Titelblatt

Révolution! – Eine Universität im Ausnahmezustand

Wie zwei Erasmus-Studentinnen den Streik an der Universität Rennes II erlebt haben. „Vive la commune“ („Es lebe die Kommune“) oder „Rennes II en grève“ („Rennes II im Streik“) heißt es in großen, hingeschmierten Buchstaben auf Transparenten oder direkt auf den Mauern des Gebäudes B, dem größten Gebäude der Universität Rennes II in der Bretagne. Hoch oben auf den Treppenstufen zum Haupteingang steht ein junger Student. Auf seiner Mütze prangt ein roter fünfzackiger Stern. Vor sich ein Blatt Papier brüllt er ins Mikrofon und schwingt revolutionäre Reden. Die Masse der 2000 Studenten, auf die er versucht einzureden, erwidert mit Jubel und bisweilen auch energischen Buh-Rufen. Die Stimmung heizt sich auf und bringt die Studenten der vordersten Reihe in einen Zustand von Ekstase und Rausch. Sie sind die „Hardliner“. Sie werden gleich die Arme wieder in die Höhe reißen, um am Ende der AG (Assemblée générale), einer zum Ritual gewordenen studentischen Vollversammlung, für die Blockierung der Universität zu stimmen.

 Der Redner an vorderster Front wird an diesem Vormittag nicht der einzige bleiben, der vor das Mikro tritt. Stunde um Stunde vergeht mit Forderungen nach freier Bildung, nach Kampf gegen den Kapitalismus und für soziale Gerechtigkeit und schließlich mit der Forderung nach der „Blocage Totale“, der totalen Verbarrikadierung der Uni. Eigentlich wäre jetzt Seminar bei Madame Cocaud, aber die Eingänge zu den Gebäuden sind mit meterhohen Bergen von Tischen und Stühlen, die einem Scheiterhaufen gleichen, versperrt. Endlich nach etwa vier Stunden, in denen sich mehrere Wortführer abwechselnd um Kopf und Kragen geredet haben, wird abgestimmt. Die Studenten in den vorderen Reihen heben unerlaubt jeweils beide Arme. Am Ende steht das Ergebnis fest. „Je pique une crise“ („Ich krieg‘ die Krise“) tönt es aus den hinteren Reihen. Die Uni ist bis zur nächsten AG blockiert.

 

Rennes II – „La Rouge“

Dass in Frankreich angeblich gern und häufig gestreikt wird, weiß man schon seit dem Geschichtsunterricht in der Oberstufe. Man könnte denken, die Franzosen befänden sich seit 1789 – dem Sturm auf die Bastille – ununterbrochen im Streik. Bloß wird diesmal nicht gegen den König Louis XVI. gestreikt, sondern gegen Sarkozy und die Reformen der französischen Regierung. Die französischen Universitäten streiken nun wieder seit Anfang Februar, also seit über drei Monaten. Dabei ist die Universität Rennes II nur eine unter 40 streikenden Universitäten in Frankreich, zu denen auch Paris, Marseille und Toulouse gehören. Doch sie gehört zu den extremsten. Bekannt als Rennes II – „La Rouge“ („die Rote“) ist sie jene Uni, die meistens als erstes den Streik beginnt und ihn am längsten und hartnäckigsten durchhält. Mindestens jedes zweite Jahr wird in Rennes II ein bis drei Monate gestreikt, so dass sich eine  Streikkultur mit Tradition entwickelt hat, die an der Universität stark spürbar ist. Studentische Gewerkschaften und auch die linken Parteien wirken dabei aktiv mit und machen den Streik zu einer organisierten linksgerichteten Bewegung, an der sich auch Nicht-Studenten beteiligen.

 

Und Streik heißt in Frankreich nicht nur auf die Straße gehen und demonstrieren: Die Uni in Rennes war in den letzten drei Monaten komplett blockiert. Die Eingänge sind verbarrikadiert

und der Zutritt wird von streikenden Studenten versperrt. Zudem wurde der Lehrbetrieb niedergelegt und es finden keine Kurse mehr statt. Überhaupt werden alle administrativen Tätigkeiten blockiert: Die Noten des ersten Semesters werden einbehalten und die Lehrpläne für die Masterstudiengänge werden verschwiegen. Das heißt aber nicht, dass jeglicher Betrieb an der Uni lahm gelegt ist: Es werden trotzdem immer wieder Konferenzen und Debatten in den Universitäten veranstaltet und öffentliche Vorlesungen

außerhalb der Universitätsräume und außerhalb des regulären Vorlesungsplans gehalten. Selbst in Cafés, Parks und in Privatwohnungen von Studenten und Dozenten werden die Kurse verlegt. Diese Art von „Underground-Uni“ gipfelte dieses Jahr in der Bildung der Alternativ-Universität „Rennes Troie“. An dieser kann sich jeder einschreiben und Vorlesungen halten, die Hierarchien zwischen Lehrenden und Studenten werden aufgelöst. Streikende Studenten besetzen die Uni, hausen in den Gebäuden, kochen, feiern, veranstalten Konzerte und übernachten auch dort. So wie man sich Anarchie eben vorstellt. Dabei wird der Kreativität keine Grenzen gesetzt: Die Studierenden versorgen sich mit einem selbst angelegten Gemüsegarten auf dem Universitätsgelände und einem eigens errichteten Steinofen zum Pizzabacken und verwandeln die Uni somit tatsächlich in eine offene Lebensgemeinschaft. Danach sieht die Uni aber auch entsprechend aus: Vorlesungssäle

sind verdreckt, Wände mit Parolen besprayt, Möblierung zerstört und Fensterscheiben zerbrochen. Dieses Jahr wird der Schaden an der Universität Rennes II auf etwa

100.000 Euro geschätzt.

 

«Sarkozy – La Révolution! – Sarkozy – la Merde !» – Gründe des Streiks

Dieser Refrain aus einem französischen Punk-Lied veranschaulicht die Anti-Haltung gegenüber der Politik von Sarkozy, die sich besonders in Rennes bemerkbar macht. Einige

Reformen, die unter seiner Regierung besonders im Rahmen der Finanz- und Bildungspolitik durchgesetzt wurden, begründen den Aufruhr in Frankreich. Im Jahre 2009 waren es aber nicht die Studenten, sondern die Professoren, die den Streik begonnen haben. Sie protestieren gegen die Reform des Status der Lehrbeauftragten und Forscher an den Universitäten und gegen die ebenfalls für dieses Jahr vorgesehene Reform der „Masterisierung“ der Lehreramtsausbildung. Nach einer Reform von 2008 sollte die Forschungs- und Lehrzeit nicht mehr gleichmäßig verteilt sein, sondern es wurde dem Universitätspräsidenten ermöglicht, bestimmten Lehrern seiner Wahl mehr Lehrstunden zu geben. Nachdem viele Lehrende ihre Tätigkeit Anfang Februar aus Protest niedergelegt hatten, schlossen sich auch die Studenten der Streikbewegung an und veranlassten eine totale Blockierung der Uni.

 

Und in Deutschland? – Ein Fazit

Was für uns Deutsche so schockierend wirkt, ist für die Franzosen fast Alltag. Seien es die französischen Lokführer oder die Universitäten, wenn die Franzosen streiken, dann richtig und alle machen mit. Die Reformen des Bildungssystems wurden in Frankreich Schritt für Schritt eingeführt und jedes Mal regte sich heftigster Widerstand. Die Frage ist, warum bei uns, wo doch die gleichen Reformen im Zuge des Bologna-Prozesses durchgeführt wurden und wo sie in der Umsetzung sogar schon viel weiter sind, wo wir doch schon lange die Studiengebühren haben und die ökonomische Ausrichtung der Universitäten in vollem Lauf ist, warum sich bei uns also so wenig Widerstand gerührt hat. Kamen die Reformen bei uns eher still und leise, unter der Hand? Oder sind es die Deutschen einfach nicht mehr gewohnt zu streiken, nehmen sie gar alles hin? Auch wenn bei den französischen Streiks nicht alles gut läuft und viele von den revolutionären Reden der Streikenden sich wie leere Phrasen und utopische Ideale anhören, auch wenn der Streik letztendlich nicht viel gebracht hat und die Regierung immer noch an den Reformen festhält, auch wenn viele der Streikenden jetzt den Mut verloren haben und stattdessen nun ihre Kurse und die Klausuren in den Semesterferien nachholen müssen, auch dann haben sie wenigstens ihre Meinung kundgetan und haben gekämpft.

Vielleicht sollten wir Deutschen uns davon eine kleine Scheibe abschneiden und uns nicht allzu sehr anpassen. Wo die Franzosen vielleicht zu viel streiken, streiken die Deutschen eindeutig zu wenig. Einiges hat sich jedenfalls auch schon in Deutschland getan. So haben sich manche deutsche Universitäten mit den französischen solidarisiert und so gab es auch schon in Deutschland in diversen Städten anfängliche Proteste. Dies soll zwar kein Aufruf zur Revolution sein, aber vielleicht eine Anregung, seinen revolutionären Geist nicht ganz zu verlieren. Wir können jedenfalls sagen, dass wir unseren Auslandsaufenthalt in Rennes trotz allem nicht bereut haben. Ganz im Gegenteil haben wir auch etwas daraus gelernt, dass wir den Streik miterlebt haben, auch wenn es manchmal sehr nervenaufreibend war, jeden Tag im Ungewissen zu sein. Abschließend kann man jedenfalls sagen: Rennes, ça bouge! („In Rennes, da bewegt sich was!“).

 

Marie Hoop (6. Semester Kuwi) und

Anne-Madlen Gallert (8. Semester Kuwi)

27. Juli 2009

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