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Recht auf Raum für Ehrenamt

Müssen die studentischen Initiativen einpacken? Die Universität spielt „Reise nach Jerusalem“: Die Musik läuft, die Institute, die Verwaltung, Fachschaften und Studierende wechseln die Plätze, sind in Bewegung und rücken näher zusammen. Irgendwann dann – recht unerwartet – endet die Musik und einem fehlt ein Platz. Möglicherweise. Denn die studentischen Initiativen und Fachschaften wurden in der ursprünglichen Planung zum großen Uni-Umzug vergessen. Eine zufrieden stellende Lösung gibt es bisher nicht.

 

Im Zuge der Campusentwicklung unter der Leitung von Vizepräsident Heinrich Degenhart werden in nächster Zeit viele Institute und Einrichtungen ihre Räumlichkeiten wechseln. Für einige hat der Umzug schon stattgefunden. Das Institut für Stadt- und Kulturraumforschung beispielsweise musste seinen Standort auf dem Hauptcampus aufgeben und befindet sich nun in Volgershall. Umfangreiche Ausschreibungen für neue Professuren sowie der anlaufende Innovationsinkubator seien die Ursache dafür, dass die Räume der Universität knapp werden, so Vizepräsident Holm Keller.

Der im Juni öffentlich bekanntgegebenen ersten Planung zufolge sollen Mitwirkende am Innovationsinkubator unter anderem im Dachgeschoss von Gebäude 6 untergebracht werden. Die studentischen Initiativen, die sich zurzeit in eben diesem Dachgeschoss treffen und arbeiten, müssten demnach ausziehen.

Es stellt sich die Frage, ob an dieser Stelle im Spiel die Musik für die Initiativen ausgeht. Findet sich ein neuer Platz? Zunächst hat es nicht danach ausgesehen. Wie Fides Brückner, Sprecherin des Dachverbands der Studierendeninitiativen (DSi), berichtete, wurden die Initiativen in der ursprünglichen Planung schlichtweg vergessen. Bisher liegen dem DSi nur die im Juni veröffentlichten Pläne vor, die keine alternativen Räumlichkeiten für die Initiativen vorsehen. Selbst diese Information erhielt der DSi nach eigenen Angaben eher zufällig durch ein Gespräch zwischen Vertretern der Fakultät 1 und Universitätspräsident Sascha Spoun.

Auf Anfrage der UNIVATIV versicherte Holm Keller, dass die Initiativen sowie die Fachschaften „vernünftig untergebracht werden müssen und werden“. Konkrete Alternativen seien jedoch noch nicht gefunden. Aus diesem Grund hat der DSi den Vizepräsidenten Degenhart um ein klärendes Gespräch gebeten. Der DSi erhofft sich auch gerade deshalb eine klare Aussprache, weil er die bisherige Kommunikation seitens des Präsidiums als nachlässig empfindet. So herrscht unter den Initiativen beispielsweise Unklarheit darüber, wann sie ihre Räumlichkeiten verlassen müssen. Für Irritation sorgte weiterhin, dass in den Büroräumen der Initiativen ohne vorherige Benachrichtigung Vermessungsarbeiten durchgeführt wurden.

Dass nun die Aufgabe ernster genommen wird, auch den Initiativen alternative Büroräume anzubieten, bringt eine erste Erleichterung mit sich. Gleichzeitig veranlasst dies aber auch Spekulationen darüber, wie eine zukünftige Unterbringung aussehen wird. Fides Brückner interessiert vor allem, wo sich die Alternativräumlichkeiten befinden könnten. Ihrer Meinung nach sollten die Büros der Initiativen als Anlaufstelle und Treffpunkt immer dort sein, wo auch der Großteil ihrer aktiven Mitglieder normalerweise zu tun hat. Diese Voraussetzung wäre für die meisten Initiativen weder in Volgershall noch im Roten Feld gegeben. „An diesen beiden Standorten wäre es sehr schwer, sich in den Campus-Alltag, einzubringen. Genau das Gegenteil von dem, was Initiativen bewirken wollen“, findet auch Melanie Neeven, DSi-Beauftrage für lunatic.

Anne Stribeck, AIESEC-Vorsitzende in Lüneburg, macht sich ernsthafte Gedanken über die Folgen eines Umzugs für ihre Initiative: „Wenn wir ein Büro bekommen, das zum Beispiel in Volgershall ist oder ein 8 m²-Büro für zwei Initiativen, bedeutet dies einen sehr hohen logistischen Aufwand und eine starke Eingrenzung unserer Möglichkeiten. Wir haben derzeit 50 Mitglieder und nutzen das Büro zehn Stunden am Tag. Außerdem ist es ein zentraler Treffpunkt, ein Lager für Materialien und vieles mehr!“ Dass es eine Raumalternative geben muss, steht für sie außer Frage. Für das Bestehen von AIESEC ist ein Büro am Campus mit Telefon, Internet und Fax Voraussetzung. Anne Stribeck bringt ihre schlimmsten Befürchtungen auf den Punkt: „Ein Rausschmiss ohne Alternative bedeutet auch das Ende von AIESEC Lüneburg!“

Praxiserfahrung und Persönlichkeitsbildung, die Universitätspräsident Spoun immer wieder bei seinen Studierenden anrege, ließen sich nicht allein im Seminar ausbilden. Genauso gehöre dazu, sich auch außerhalb der Vorlesungen zu engagieren, so DSi-Sprecherin Fides Brückner. Sie stimmt mit Melanie Neeven von lunatic überein: „Die Uni setzt auf Kreativität und Engagement der Studierenden und wirbt damit, deswegen sollte sie den Initiativen hierfür auch geeigneten Raum für Ehrenamt bieten.“

Von Birte Ohlmann und Michelle Mallwitz

17. Januar 2010

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