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„Solange die Prostituierten hier sind, sind wir für sie da“

Eine Gruppe Jugendlicher kümmert sich um die Frauen auf St. Georgs Straßenstrich. Sie stehen im Neonlicht der Läden und warten auf den nächsten Freier. Ungemütlich ist es heute im Stadtteil St. Georg. Es regnet, richtiges Hamburger Schmuddelwetter. Olaf Engelmann zieht seinen grünen Parka fester um sich. Von den billigen Imbissbuden weht der Geruch von Pommes herüber. „Solange die Prostituierten hier sind, sind wir für sie da“, sagt der 32- Jährige. Er ist ehrenamtlicher Leiter einer Gruppe Freiwilliger, die sich alle zwei Wochen auf dem Hansaplatz trifft. Im Winter bringen sie den Frauen Tee, im Sommer kühle Getränke. Aber vor allem hören sie ihnen zu.

Die Freiwilligen rüsten sich mit Getränken aus und ziehen los zu den Frauen. Dankbar nehmen diese den dampfenden Tee entgegen. Für lange Gespräche reichen ihre Deutschkenntnisse meist nicht aus – ein Großteil der Prostituierten stammt aus Osteuropa. Mit einem Touristenvisum kommen sie nach Deutschland und arbeiten ohne Gewerbeschein, unter ständiger Angst vor der Polizei. Das verdiente Geld schicken sie nach Hause, viele von ihnen haben kleine Kinder. Doch die Kleinen sehen ihre Mütter nur selten. Wenn sie genug eingenommen haben, fahren die Frauen in ihr Heimatland und kommen ein paar Wochen später zurück nach Deutschland.

Es begann vor vier Jahren, als Engelmann mit zwei Freunden die Gruppe „Jugend betet für Hamburg“ gründete. Jede Woche trafen sich rund 20 junge Helfer aus verschiedenen Kirchen in Hamburg, um für ihre Stadt zu beten. Doch sie wollten mehr tun. So kamen sie Anfang 2008 nach St. Georg und waren erschüttert von den vielen Prostituierten am Straßenrand. Engelmann lacht oft so herzlich, dass seine Augen kaum noch zu sehen sind. Doch wenn er von seinen Erfahrungen in St. Georg berichtet, wird er ernst. Christiana möchte heute reden. Die Kroatin erzählt den Freiwilligen davon, wie schmutzig sie sich fühlt und wie oft sie im letzten Jahr abtreiben musste. In Situationen wie dieser wird der Schmerz greifbar. Manche der Helferinnen können die Tränen nicht zurück halten, wirklich helfen können sie kaum. Der Weg aus dem Gewerbe ist schwer für die Frauen vom Hansaplatz.

Ein paar Meter weiter steht Katrin. Die 19-Jährige Deutsche hat ein rundliches Gesicht, fast kindlich. Noch vor zwei Wochen hatte sie den Freiwilligen voller Stolz erzählt, sie würde aussteigen. Sie wollte bei McDonalds arbeiten, nachdem sie ihre Drogentherapie beendet hatte. Heute sind ihre Augen glasig, ihre Schritte unsicher. Mit niedergeschlagenen Augen erzählt sie, dass sie wieder anschaffen war. Eine „Freundin“ hatte sie dazu überredet. Der Alkohol betäubt ihre Enttäuschung, es nicht geschafft zu haben, auszubrechen.

Doch der Schritt in die Prostitution hinein ist nicht kleiner als der in die Freiheit. Es gibt Männer im Hintergrund, sogenannte Loverboys, erzählt Helfer Engelmann. Der Begriff stammt aus Holland und bezeichnet Männer, die junge Frauen mit geringem Selbstwertgefühl erkennen. Die Loverboys umgarnen solche Mädchen gezielt, laden sie zum Essen ein und bieten ihnen schließlich einen Job im Ausland an – beispielsweise als Kellnerin. Doch hinter der Landesgrenze fällt die Maske: In den meisten Fällen vergewaltigen die Menschenhändler die Frauen, um deren Hemmschwelle vor der Prostitution zu brechen. Die Männer selbst bezeichnen das als „Ausbildung“ der Mädchen, sagt Engelmann. Anschließend werden die „ausgebildeten“ Frauen an einen Zuhälter weitergereicht. Nahezu alle Prostituierten in St. Georg haben einen Zuhälter, der sie aus einer Kneipe beobachtet. Sie sorgen dafür, dass die Frauen auch bei Minusgraden bis zu 15 Stunden am Tag arbeiten.

In Hamburg sind nur die Süderstraße und St. Pauli für das älteste Gewerbe der Welt zugelassen. Dort beginnen die Preise bei 50 Euro für eine Frau, in St. Georg bei 20 Euro. Frauen, die „freiwillig“ in dem Gewerbe arbeiten, müssen zwischen 30 und 50 Prozent der Einnahmen an ihren Zuhälter abgeben. Wenn eine Frau aus ihrem Heimatland verschleppt wurde, muss sie das ganze Geld an ihren Zuhälter abgeben. Laut Schätzungen der UN leben weltweit 27 Millionen Menschen in moderner Sklaverei. Ein großer Teil davon sind Frauen, die in der Sexindustrie arbeiten müssen. In Europa werden jährlich 500.000 Frauen und Mädchen aus Osteuropa verschleppt, vermutet die UN.

Während die Freiwilligen von „Jugend betet für Hamburg“ ihren Rundgang machen, beobachten sie das Geschäft der Frauen. „Lust auf ein bisschen Spaß? Ich mach‘s dir ohne Gummi“, locken sie vorbeigehende Männer an. Ein Mann Ende 40 verlangsamt seine Schritte und blickt an der Prostituierten herab, als würde er ein Möbelstück kaufen. Ein Ehering glänzt an seinem Finger. Die Aktentasche verrät, dass er von der Arbeit kommt. Das Geschäft ist abgeschlossen, für eine halbe Stunde gehört die junge Frau ihm.

Zurück auf dem Hansaplatz bahnt sich Ärger an: Eine Gruppe Jugendlicher steuert mit großen Schritten auf den Platz zu. Sie treiben einen jungen Helfer vor sich her, der sich gehetzt umsieht. Alarmiert richtet sich Engelmann auf. Als die Halbstarken den schlaksigen Jurastudenten einholen, schubsen sie ihn, sodass er zurücktaumelt. „Was soll das denn, lasst ihn in Ruhe!“, ruft Engelmann ihnen zu. Einer der 20-Jährigen baut sich wütend vor ihm auf: „Er wollte uns fotografieren!“ Beschwichtigend hebt Engelmann die Hände, doch zu spät: Laut klatschend fängt er sich eine Ohrfeige ein. Nach ein paar Minuten sind die Angreifer schließlich davon überzeugt, dass der Jurastudent sie nicht bei ihren Machenschaften fotografieren wollte. Sie umarmen jeden Teilnehmer und entschuldigen sich überschwänglich.

Ihre Motivation, trotz gefährlicher Situationen weiterzumachen, finden die Freiwilligen in ihrem Glauben an Jesus, der in der Bibel Prostituierte als wertvolle Menschen behandelt. Dieses Vorbild gibt ihnen Kraft. Die Jugendlichen wünschen sich, dass die Frauen erleben, wie die Liebe Gottes ihr Herz verändert. Wie sie dadurch seelisch heilen und befreit werden von dem Gefühl, schmutzig zu sein. Die Helfer wollen den Frauen vom Hansaplatz zeigen, dass sie mehr sind als Lustobjekte. Langfristig soll ein Haus entstehen, in dem sie aus dem Gewerbe herauskommen. Eine Oase, in der ihre Seele heilen kann. Engelmann würde gern mit Betrieben in Hamburg und in den Heimatländern der Frauen zusammenarbeiten. So könnten die Frauen an einen Job kommen, in dem sie auf menschliche Art ihr Geld verdienen können. Mit diesen Zielen vor Augen werden die Freiwilligen auch in zwei Wochen wieder zu den Frauen gehen. Selbst bei Schmuddelwetter wie heute.

Von Susanna Andrick

30. April 2011

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