsmaßnahmen und Einschränkungen psychisch Kranke noch vor dreißig Jahren behandelt wurden. Das Recht, selbst über das Einnehmen von Medikamenten zu entscheiden, erscheint uns heute selbstverständlich, doch Eleanor Rieses Schicksal ist kein Einzelfall. Mit dem Prozess kämpften die beiden Frauen für über 150.000 Betroffene, die unter Zwangsmedikation und deren Spätfolgen zu leiden haben.

Bild: Bernd Spauke 2017, Filmstarts.de


Der deutsche Filmstart war am 3. Mai 2018. In Lüneburg läuft dieser Film im Scala Programmkino. Die Spielzeiten findet ihr hier.

7. Mai 2018

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Theresa Brand