Schweiger-Tatort: Mehr Fluch als Segen für das deutsche Fernsehen?
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Schweiger-Tatort: Mehr Fluch als Segen für das deutsche Fernsehen?

Ein klassischer Schweiger-Film kommt nicht ohne große Gefühle oder zumindest große Explosionen aus. Ob das gut für den deutschen Tatort ist, darf bezweifelt werden.

Bei den Kritikern kam Schweigers Tatortadaption nicht gut an / (C) Wikimedia Commons
Bei den Kritikern kam Schweigers Tatortadaption nicht gut an / (C) Wikimedia Commons

Braucht der Tatort Til Schweiger? Oder braucht Til Schweiger den Tatort? Fakt ist, die Hamburger Tatorte mit dem neuen Ermittlerduo haben den Öffentlich-Rechtlichen insgesamt nur durchschnittliche Einschaltquoten eingebracht. Zur Erstausstrahlung sahen 12,5 Millionen Zuschauer Til Schweiger alias Nick Tschiller beim Kampf gegen das organisierte Verbrechen zu. Ein respektables, aber schon ein Wochenende später vom Münsteraner Team Thiel und Boerne überbotenes Ergebnis. Die Reihe erstreckt sich insgesamt über drei Teile, wovon der letzte Teil zunächst nur im Kino zu sehen sein wird. Das hat es zuletzt bei Götz George alias Schimanski gegeben, der in den Achtzigern im Kino-Tatort auf Verbrecherjagd ging.

War mit seinem Tatort im Kino wesentlich erfolgreicher: Götz George alias Schimanski / (C) Wikimedia Commons
War mit seinem Tatort im Kino wesentlich erfolgreicher: Götz George alias Schimanski / (C) Wikimedia Commons

Schweiger im Tatort verspricht mit Althergebrachtem zu brechen, quasi die Hollywoodadaption der regionalen TV-Küche, jetzt ganz groß und mit Brimborium. Eine actiongeladene Mischung aus Adrenalin und Explosionen, mit Schurken und Familienclan, am Ende muss sich sogar Schweigers Alter Ego die Frage stellen, ob er denn nun guter Cop, böser Cop oder lieber gar kein Cop sein möchte. Welchem deutschen Polizisten spricht das nicht aus der Seele. Endlich mal die MP leer schießen, im Dauerfeuer, ohne Nachladen, denn Nachladen, das machen nur Anfänger. Endlich Panzerfaust, endlich Nahkampfprügel, endlich Hollywood.

Aber braucht das der Tatort? Gab es irgendwo den verzweifelten Ruf nach mehr Wumms hinter der altgedienten Walter PPK der deutschen Fernsehdauerbrennerunterhaltung, die immerhin schon seit 1961 Verbrecher zur Strecke bringt? Dass der Alltag der deutschen Exekutive in Wahrheit anders aussieht und nicht mal amerikanische Polizisten derartige Gewaltorgien feiern, mag eine Sache sein. Dass das bisherige Erfolgskonzept der längsten deutschen Krimireihe andere Wege geht, die andere.

Freunde actiongeladener Hirnentspannung lehnen solches Bummbumm nicht per se ab. Aber brauchen wir im deutschen Tatort so viel Geballer, so viele Explosionen, so viel Schweiger? Ist denn nicht der eigentliche Charme der krisenstabilen Sonntagabendunterhaltung die charakterliche Glanzkraft seiner Ermittler und das Täterraten? Beim Hamburger Tatort wurde diese Frage ihrer Relevanz beraubt. Entweder beförderte Tschiller höchst selbst jemanden ins Jenseits oder eben die stereotypen Bösewichte, die bei aller Inbrunst der Autoren eben doch nicht mehr als eindimensional blieben. Keine offenen Fragen, Nachdenken schadet nur, Hirn aus, Action an, ganz wie das große Vorbild Hollywood eben. Vielleicht ist es so eine Art Bewerbung für Schweiger, ein Hilferuf, der ausdrückt: Seht her! Ich kann mehr als Keinohrhasen! Bitte nehmt mich endlich ernst und gebt mir Rollen, ich will doch auch so gerne einen Oscar. Wo der Tatort von Regionalität lebt, davon, dass es gerade nicht das ganz große Kino ist, sondern überschaubar und irgendwie aus der Nachbarschaft, schadet Schweigers Actionmarathon mehr, als das er nutzt. Dafür, dass man seine Kommissare und Kommissarinnen irgendwann kennt, sie miterlebt, anstatt ihnen nur dabei zu zusehen, wie sie den xten Bösewicht abmurksen und das xte Auto sprengen, dafür feiert das Publikum den Tatort.

Die Kritiker überzeugt sein Auftritt größtenteils nicht, sie gehen mit Schweiger’s Fernsehproduktion hart ins Gericht. Spiegel, Süddeutsche, Zeit – alle bemängeln seichte Handlung, sinnfreie Action und nuschelnde Hauptdarsteller. Um es mit den Worten der PoetrySlammerin Mona Harry’s zu sagen: „Wir haben den Til Schweiger der Himmel, weil er nur einen Gesichtsausdruck kennt“. Jeder Schweiger-Zuschauer kennt das. Dieses halb Schlaganfall-, halb Hirntrauma-Gesicht und dazu das ständige Nuscheln, was sich Schweigers als Nebenrolle besetzte Tochter leider auch schon abgeschaut hat.

Im Februar dann Schweiger im Kino, sicher, die Fernsehbühne ist zu klein für den nach eigener Überzeugung Großmeister der deutschen Unterhaltung, es muss die Leinwand her. Im Interview und auf Facebook bepöbelt Schweiger gewohnt ausrufezeichenlastig Fans und Journalisten, alle haben keine Ahnung, sind Trottel, er als Regisseur/Schauspieler/Produzent/Cutter/Halbgott wisse nun mal besser als das Publikum, was gute Unterhaltung ist und was nicht. Die Haftung mit dem Teppich, auf dem ein guter Künstler bleiben sollte, hat Schweiger schon lange verloren, ist höchstens noch ein roter Läufer, bereit zum Abschreiten in Siegerpose. Die unterdurchschnittlichen Einschaltquoten der letzten beiden Teile und auch der Kinofilm, der sich als Flopp herauszustellen droht (anders, als damals Schimanski), sprechen jedoch eine andere Sprache. Da hilft auch keine Helene Fischer. Einzig Tschillers Kollege Yalcin Gümer, gespielt von Fahri Yadim, verleiht dem Spektakel einen Hauch von Reflexion und Selbstironie. Einen leisen Hauch.

So kann man dem größten deutschen Fernsehproduzenten für seine Verdienste um das Unterhaltungsprogramm danken und seine Filme eben mögen oder nicht mögen. Geschmackssache. Aber für den Tatort bleibt er eine Nummer zu groß, seine Ambitionen zwar lobenswert, doch unnötig, sogar ungewünscht. Tatort ist kein Hollywood, auch keine Bewerbung dafür, Tatort ist solide Unterhaltung, Sonntagabendritual und Sympathie für „seine“ Kommissare. Wie auch das Intro seit Einführung 1961 keine Überarbeitung notwendig gehabt hat, so hat auch das Konzept keine nötig. Niemand hat sich beschwert. Der Zuschauer kennt seinen Tatort mit all seinen Stärken und Schwächen und so liebt er ihn auch.

Autor: Andreas Hußendörfer

 

22. Februar 2016

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