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Selbstpornographisierung

Der erotische Epilog des Feminismus. Feminismus ist wie Londons Schnee von gestern: Nicht weggekehrt, nur festgefroren und unangenehm. Trotz über 2000 Jahren Erfahrung als Weltstadt ist London vollkommen überfordert mit so etwas wie Schnee. Menschen rennen herum wie kopflose Hühner, Flughäfen werden geschlossen und Bahnstrecken gesperrt. Mangels Schaufeln oder Streugut werden alle Gehwege zu einer hunderte Meilen langen Eisbahn. Die weibliche Bevölkerung reagiert scheinbar kopflos und trägt trotz Kälte zu großen Teilen Outfits, die zur Frage anregen: „Habt ihr heute Morgen einfach vergessen, eine Hose anzuziehen?“

Die moderne Cosmopolitin findet offenbar keine bessere Möglichkeit, sich über die eisige Fläche eines historisch gewordenen Feminismus zu bewegen, als bei jedem Schritt einen 10cm-Overkneestiefel- Pfennigabsatz hineinzubohren. Ist zwar anstrengend, aber wenigstens rutscht man nicht aus.

Zugegeben: Da Frauen schon Haare ab- und Hosen anhaben, bleibt zum nächsten Schritt der Inszenierung von Emanzipation scheinbar nicht so viel übrig. Frau richtet ihren Blick auf die glitzernde Celebrity-Welt zur Inspiration. Und siehe! Die diskursive Aussage der Damen lautet: Wir sind so unglaublich emanzipiert und selbstbewusst, wir können unseren Job nackt oder in Unterwäsche machen, ohne an Sexismus überhaupt nur zu denken!

Rihanna schwingt ihre Hüften in S&M-Lack&Leder-Kleidung und intoniert „I like the way it hurts“ (dt: „Ich mag den Schmerz“). Dita van Teese ruiniert regelmäßig teure Unterwäsche in überdimensionierten Champagnergläsern. Lady Gaga zieht die Aufmerksamkeit auf ihr eigenes Fleisch, indem sie alle Bedenken über Tierrechte und Hygiene fahren lässt und sich in einen feschen Rindersteak-Mini schmeißt. Katy Perry erinnert daran, dass aus Milch auch Sahne werden kann, indem sie ein paar „California Girls“ mit selbiger aus ihren Brüsten bespritzt. Lecker. Wem das alles noch nicht explizit und selbstsicher genug ist, der schalte Big Brother ein und beobachte Frauen dabei, wie sie echt total gut mit ihrer Sexualität klar kommen. Die Angst der feministischen Generation, zum „Sexobjekt“ degradiert zu werden, ist schon längst fröhlich weggetanzt.

Feminismus war mal eine gesellschaftspolitische Bewegung. Heute ist er nur noch eine Lifestyle-Entscheidung. Und zwar eine, die genauso „out“ ist wie Technopop und Urlaub am Ballermann. Angela McRobbie schreibt, wir lebten in einer „postfeministischen“ Zeit*. Frauen sind heute im Allgemeinen gleichberechtigte, unabhängige Gutverdienerinnen. Möglichkeiten politischer Subversion in der Teilnahme an Konsumkultur werden allerdings zugunsten weiblicher Unterhaltung und Nachfrage nach “femininen” Gütern ausverkauft: Neonfarbener Nagellack, Poledance- Fitnesskurse, hautenge Hosen in Stiefeln. „Die Idee feministischen Inhalts ist verschwunden,“ so McRobbie, “und wurde von aggressivem Individualismus, einem hedonistischen weiblichem Phallizismus im sexuellen Bereich und einer Obsession mit Konsumkultur ersetzt.” Die postfeministische Maskerade der „Fashionista“ als weibliches Identifikationsangebot kommt als quasi-feministische Geste daher, ohne eine ernstzunehmende Bedrohung patriarchaler Autorität darzustellen. Ein Beispiel für weiblichen Phallizismus ist Erfolgsfrau Amy Winehouse, deren Lidstrich so breit ist wie ihr Minirock und der es „freigestellt“ ist, zu saufen, zu kotzen und aus Spaß Sex zu haben „wie ein Kerl“. Hinter diesem Gehabe steckt allerdings nur eine scheinbare Geschlechtergleichheit. Es ist eher eine Provokation des Feminismus und eine triumphale Geste des wieder auflebenden Patriarchalen. Den diskursiven Ersatz feministischer Inhalte mit Konsumkultur nutzt eine aktuelle Werbekampagne für vor Hitze schützendem Haarspray in London: Eine Frau schüttelt lasziv ihre Haarpracht, auf der zu lesen ist: „Kann nicht kochen. Werde nicht kochen. Auch nicht mein Haar.“ Dem Klischee der kochenden Hausfrau wird mit dem Kauf von Schönheitsprodukten entgangen.

Selbstpornographisierung von Frauen ist eine weitere Manifestation postfeministischer Maskerade. Auf akademischer Ebene scheuen sich Forscher vor einer ernsthaften Debatte darüber, was die weit verbreitete Teilnahme von Frauen an Sex-Entertainment für die nunmehr veraltete feministische Perspektive auf Pornographie und Sexindustrie bedeutet. Diese Lücke muss dringend gefüllt werden. Aus McRobbies Sicht stellen der Poledance-Fitnesstrend, der Spaß an Abenden in Stripclubs, am „Sexting“ oder sogar am Tragen von Stringtangas einfach beunruhigende Formen postfeministischen Pseudo-Empowerments dar. Das politische Unbehagen macht den Spaß dabei nicht weniger real.

Ja, ich hatte Spaß an meinem Stripdance-Kurs in der Kaifu Lodge. Ich finde es auch witzig, dass meine beste Freundin demnächst eine „Dildo-Party“ bei sich veranstalten möchte (wie eine Tupper-Party nur eben mit Sexspielzeug). Aber ich spüre auch die Melancholie und Verwundung, von der McRobbie spricht. Auf der einen Seite spüre ich die Schläge gebildeter Feministinnen, die man aus der Uni kennt und die irgendwie Recht haben. Auf der anderen Seite bekomme ich Schläge von meinen schicken Freundinnen, wenn ich mal wieder einen Pulli trage, der wie ein Sack an mir herunterhängt. „Sei emanzipiert! Sei weiblich!“, schreit es von allen Seiten, wie auf einer zu lauten Weihnachtsfeier. Ich löse es mit Augenzwinkern und, man kann es nicht anders sagen, mit trotzig-scherzender Überaffirmation von Elementen weiblicher Konsumkultur: Ich habe alle Bände von Twilight verschlungen – *augenzwinker*. Ich habe drei verschiedene Souvenir-Special-Magazine der Verlobung von Kate und William gekauft (mit Babyfotos!) – albern, diese ganze Aufregung. Meine Liebäugelei mit der Feinstrumpfhose von Topshop, die so aussieht, als hätte man Overknee-Strümpfe an (es gibt sie auch in der Straps-Variante) löse ich dadurch, dass ich sie zu Weihnachten an meine Tante verschenke. Als Scherz, versteht sich.

Feministinnen wollten das Bild der hübschen, folgsamen und angepassten Frau unterbieten: Weniger von allem. Röcke aus, Hosen an. Das ist der Schnee von gestern. Heute versucht frau es mit der Überaffirmation stereotyper weiblicher Sexualität: Hosen wieder aus. Es muss allerdings eine andere Lösung geben, sich auf dem Glatteis des Feminismus zu bewegen als auf Strümpfen in schicken Stiefeln. Wir hatten eine kühle Zeit mit raspelkurzen Haaren und keinen BHs, nun eine zu heiße Zeit mit Extensions und superschicken Korsetts. Lauwarm klingt langweilig, aber warum nicht?

Von Fabienne Erbacher

*Angela McRobbie, The Aftermath of Feminism: Gender, Culture and Social Change, Sage Publications, 2009, 192 pp

18. Januar 2011

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