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So fern und doch so nah

Ein Besuch in der afghanischen Stadt Herat. Viele assoziieren mit Afghanistan als erstes den Bundeswehreinsatz. Aber das asiatische Land hat so viel mehr zu bieten. Mit diesem Artikel möchte ich eine andere Perspektive zur einseitigen medialen Darstellung aufzeigen.

Im Rahmen einer längeren Reise besuche ich auch die afghanische Stadt Herat. Die Straße nach Herat ist umsäumt von Dörfern, allesamt aus Lehm gebaut. Es sind einfache kleine Häuser mit interessanten runden Kuppeldächern, die mit einer mannshohen Mauer von der Straße abgegrenzt sind. Auf offenen Flächen spielen Kinder, und wo gerade kein Dorf ist, sehe ich weite Wiesen mit Schafsherden vor hügeligem Horizont.

Gegen Nachmittag komme ich bei sonnigem Wetter in der Stadt an. Anders als im benachbarten Iran kleiden sich die Männer traditionell; weite luftige Kleidung in weiß und eine dunkle Weste dazu. Im Hotel unterhalte ich mich mit den freundlichen Mitarbeitern über die Geschichte des Landes, als es draußen plötzlich anfängt zu schütten. Es ist kein Regen, nein, es ist Hagel; nie zuvor habe ich so große Hagelkörner gesehen. Es schüttet mit solch einer Wucht, dass alle nur schweigend zusehen. Nachdem der Schauer aufgehört hat, mache ich mit zwei einheimische Bekannten, Yadullah und Ali, einen Rundgang durch das Zentrum.

Man braucht nicht lange, um festzustellen, dass das Land sehr geprägt ist von Konflikten. In keiner anderen Stadt habe ich so viele bettelnde und körperlich behinderte Menschen angetroffen. Aber von der Gefahr des Krieges ist hier nichts zu spüren, in Herat ist es über die Jahre weitgehend ruhig geblieben. Des Weiteren tragen die vielen Sicherheitskräfte dazu bei, dass ich mich sicher fühle.

Was mich besonders begeistert, sind nicht die vielen historischen Bauwerke an der ehemaligen Seidenstraße. Auch nicht die lebendigen Basare, oder die kunterbunten Rikshas. Es ist der Umgang mit meinen beiden Begleitern, die mir mit ihrer gastfreundlichen, unaufdringlichen Art und ohne Stolz ihre Stadt zeigen und dabei auf meine Wünsche eingehen.

Am nächsten Tag begleite ich Ali in die Uni. Das Studienangebot hier ist ziemlich breit gefächert. In der Uni treffe ich zu meinem Erstaunen gleich auf zwei Professoren, die gut deutsch sprechen. Auf Wunsch der Studierenden stehe ich ihnen in einer Freistunde Rede und Antwort. Wie üblich sitzen sie nach Geschlechtern getrennt. Einer von ihnen lädt mich im Anschluss zum Mittagessen zu seiner Familie ein. Wie in muslimischen Ländern üblich sitzen wir auf dem Teppich, und genießen das köstliche Essen.

Am Nachmittag besuche ich die zentrale Moschee. Gerade fängt die Gebetszeit an, und es strömen viele Menschen hinein; darunter viele ältere Männer mit Bart und Turban. Solch ein Aussehen mag man von Dokumentarfilmen kennen, und mir kommt es zunächst so vor, als ob diese Menschen in einer ganz anderen Welt leben als ich. Aber ich realisiere, dass es ganz normale Menschen sind wie Du und ich und das Gefühl der Fremdheit löst sich auf und wandelt sich in Verbundenheit.

Die islamische Kunst, wie ich sie vor allem in den Moscheen erlebe, fasziniert mich. Nicht nur ihre Ästhetik, sondern auch ihr Detailreichtum und ihre Darstellungsvielfalt locken mich immer wieder an die heiligen Stätten. Hier wird es mich sicherlich ein weiteres mal hin verschlagen, mit deutlich längerem Aufenthalt.

Jede Kultur hat etwas Einzigartiges, von der jeder etwas lernen kann. Daher wünsche ich mir mehr Verständigung zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen, ein persönliches Miteinander, bei dem das Kommunizieren an sich das Ziel darstellt.

Anja Binder

12. Oktober 2011

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