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Schon einen Platz im Audimax reserviert?

Innenansichten eines Fakes auf dem Campus. Wir schreiben den 9. Juni. Nur an der Heizkostenrechnung wird sichtbar, dass der Winter ziemlich lang war. Eine unerträgliche Hitze schwebt über dem Campus. Die letzte Vorlesung dehnt sich wie gewohnt aus. Der Minutenzeiger streikt. Die Anwesenheitsliste wird zur Dozentin zurück gereicht. Jemand tuschelt: Es gibt frische, fettige Pommes in der Mensa. Düfte locken. Kommilitoninnen mit Sonnenbrillen schlendern mit ihren Freundinnen den Weg entlang. Die Sonne brennt über Lüneburg.

Dann stockt einem Leuphana-Semester-Studenten der Atem: Vor der Mensa stehen fünf in schwarzen Anzügen gekleidete Männer. Schweißperlen stehen ihnen auf der Stirn. Sie lassen es sich nicht anmerken. Die Anzugträger haben nicht geahnt, wie heiß es heute sein würde. Es handelt sich hier um ein lange geplantes Vorhaben.

Wenig später blitzt ein Silbertablett unter des Studenten Nase. „Kaviarhäppchen gefällig?“ Da sagt man nicht nein. In wenigen Bildern kumuliert eine Realität. Sie fokussiert den Blick. Sie reizt. „Ist der echt?“ Der junge Anzugträger nickt, als wäre das völlig selbstverständlich. Es ist schwer, sich so zu verstellen. Dann bricht der Wortschwall aus ihm heraus: „Haben Sie schon einen Platz im neuen Audimax reserviert? Geht bei uns first class. Mit Beinfreiheit, persönlicher Bedienung und Laptop. Parkhausstellplatz inklusive. Aber wir haben nur die ersten drei Reihen. Und schon viele Vorbestellungen.“

Der Kollege mit der Fliege reicht den Champagner dazu. Das mundet. Die Business-Vertreter scheinen von weit her zu kommen. Sie siezen selbst zottelige Kommilitonen. „Kostet allerdings 2199 Euro im Monat. Aber das haben Sie doch bestimmt: Wir sind Elite!“ Eine rothaarige Frau mit übermäßig strenger Frisur entführt den Kaviar. Bis jetzt hat der Angesprochene nicht realisiert, dass Frauen Teil der Gruppe sind. Es belegt, dass Leitungspositionen in der Wirtschaft immer noch mit Männern assoziiert werden. „Als Shiatsuliege kostet es leider etwas mehr…“, flötet die Frau. Ein Mann mit Fliege wirft seinen gegelten Scheitel. Er nickt dem Angesprochenen verschwörerisch zu: „Die Hochschule muss das Audimax halten. Mit uns als Geschäftspartner gelingt das besser. Wir kaufen uns ein. Und Sie sind dabei!“

Da erwacht der kritische Geist im Studenten. Die Hochschule soll auf seine Kosten an ein Unternehmen verkauft werden? Drüben wird gerade das Café Ventuno von ein paar KommilitonInnen besetzt. Die machen es richtig. Schließlich muss mal Schluss sein mit dieser Privatisierung auf dem Campus. Dieser Ort gehört doch den Studierenden!

Die da vor ihm stehen, könnten doch auch welche sein… Er stellt den Sekt zurück. „Was erwarten Sie von uns? Ich finde das nicht gut.“ Der Schelm mit der Fliege reicht ihm nur grinsend die Rückseite des mitgebrachten Flyer: „Keine Sorge, wir sind von der gewerkschaftlichen Hochschulgruppe. Komm gern bei unserem nächsten Treffen vorbei. Dann regen wir uns zusammen über diese Zustände auf.“

In diesem Moment deckt die Aktivistengruppe ihren Fake auf. Sie solidarisiert sich mit den Adressaten. Eine offene Aussprache wird möglich. Ein Fake macht aufmerksam. Wer einen Fake plant, gehört einer Gruppe an, die gesellschaftliche Zustände kritisiert. Klischees werden bewusst so ausgereizt, dass es so auffällig erscheint wie glaubwürdig bleibt. Nicht immer ist dies bei Kommunikationsguerilla der Fall. Ursprünglich war geplant, den Fake erst Monate später aufzuklären. Bis ins Wintersemester wurde darüber gesprochen. Niemand hat uns erkannt. Wir wissen, dass unsere Aktion wirksam war.

Von Heike Hoja
(Fake-Aktivistin)

18. Januar 2011

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