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Schweden und die Frage der Frauen

Gedanken am Weltfrauentag. Am 8. März war wieder Weltfrauentag. Davor lag der Tag der Ernährung, kurz danach schließt sich stets der Internationale Tag gegen Staudämme an. Weltaktionstage gibt es meistens für bedrohte Tierarten, Minderheiten und Dinge, die keiner so recht mag. Für Dinge, die gar niemanden interessieren, richtet man ganze Jahre ein. So ist 2008 das Jahr der Mathematik gewesen und 2009 steht im Zeichen der Astronomie.

Ein Weltfrauenjahr gab es seit 1975 nicht mehr, das beruhigt. Warum Deutschland sich heute aber noch zum Weltfrauentag gratuliert, erklärt das nicht ganz. Schließlich stellen Frauen gut die Hälfte der Weltbevölkerung. In Kanada sind Frauen 1929 zu Personen erklärt worden, in Deutschland wählt die Frau seit 90 Jahren. Auch sonst gestaltet sie nicht nur den Speiseplan des Mannes: Ein Fünftel der Mütter in Deutschland ist alleinerziehend, die Zahl der berufstätigen Frauen stetig steigend, so manche Frau macht Karriere. Das klingt nicht nach Entrechtung und Unterdrückung. Das klingt als sei die durchschnittliche deutsche Frau völlig gleichberechtigt und emanzipiert.

Sie ist so emanzipiert, dass sie Unterscheidungen in Bürger und Bürgerinnen, Köche und Köchinnen ignoriert und die hybriden DozentInnen und geschlechtsneutralen Examenskandidierenden keines Blickes mehr würdigt. Stutzig macht der Quotensatz, wenn im Zuge des Gender-Mainstreamings Frauen nachdrücklich zu einer Bewerbung aufgefordert werden. Wird eine Frau dann wegen der angestrebten Chancengleichheit bei gleicher Eignung einem männlichen Bewerber vorgezogen, ist es schnell vorbei mit der Souveränität: Die Höhe des Arbeitslohnes für das weibliche Geschlecht liegt in Deutschland immer noch 23 Prozent unter der des Mannes. „Es sind eben die Frauen, die Teilzeit arbeiten und als Putzperle schuften, nicht als Banker“, hört man. Generell hört man zuviel über Frauen, die bei Kinderwünschen gemobbt werden, denen der Aufstieg in Führungspositionen verwehrt wird und die weder das gleiche Geld noch das gleiche Ansehen wie ihre männlichen Kollegen erhalten. Braucht es den Frauentag also doch? Anderswo in Europa klappt das mit der Gleichberechtigung doch auch. In Skandinavien zum Beispiel. Besonders die SchwedInnen sind bekanntlich die VorreiterInnen der Gleichberechtigung. Statt als Heimchen am Herd agiert die Frau dort in Pippi-Langstrumpf-Manier: Studiert, arbeitet, bekommt Kinder oder nicht, bleibt zuhause oder nicht und geht irgendwann ganz selbstverständlich wieder arbeiten. Fast 75% der Frauen in Schweden sind berufstätig. Eine hundertprozentige Gleichberechtigung gibt es auch dort nicht: Am Ende ist es doch wieder die Frau, die zuhause bleibt und sich um die kranken Sprösslinge kümmert und sie ist es, die ihrem Mann hinterher räumt. Wissenschaftler führen das auf die verschiedenen Hirnstrukturen der Geschlechter zurück. Das klingt nach Unterschied und das hört man in Schweden daher nicht gerne. Genausowenig wie Schweden es leiden mögen, wenn man ihr geringes Lohngefälle zwischen Mann und Frau lobt. Bereits die Tatsache, dass auf den schwedischen Geldscheinen die Frauen auf den Scheinen mit den geringsten Werten abgebildet sind, treibt manchen zur Weißglut. Leidenschaftliche Debatten zur Gleichstellungspolitik dieser Art führt man in Schweden seit den 1970ern und das Engagement will einfach nicht abreißen. Letztes Jahr engagierte sich eine kleine Gemeinde aus dem Südwesten Schwedens für die Einführung eines weiblichen Ampelmännchens. Keine Frage, keine Diskussion, kein Widerstand – das Infrastrukturministerium reagierte umgehend und ließ erste Entwürfe anfertigen.

Die Wut und all die Tiraden haben sich gelohnt. Schweden fühlt sich sehr gleichberechtigt an. Die Geschlechtszugehörigkeit wird geflissentlich übergangen, solange man sie nicht für die Gleichstellungspolitik instrumentalisieren kann. Das klingt toll, kann den Alltag aber auch ganz schön anstrengend machen. Ist man es aus Deutschland gewohnt sich am Kaffeeautomaten mal vordrängeln zu dürfen, lernt man in Schweden schnell sich korrekt einzuordnen. Merksatz: Ein gleichzeitiges Eintreffen an der Kasse berechtigt kein Geschlecht zum Vortritt. Hierzulande wird Frauen häufiger der Vortritt gewährt als man denkt – ob es um den Einstieg in den Bus, die Reihenfolge an der Gemüsewaage im Supermarkt oder das Gerangel um den letzten Platz in der S-Bahn geht. Bewusst wird einem das erst, wenn man mehrmals in einem schwedischen Drehkreuz mit einem Mann kollidiert ist. Balanciert man in Lüneburg Notebook, Bücher und Wasserflasche durch die Uni, ist die Chance groß, dass einem die Tür aufgehalten wird. Von Mann und Frau, für Mann und Frau. Egal wie verwegen man aussieht, egal wie unfreundlich man über seinen Bücherstapel hinweg lugt. In Schweden muss man da schon einen gigantischen Bücherstapel tragen. Oder gut aussehen. Der Glaube, eine gleichberechtigte Welt erlaube es der Frau völlig verlottert durch die Welt zu ziehen, täuscht. Schwedinnen sehen auch im Examensstress gut aus. Vielleicht, weil ihnen das die Türen zur Bibliothek öffnet, ohne dass der Bücherstapel abgesetzt werden muss.

Ist das dann erfolgreiche Gleichberechtigung? Was bedeutet das für den Weltfrauentag? Zumindest bedeutet es, dass Emanzipation anstrengend sein kann. Ein Dilemma!
Wer wünscht sich nicht eine Welt in der alle die gleichen Rechte haben und auch so behandelt werden? Aber so ein bisschen hofiert zu werden findet frau doch auch ganz angenehm. Bis das Ideal der sozialen Gleichberechtigung tatsächlich greifbar ist, braucht es wohl noch einen Frauentag an dem man sich überlegen kann, wohin die Reise gehen soll und wie man es schafft, Höflichkeit der Gleichbehandlung nicht zum Opfer fallen zu lassen.

Larissa Loose

9. April 2009

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