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Richtig merklich verliebt

Es ist unterschiedlich. Manchmal hab’ ich das Gefühl, jeder kann Es auf den ersten Blick sehen, als könnten sie mich durchschauen. Dann kann Es mir recht oder unangenehm sein, wenn ich die Blicke auf mir spüre. Blicke zu spüren ist nicht immer angenehm. Als ich jung war, war da dieses Kribbeln, das ich auch habe, wenn ich das Gefühl habe etwas „Verbotenes“ zu tun. Das war manchmal aufregend und manchmal lief ich rot an im Gesicht. Und dann weiß ich, habe ich mich geschämt. Vielleicht dafür, wer ich bin und dass ich auf eine Art anders bin als sie und dass ich damit gegen ihre Regeln verstoße. Aber vor allem, denke ich, weil es so offensichtlich um meine Sexualität ging, mit der ich selbst ja damals noch nichts anzufangen wusste. In diesem Punkt ging und geht es sie einfach nichts an, aber sie starren noch immer.

 

Heute schäme ich mich nicht mehr. Weder für meine Sexualität, mit der ich mich heute sehr sicher fühle, noch und vor allem nicht für meine Liebe, um die es mir hauptsächlich geht. Die können die  Menschen, die mich anstarren, nicht sehen. Egal wie lange sie da stehen und glotzen. Sie sehen weder Liebe, noch Normalität, die ich ich sowohl für meine Liebe, als auch für meine Sexualität empfinde. Sie würden sich wundern, wenn sie mich kennen würden.

 

Ich bin 22 Jahre alt, Studentin und lebe nun seit fast einem Jahr wieder in einer festen Beziehung.

Dies ist meine dritte Beziehung und ich habe immer in Beziehungen gelebt, seit ich 17 war.

Meine längste Beziehung dauerte fast drei Jahre.

Ich bewohne eine WG in Hamburg, zusammen mit meiner Freundin. Wir haben einen Mitbewohner und zur Zeit wohnt auch noch die Schwester meiner Freundin aus akutem Geldmangel bei uns.

Das heißt, es ist manchmal ein bisschen voll. Dann träumen meine Freundin und ich davon, in eine  Ein- oder Zweizimmerwohnung zu ziehen oder am besten die Dreizimmerwohnung, in der wir jetzt alle zusammen wohnen, zu mieten. Nur wir zwei. Dann rechnen wir nach. Und stellen letztendlich fest, dass wir uns eine Ein- oder Zweizimmerwohnung oder mehr nur für uns zwei in Hamburg nicht leisten können und dass das ja sowieso total spießig ist und dann geht unser Leben weiter in der WG. Wenn meine Freundin viel arbeiten muss, koche ich das Essen, wasche die Wäsche und putze das Klo. Hab ich einen langen Tag an der Uni oder muss ich nebenher arbeiten, läuft das Ganze anders herum. Obwohl meine Freundin teilweise sehr faul ist und nicht gerne Wäsche wäscht oder das Klo putzt. Dann streiten wir uns und schreien uns auch manchmal an. Dann sind wir so lange aufeinander sauer bis eine von uns ankommt und wir darüber reden oder auch einfach nur miteinander schlafen. Wenn meine Freundin Spätschicht hat, warte ich abends so lange auf sie, bis sie endlich zu Hause ist. Dann sind wir froh, dass wir uns wieder haben.

Klingt das nicht nach Normalität, vielleicht sogar nach Langeweile?

 

Was ist also dran am Mythos Lesbe? Genau dem möchte ich in dieser und kommenden Ausgaben der Univativ genauer auf den Grund gehen.

 

Als ich 14, 15 Jahre alt war, hatte ich keine Vorstellung, was Lesben sind und das hätte ich wohl heute immer noch nicht so genau, wenn ich nicht betroffen wäre. Ich wusste, dass das was Anderes war. Menschen, die man ganz selten zu Gesicht bekommt. Etwas Kurioses, Geheimnisvolles und gleichzeitig auch Beängstigendes, denn es war anders als das, womit ich aufgewachsen war.

 

Meine Eltern sind nun schon über 30 Jahre verheiratet. Sie leben in einer Kleinstadt in der Nähe von Lüneburg und Hamburg. In diesem Gebiet wohnt fast meine gesamte Familie.

Ich habe einen jüngeren Bruder und wir gingen beide zum Gymnasium. Mein Vater arbeitete, meine Mutter war, als wir jünger waren, zu Hause. Wir wohnten, bis ich vor ca. eineinhalb Jahren von Zuhause auszog, in einem Haus mit Garten und einem großen Auto in der Einfahrt. Auch meine Großeltern wohnten nur fünf Minuten von uns entfernt. Kleinbürgerliche Idylle.

 

Für mich war mit 13 klar, dass ich mit 16 erwachsen sein würde. Erwachsen hieß unter anderem, dass ich dann einen Freund haben würde und dass wir miteinander schlafen würden. Das gehörte für mich zusammen und gab mir auch ein warmes Gefühl im Bauch, denn dann würde ich das wenigstens schon hinter mir haben. Tatsächlich hatte ich davon keine genaue Vorstellung, aber ich kannte es nur ungefähr so – aus dem Fernsehen, aus Büchern und Liedern und vor allem von meinem Umfeld und meinen eigenen Eltern. Ich machte mir keine Gedanken, dass es anders kommen würde, obwohl ich zu der Zeit eigentlich schon genau wusste, dass es nie so sein würde. Aber ich ließ es nicht an mich ran. Alle lebten so und so würde ich auch leben. Das gab mir ein Gefühl von Sicherheit und alle anderen erwarteten auch von mir, dass mein Leben wie ihres ablaufen werde. In den Bahnen, die für mich schon vorgezeichnet waren, seit meiner Geburt. Hätte man mir damals erzählt, dass ich nicht mit 16 mit einem Jungen sondern mit 17 mit einem Mädchen zusammen sein würde, hätte mich das wahrscheinlich sehr überfordert.

 

Richtig merklich verliebt in ein Mädchen war ich mit zehn. Ich war in der vierten Klasse und es war einer der aufregendsten Sommer meines Lebens. Der aufregendste Sommer, den ich bis dahin erlebt hatte. Ich war Teil einer Mädchenclique und uns gehörte in diesem Sommer die Welt.

Später waren es Klassenkameradinnen, Freundinnen, Französisch-Nachhilfelehrerinnen.

Doch in dieser ganzen Zeit war ich sehr unglücklich. Zum einen war meine Zuneigung zu bestimmten Frauen oder Mädchen vollkommen aussichtslos, zum anderen machte mir diese Neigung selber zu schaffen. Ich kannte in meiner Umgebung niemanden, der so fühlte wie ich. Und etwas sagte in mir ganz deutlich, dass auch meine Eltern oder engeren Freunde für dieses Thema keine verständnisvollen Ansprechpartner sein würden. Ich schämte mich sehr und versuchte einfach alles zu ignorieren. Vielleicht würde das alles vorbei gehen und ich würde lernen, mich in Jungen zu verlieben. Aber leider blieb es zwecklos. Sobald ich mit einem Jungen allein war und es eindeutig wurde, dass es kein rein freundschaftliches Gefühl war, das ihn zu mir führte, fühlte ich mich unwohl. Die Male, die ich einen Jungen geküsst habe, sind sehr spärlich. Ich empfand nichts, bzw. eher ein unangenehmes Gefühl. Das roch und schmeckte ja so komisch und das war alles so nass. Die Jungen waren wirklich nett. Ich mochte sie und ich gab mir wirklich Mühe, mich darauf einzulassen, aber irgendwie widerstrebte mir das alles. Alles war kompliziert und nicht eindeutig.

 

Mit 12 bis 14 Jahren floh ich einfach vor mir und der Welt um mich herum, denn ich hatte das Gefühl, dass wir nicht zusammen passten. Entweder passte die Welt nicht zu mir oder ich nicht zur Welt. Hauptsächlich nahm ich für mich die zweite Theorie an und litt darunter schrecklich. Ich hatte nur Probleme mit Allem. In der Schule gab es Schwierigkeiten, weil ich mich mit 12/13 Jahren weder für Jungs oder Schminke noch für enge Klamotten, BHs oder Discos interessierte und zu Hause hatte ich das Gefühl, nicht über die ganze Wahrheit reden zu können. Niemand verstand mich und ich war mit mir und der Situation vollkommen überfordert.

In dieser Zeit verlor ich mich vollends.

Ich ging zwar zur Schule aber nur widerwillig, da ich dort den Hänseleien und Angriffen meiner Mitschüler ausgeliefert war. Die nutzten jede Gelegenheit, um mich öffentlich zu demütigen.

Die Lehrer schauten meist weg oder amüsierten sich mit den Schülern über mich. Die Nachmittage verbrachte ich oft allein in meinem Zimmer, weil ich mich so niedergeschlagen fühlte. Die Kraft, mich unbeschwert mit Freunden treffen zu können, fehlte.

 

Dieser Zustand hielt an, bis ich ungefähr 15 Jahre alt war.

Ich weiß nicht mehr, was mich dazu brachte, aber ich begann in dieser Zeit meine Flucht nach vorn vorzubereiten. Obwohl ich meine Gefühle vor allen verschwieg und mich niemals zu ihnen bekannt hätte, auch nicht, als meine Mutter mich direkt drauf ansprach, hatte ich begonnen, eine Sammlung von Artikeln und Filmen anzulegen, die sich mit dem Thema beschäftigten.

Dann kam er, der entscheidende Tag und mit ihm ein Zeitungsartikel, der mir die Augen öffnen und damit alles ändern sollte. Ich kaufte mir an diesem Tag ein Magazin, um darin ein Interview eines bekannten Schauspielers zu lesen. Was ich nicht wusste, war, dass sich eine ehemalige Volontärin des Magazins dort mit einer sehr persönlichen Geschichte verabschiedet hatte, ihrer Coming-Out-Geschichte. Ihre Geschichte war meinen Gefühlen und Erlebnissen so ähnlich und gar nicht bedrohlich oder anders. Sie erzählte die Erfahrungen und Gefühle eines ganz gewöhnliches Mädchens, die genauso wie ich in einer heilen Welt eines intakten Elternhauses aufgewachsen war und ebenfalls niemals damit gerechnet hatte, so zu fühlen.

 

Das gab mir Ruhe und ich fühlte mich aufgehoben. Doch vor allem zerstreute es all meine Zweifel. Ich musste wohl lesbisch sein! Dies für mich zu erfahren und anzunehmen, fühlte sich mit einem Mal unglaublich gut an und ich merkte plötzlich, dass es gut war, mich so zu spüren und wahrzunehmen.

 

A.U.

8. Oktober 2009

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