Undertale – Oder: Wie ein Haufen Pixel mein Herz eroberte.
Ausprobiert, Titelblatt

Undertale – Oder: Wie ein Haufen Pixel mein Herz eroberte.

Allen Studenten, die sich an den kalten, dunklen Abenden des Winters gerne mit einer warmen Tasse Kakao in eine dicke Decke kuscheln, sich dabei auf eine emotionale Reise begeben wollen und alle grafikprotzenden Tripple-A Spiele dieses Jahres schon 3 mal durchgezockt haben, kann ich eine kleine Perle anbieten, die jeder alteingesessene Gamer gespielt haben sollte. Minimale Grafik heißt hier alles andere als minimaler Spaß…oder, für den einen oder anderen, minimale Tränen.

Beim Startbildschirm beginnt der Minimalismus des Spiels. Das Herz ist das Hauptmotiv von Undertale.
Beim Startbildschirm beginnt der Minimalismus des Spiels. Das Herz ist das Hauptmotiv von Undertale.

Undertale ist kein Spiel, das einem sofort durch seine Innovationen oder den individuellen Stil auffällt. Auf den ersten Blick sieht es aus wie eines der vielen Retro-Rollenspiele, die heutzutage wieder stark im Trend sind. Es ist pixelig, kommt von einem Indie-Entwickler, verwendet Chiptune-Musik und wartet mit einer scheinbar banalen Story auf, die zu Beginn bebildert erzählt wird: Einst gab es einen Krieg zwischen Monstern und Menschen, an dessen Ende die Monster in den Untergrund (deshalb Untertale) gesperrt wurden. Dieser wurde mit einer magischen Barriere versiegelt und die Monster warten immer noch auf eine Möglichkeit, die Barriere zu durchbrechen und sich an den Menschen zu rächen.

Ihr startet das Spiel am Ende eures Falls in nichts als Schwärze und ein paar Blumen.
Ihr startet das Spiel am Ende eures Falls in nichts als Schwärze und ein paar Blumen.

Soweit hört sich diese Geschichte also an, wie jede andere generische RPG-Story. Und auch die Hauptfigur ist ein im Genre gern gesehener Stereotyp: Ihr spielt einen kleinen Menschenjungen, der durch ein Loch in einem zurecht gemiedenen Berg in den Untergrund fällt und nun in seine Welt zurückfinden will. Doch sobald das Tutorial beendet ist und die Narration Fahrt aufnimmt, wird die Arbeit ersichtlich, die vom Indienentwickler Toby Fox in character development, Musik und die bunte Welt des Untergrunds gesteckt wurde. Dabei sind die verschiedenen Bewohner der Welt von Undertale die wahren Stars des Games. Man schließt sie innerhalb kürzester Zeit ins Herz und würde sich am liebsten persönlich mit ihnen anfreunden. Vor allem die Skelettbrüder Papyrus und Sans haben es mir sofort angetan.

Hier kommt aber der Knackpunkt in Sachen Spielprinzip. Geht ihr Undertale wie ein herkömmliches RPG an, so seht ihr die Monster des Untergrunds nun mal als Gegner an, da man es ja so gewohnt ist. Ihr besiegt also schon im Tutorial alle Gegner und versucht, euren Charakter zu leveln. So arbeitet ihr euch aber in Richtung eines der möglichen bösen Enden, vielleicht ohne es sofort zu merken, und tötet auf eurem Weg all die liebevoll gestalteten Charaktere, wodurch das Spiel einen um einiges düstereren Ton annimmt, als wenn ihr die andere Spielweise wählt.

Die Umgebungen sind ebenso minimalistisch, aber liebevoll gestaltet. Das Spiel gibt euch zum Anfang im wahrsten Sinne des Wortes ein Tutorial an die Hand.
Die Umgebungen sind ebenso minimalistisch, aber liebevoll gestaltet. Das Spiel gibt euch zum Anfang im wahrsten Sinne des Wortes ein Tutorial an die Hand.

Schon zu Beginn des Tutorials wird euch nämlich immer die Wahl zwischen Angriff und Interaktion mit den Gegnern gelassen. Geht man zum Beispiel in Konversationen auf die Probleme und Bedürfnisse der Monster ein, so kann ein tödlicher Ausgang des Kampfes vermieden werden. Auf diesem Wege könnt ihr, anstatt zum gefürchteten Monsterschlächter zu werden und das Klischee Mensch zu bestätigen, euch mit allen Monstern anfreunden und sie schließlich aus der Gefangenschaft des Untergrunds befreien.

Das Kampfsystem besteht darin, dass ihr (symbolisiert durch das Herz) den feindlichen Attacken ausweichen müsst. Es besteht immer die Wahl zwischen Kampf und friedlicher Interaktion.
Das Kampfsystem besteht darin, dass ihr (symbolisiert durch das Herz) den feindlichen Attacken ausweichen müsst. Es besteht immer die Wahl zwischen Kampf und friedlicher Interaktion.

Wenn ich gerade so darüber nachdenke, was an Undertale revolutionär, herzerweichend oder einfach nur schön ist, merke ich, dass ich auf keinen Fall alles in einem Artikel einfangen kann. Ihr könnt überall versteckte Witze, Referenzen oder Hinweise zu anderen Spielen finden und an den Humor des Spiels kommen vielleicht nur Perlen wie Portal heran. Tatsächlich hinterfragt sich Undertale im späteren Verlauf immer wieder selbst und persifliert so das Konzept Videospiel an sich sehr gekonnt, wobei immer eine starke emotionale Bindung zwischen dem Spieler und der Welt, ihren Bewohnern und dem Hauptcharakter selbst beibehalten wird; mag es auf ernste, verspielte, humorvolle oder liebevolle Weise sein. Außerdem werdet ihr als Spieler von Zeit zu Zeit selbst angesprochen und indirekt dazu genötigt, eure Gaming-Gewohnheiten und Handlungen zu hinterfragen, ohne dass dies zu gewollt wirkt.

Ihr seht schon, ich habe viel gesagt, ohne wirklich konkret über das Spiel zu reden. Das kommt zum einen von der Fülle von herausragendem Game-Design und zum anderen davon, dass ich nicht zu viel verraten will, weil das Spiel einfach selbst erlebt werden muss. Mit diesem Meisterwerk, dass alles in allem ein innovatives Kampfsystem, lebendige Charaktere und Orte, äußerst effektvolle Musik, einen großartigen und universellen Humor und sehr viel zum Nachdenken bietet, könnt ihr als Gamer (und Menschen) jeder Art definitiv nichts falsch machen.

Undertale ist Steam erhältlich. Kauft es euch, ihr werdet es nicht bereuen. Und am Ende sicherlich die eine oder andere Träne verdrücken. Mein Geheimtipp für „Spiel des Jahres 2015“ ist es auf jeden Fall.

Autor: Fynn Mollenhauer

Alle Bilder sind entweder Screenshots oder von Undertale Website, die definitiv einen Besuch wert ist.

27. Februar 2016

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