Pokémon Sonne und Mond im Test
Ausprobiert, Titelblatt

Pokémon Sonne und Mond im Test

Nach dem Erfolg von Pokémon Go war es nur logisch, dass auch Pokémon Sonne und Mond vom Hype profitieren würden: Sie brachen Verkaufsrekorde. Unser Autor hat das Spiel auf Liebiskus und Nieren getestet und berichtet von neuer Grafik, veränderter Spielmechanik und ob es sich auch außerhalb von Kinderzimmern zu spielen lohnt.

Ingame Ansicht / (C) Andre Zwetkow

Als Mitte des Jahres Pokémon Go in aller Munde war, erlangte die Welt um die knuffigen Monster Bekanntheit wie es sie seit Veröffentlichung der ersten Editionen Blau und Rot nicht mehr erlebt hat. Auf einmal waren sowohl Fans der Reihe als auch Neulinge im Sammelrausch und auch wenn die App genauso schnell in Vergessenheit geraten ist wie sie aufgetaucht ist, hat sich Pokémon damit ins Herz einer neuen Generation geschlichen. Da passt es nur zu gut, dass die Entwickler von Gamefreaks am 18. November die neuen Editionen Pokémon Sonne und Mond für den Nintendo 2DS/3DS veröffentlicht haben. Die mittlerweile siebte Generation der Spiele markiert das nun zwanzigste Jubiläum der Pokémon-Reihe. Ähnlich wie Call of Duty wird Pokémon von Kritikern oft vorgeworfen, bei der hohen Schlagzahl an Veröffentlichungen nur wenig Neues einzubringen. Das haben sich die Entwickler diesmal zu Herzen genommen und nicht zuletzt aufgrund der vielen Neuspieler wurde die Chance genutzt, Pokemon einen frischen Anstrich zu verpassen. Doch sind diese Neuerungen nur oberflächliche Politur oder ein ernsthaftes Upgrade? Finden wir es heraus.

Die Optik

Die Vorgängereditionen X und Y haben bereits gezeigt, wie herrlich ein Pokemonspiel auf einem leistungsstarken System wie dem 3DS aussehen kann und Sonne/Mond geht noch einen Schritt weiter. Spieler der früheren Editionen werden fasziniert sein über den Fortschritt, den die Reihe sowohl in Bezug auf Grafik als auch Inszinierung gemacht hat. Mehr denn je bekommt der Spieler ein Gefühl für Größenunterschiede, sowohl zwischen Menschen als auch zwischen Spielern. Ein Garados scheint gigantisch im Vergleich zu seinem Trainer, ein Pikachu dafür umso kleiner. Die Kämpfe wirken dadurch epischer und die imposant inszinierten Attacken, speziell die neuen Z-Attacken, lassen sie wie verheerende Animekämpfe á la Dragonball oder One Piece wirken. Auch die Zwischensequenzen, von denen es hier überdurchschnittlich viele gibt, sind filmisch inszeniert. Zusammen mit den stilisierten Charaktern erhält das Spiel so mehr den Look eines klassichen Japano-RPGs á la Final Fantasy. Insgesamt sehen Sonne/Mond grafisch grandios aus und trotz vereinzelten Einbrüchen in der Bildrate nutzen die Spiele das Potential des 3DS voll aus.

Zudem gibt es in Sonne/Mond Pokemon in ihren sogenannten Reginalformen. Dabei handelt es sich um eine Auswahl an Pokemon aus der Kantoregion, also aus der ersten Generation, die in Alola sowohl eine optische Veränderung zeigen, als auch einen neuen Typ bekommen haben. So ist das früher eher unbeliebte Kleinstein nun ein Elektro-Typ.

Die neue Alola-Form von Digdri – statt nur Boden jetzt Boden/Stahl / (C) Andre Zwetkow

 

Die Geschichte

Wenn man ehrlich ist, war die Geschichte in Pokemon eher zweitrangig. Es gab immer ein Kind auf Reisen, einen Professor, einen Rivalen, acht zu gewinnende Orden, eine kriminelle Organisation und am Ende stand immer die Pokéliga. Sonne und Mond haben diese Formel zwar nicht komplett über Bord geworfen aber sich doch getraut, mit einigen Konventionen zu brechen. So sammelt der Spieler beispielsweise keine Orden mehr, um sich für die Pokéliga zu qualifizieren. Stattdessen geht man, wie es in der Alola genannten Region für alle Zehnjährigen Tradition ist, auf sogenannte Inselwanderschaft und bereist die vier Hauptinseln. Diese Inseln bilden gemeinsam die Region Alola, in der man sieben Prüfungen bestehen und am Ende gegen die vier Inselkönige (original Kahunas) antreten muss. Angelehnt ist die Welt merklich an Hawaii – Alola (Aloha), Kahuna und das allgemeine Inselsetting bezeugen das.

Die Reise erscheint zunächst eher wie ein kindliches Abenteuer, von Zeit zu Zeit unterbrochen von dem fast schon stümperhaft scheinenden Team Skull, das an Straßengangster erinnert. Bald findet man jedoch heraus, dass es einen größeren Feind gibt, der im Hintergrund agiert, und dass es um weit mehr geht als bloß ein gestohlenes Mangunior. Auch was es mit den mysteriösen Ultrabestien auf sich hat, die überall in Alola auftauchen, wird erst im Laufe des Spiels enthüllt.
Die Story von Pokémon Sonne/Mond ist dank sympathischer Charaktere und ausgedehnter Zwischensequenzen interessanter denn je. Diese langen Zwischensequenzen könnten Spielern, die nicht viel Wert auf die Geschichte in einem Pokemonspiel legen, besonders am Anfang jedoch sauer aufstoßen und aus dem Spielfluss bringen.

Die Spielmechanik

In diesem Punkt glänzen die aktuelleren Editionen jedes Mal aufs Neue und auch Sonne und Mond sind da keine Ausnahme. Das ganze Kampfsystem wurde gestreamlined, indem einem bereits im voraus gezeigt wird, welche Attacken gegen ein Pokémon effektiv sind, sofern man es bereits einmal besiegt oder gefangen hat. Zudem hat man im Kampf direkten Einblick auf die Status(wert)veränderungen oder Fähigkeiten eines Pokemon. Das bereits seit der zweiten Edition existierende Zuneigungssystem ist nun ganz einfach durch eine fünf-Herzen-Skala bei jedem Pokémon einzusehen und bietet diesmal echte Vorteile im Kampf. Ein Pokémon, das seinen Trainer liebt, landet öfter Volltreffer, weicht Attacken aus oder überlebt vernichtende Schläge. Zudem kann der Trainer außerhalb eines Kampfes nun jederzeit Statusveränderungen wie Paralyse oder Vergiftung ohne Einsatz von Items durch Pflege heilen. Dies mag einem Veteranen als zu starke Vereinfachung erscheinen. Als Ausgleich können wilde Pokémon nun im Kampf Artgenossen zu Hilfe rufen. Da auch das Fliehen aus Kämpfen schwerer geworden ist, kann sich der Kampf sehr leicht in die Länge ziehen und schneller als einem lieb ist sieht man sein halbes Team von einer Gruppe low level Pokemon besiegt.

Das Herzstück der Kämpfe in Pokémon Sonne/Mond bilden die sogenannten Z-Attacken. Im Laufe des Spiels sammelt der Spieler verschiedene Z-Steine. Mit diesen Steinen kann der Trainer einmal pro Kampf eine mächtige Attacke entfesseln, die nicht selten den Sieg bedeutet. Meiner Meinung nach sind diese zwar ein netter Zusatz zu den Kämpfen, jedoch kein mit den in den letzten Editionen eingeführten Megaentwicklungen vergleichbarer Fortschritt.

Die neue Z-Attacke in Aktion (Bildqualität mangels brauchbarer Screenshots mäßig) / (C) Andre Zwetkow

Die größte Neuerung ist jedoch, dass auf VMs komplett verzichtet wurde, was einen von den sogenannten „VM-Huren“ befreit, die vielen als lästig erschienen. Stattdessen bekommt man das sogenannte PokéMobil, mit welchem man Pokémon wie Glurak, Lapras oder Tauros außerhalb des Kampfes beschwören kann, um Aufgaben zu erfüllen und Orte zu erreichen, die der Spieler ansonsten nicht erreichen könnte.

Mounts statt VMs / (C) Andre Zwetkow

Ein beliebtes Argument von Kritikern ist die angeblich zunehmende Einfallslosigkeit, die die Entwickler bei den neuen Pokémon an den Tag legen. Auch dieses Mal werden einige wohl behaupten, dass eine Sandburg oder ein Anker keine richtigen Pokemon seien und die ersten Generationen zumindest noch annähernd an echte Tiere angelehnt waren. Doch wenn man es genauer betrachtet, war das Repertoir an Pokémon schon immer ein buntgemischter Haufen von Fantasiewesen und lebendig gewordenen Disney Pixar Animationen.

Mit nun mittlerweile 802 Pokemon scheint das ewige Ziel sie alle zu fangen zu einem Mammutprojekt geworden zu sein. Doch dank Wundertausch und GTS, die es einem ermöglichen, entweder eines seiner Pokemon durch ein zufälliges anderes eines zufälligen anderen Spielers zu tauschen oder gezielt nach bestimmten Pokémon zu suchen und diese mit Spielern aus der ganzen Welt zu tauschen, macht das sammeln nun wieder Spaß, da man nicht mehr verloren ist, wenn man keinen Freund mit der entsprechend anderen Version des Spiels plus Linkkabel zur Verfügung hat.

Fazit

Pokemon Sonne/Mond entführt Anfänger wie Veteranen erneut in eine Welt voller Abenteuer und wundersamer Monster, die alle gefangen werden wollen. Das bunte Design der Spielwelt, die fröhlichen Charaktere und das leicht zu verdauende Spielprinzip sind wieder für eine jüngere Zielgruppe ausgelegt. Doch Sammeltrieb und insbesondere die taktischen Kämpfe dürften auch Ältere wieder an den DS locken.

Neue Spieler werden sich schnell in der Welt einfinden und wahrscheinlich ein sehr anderes Spielerlebnis haben als wir, die Kinder der ersten Generationen. Alteingesessene werden hingegen über einige Neuerungen überrascht sein. Wer sich jedoch eine Revolution in der Serie gewünscht hat, wird enttäuscht, allzu revolutionär wirken Sonne und Mond gerade im Vergleich zu den Vorgängereditionen X und Y dann doch nicht. Die, die sich etwas anderes gewünscht haben, sollten sich lieber an die von Fans erstellten Romhacks für GBA-Emulatoren halten (auch auf dem Handy spielbar), die es im Internet zu finden gibt.

Nach zwanzig Jahren schafft es Pokémon trotzdem immer noch, mich zu fesseln, alleine deshalb hat es Lob verdient. Im März nächsten Jahres erscheint Nintendos Heim- und Handheldkonsole Nintendo Switch und ebenso wie Nintendo frischen Wind in die Gamingindustrie bringt, habe ich große Hoffnungen, dass auch die nächsten Pokémoneditionen Großes für uns bereithalten.

Autor: Andre Zwetkow mit Material aus Pokémon Sonne und Mond

Hinweis: Autor und Redaktion distanzieren sich ausdrücklich von allen, die von „Taschenmonstern“ oder „Pokémons“ sprechen.

29. Januar 2017

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