Univativ-Buchkritik: Qualityland
Ausprobiert, Titelblatt

Univativ-Buchkritik: Qualityland

Wie lebt es sich in einer Welt, in der intelligente Maschinen den Alltag bestimmen, Gefühle wie Liebe und Überraschung wegrationalisiert werden und selbst intimste Daten frei zugänglich sind? In einer Welt, in der selbstlernende Algorithmen den Verlauf von Beziehungen, Politik und Wirtschaft lenken? In seinem neuen satirischen Roman „Qualityland“ beschreibt Marc-Uwe Kling eine Realität, in der solche Fragen nicht länger hypothetischer Natur sind.

©Bild: Qualityland

Peter Arbeitsloser ist Bürger von Qualityland. Er ist ein Durchschnittsmensch, hat einen langweiligen Job, der ihn nicht erfüllt, und eine Beziehung, die ihre Höhen und Tiefen hat. Inmitten der hoch technisierten und automatisierten Stadt Quality City lebt er sein Leben, welches Tag und Nacht von den Maschinen um ihn herum kontrolliert wird. Sein persönlicher Assistent „Niemand“ wählt die Restaurants aus, in die er geht, und die Speisen, die er isst. Die Plattform „Quality Partner“ sagt ihm, mit welcher Frau er ausgehen soll oder wann es Zeit ist, sich eine andere Partnerin zu suchen. Und die Drohnen von „The Shop“ bringen ihm jedes Produkt, das er will, sogar dann, wenn Peter sich seiner Wünsche nicht bewusst ist. Peter lebt, wie er leben soll, nicht wie er will. Bis das System plötzlich einen Fehler begeht.

Satire am lebenden Beispiel

Marc-Uwe Kling kreiert mit „Qualityland“ ein ironisch-dystopisches Szenario, verpackt in cleverem Zynismus und Satire, wie es seine Leser*innen bereits aus den „Känguru-Chroniken“ kennen. Statt die Absurditäten von Bürokratie und Kapitalismus auf überspitzte und humoristische Weise darzustellen, beschäftigt sich Kling in seinem neuen Roman vor allem mit „intelligenten“ Maschinen und dem Sammeln von Daten. Dabei denkt der Autor das zu Ende, womit Google, Amazon, Facebook und Co. bereits heute angefangen haben: die Personalisierung von Inhalten, bis kaum noch zwischen Werbung und Wirklichkeit unterschieden werden kann.

Großartige literarische Umsetzung

An der Seite von Peter Arbeitsloser, Martin Vorstand und John of Us führt Kling die Leser*innen von einer absurden Situation in die nächste. Oft reihen sich die ironischen Pointen zu ganzen Absätzen hintereinander auf und auch an Andeutungen, die erst bei wiederholtem Lesen auffallen, mangelt es nicht. Zusätzlich zu einigen neuen Running Gags enthält „Qualityland“ auch Anspielungen auf die bisherigen Werke des Autors, bei denen vor allem Fans des Kängurus voll auf ihre Kosten kommen.

Auffällig an „Qualityland“ ist der ungewohnte, ernste Unterton, der sowohl der heutigen Relevanz des Themas, als auch der dystopischen Art des Romans geschuldet ist. Kapitel, die wie beim Känguru kaum oder gar nicht mit der Haupthandlung verknüpft sind, sucht man hier vergeblich. Stattdessen unterbrechen Beiträge aus einem Qualityland-Reiseführer oder Werbeblöcke die anfangs etwas träge Handlung.

»Ich habe das Gefühl, dass Maschinen immer menschlicher werden. Und wenn diese Entwicklung so weitergeht, scheinen mir neurotische Maschinen unvermeidlich.« Marc-Uwe Kling. /
©Bild: Vimeo

Mehr als nur ein Buch

Kling schafft es in nur kurzer Zeit ein detailliertes Bild vom Leben in Qualityland zu zeichnen. Die Beschreibungen der Marken, Produkte und Services, aber auch der Gefühle seiner Hauptfiguren wirken trotz der offensichtlichen Satire niemals unrealistisch. Dies ist vor allem seiner Liebe zum Detail zu verdanken, die Kling in sein Werk investiert hat. So hat jede Marke ihren eigenen Slogan, jede Nachrichtenmeldung zwei bis drei eigene Kommentare und jeder Service ein scheinbar noch absurderes Upgrade seines eigentlichen Angebots.

Auch außerhalb des Buches sorgt Kling für Unterhaltung. Auf der Internetseite qualityland.de finden sich neben einer gestellten Pressekonferenz von Kling selbst zahlreiche Nachrichten aus Quality City und Umgebung. Auch auf seiner aktuellen Lesetour durch Deutschland spielt er zwischendurch Lieder, die mit ihren humoristischen Texten die Ironie der Buchkapitel noch weiter auf die Spitze treiben. „Qualityland“ ist darüber hinaus in zwei Versionen (mehr oder weniger apokalyptisch) erhältlich, entweder mit dunklem oder hellem Cover. Inhaltlich ändern sich hierbei jedoch nur die Werbeblöcke, die zwischen den Kapiteln stehen. Bücher seien in der Zukunft schließlich auch personalisiert, so die Message dahinter. Besonders empfehlenswert ist das Hörbuch, in welchem Kling durch seine Stimmvariationen und seine Betonungen das Meiste aus den eigenen Zeilen herausholt.

Gelungene, kurzweilige Unterhaltung mit Inhalt

„Qualityland“ trifft sowohl mit seiner thematischen Relevanz, als auch mit seinem satirischen Charakter den momentanen Zeitgeist. Auf teilweise erschreckend bedrückende Art zeigt der Roman auf, wie eine Welt aussieht, in der Menschen ihr Recht auf Privatsphäre und Selbstbestimmung scheinbar aufgegeben haben. Dennoch unterhält „Qualityland“ auf eine herrlich ironische Weise, die so typisch für Marc-Uwe Kling ist.

Autor: Haye Stein

27. Oktober 2017

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