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Patriotischer Neuanfang?

WM-Jubel in schwarz-rot-gold – Darf „deutsch“ das? Krake Paul wusste Bescheid. Dank ihm hätten wir schon ahnen können, was wir jetzt mit Sicherheit wissen: Spanien wurde Weltmeister, die deutsche Mannschaft konnte mit einem versöhnlichen Sieg im kleinen Finale nach Hause fahren. Ungefähr einen Monat lang brauchten wir uns nur wenige Gedanken darüber machen, wie wir unsere Freizeit gestalten. Die Frage war eher, wo wir das nächste Spiel schauen. Und was bleibt nach der WM? Der ein oder andere hat in der allgemeinen Fußballbegeisterung endlich gelernt, was Abseits ist – und es vielleicht auch schon wieder vergessen. Wir wissen alle, wie Vuvuzelas klingen – und würden es vielleicht gerne wieder vergessen.

Nun ist die WM vorbei, der Alltag wieder eingekehrt. Aufwändiger Fahnenschmuck an Häusern oder Autos ist weitgehend verschwunden, die Schminkstifte im Deutschland- Look verstauben in irgendeiner Schublade. Hier und da sieht man doch ein paar „Rückstände“: schwarz-rot-goldene Seitenspiegelbezüge und Autoaufkleber zieren noch das ein oder andere Gefährt. Aber seien wir mal ehrlich; auffällig ist das für uns doch schon lange nicht mehr.

2006 war das noch anders. Rund um die WM ging ein Aufschrei durch die Presse: Deutschland zeigt Flagge, im eigenen Land! Und damit verbunden die Frage: Darf man das? Tatsächlich zielte die Frage weniger drauf ab, ob „man“, sondern ob „deutsch“ das darf. Geschichtlich gesehen ist Deutschland ein gebranntes Kind. Die Zurschaustellung von Nationalfarben und Symbolen wurde lange Zeit kritisch beäugt. Bis die WM kam und alles änderte.

Das problematische Verhältnis der Deutschen zum eigenen Nationalgefühl zeigte sich dann auch im medialen Diskurs 2006. Deutsche Medien haderten mit ihren Landsleuten. Die ausländische Presse hingegen sah den neu belebten Patriotismus im friedlichen Umfeld der WM als Befreiung. Die portugiesische Zeitung „Diário de Notícias“ beschrieb die WM gar als „beste Gruppentherapie für die Deutschen“. Ob gruppentherapeutisch oder doch bedenklich, die Mehrheit kümmerte sich wenig und feierte umso mehr – schwarz-rot-golden versteht sich.

2010 haben nun auch die Medien resigniert. Devotionalien sind „in“; feiern ohne Fahne und Deutschland-Accessoires undenkbar. Schlagzeilen machen linke Gruppierungen. Sie lösen zu WM-Zeiten den Fußball durch eine andere sportliche Betätigung ab: das Flaggenerbeuten. Die Autonome- WM-Gruppe ruft im Internet dazu auf, nationale Symbole zu erbeuten. Durch Punktesysteme wird ein Wettkampf daraus. Unter der Überschrift „Know your Enemy!“ werden Fotos veröffentlicht, die das Ziel deutlich machen: fahnengeschmückte Balkone und Deutschland-Accessoires in Geschäften.

Der Aufruf zeigt Wirkung. In einer Pressemitteilung auf indy. org vom 23. Juni rühmt sich das „Kommando Kevin-Prince Boateng Berlin-Ost“, „bereits 1657 Schwarz Rot Goldene Lumpen erbeutet“ zu haben. Ein autonomes Online- Versandhaus verspricht für 30 eingeschickte Flaggen ein T-Shirt mit der Aufschrift „Deutschland Du Opfer!“. Die Fahnenjäger sprechen sich gegen einen „eventabhängig aufkommenden Patriotismus“ aus, der „den deutschen Staat und seine Vergangenheit in den Hintergrund“ treten lässt.

Neu ist der Fahnenklau nicht. Schon 2006 und 2008 zur EM gab es ähnliche Aktionen. Die Fahnen werden durch Abtrennung des gelben Streifens ent-nationalisiert, die Gesellschaft vom gefährlichen Nationalismus befreit. Bitterironisch erscheint dabei, dass die Aktivisten unfreiwillig mit dem rechten Lager koalieren, denn der Fahnenklau richtet sich gegen jeden. So werden in Berlin-Neukölln vor allem Migranten Ziel dieses „Sports“. Rechts-Aktivisten dürften sich darüber freuen, dass Fremdstämmige davon abgehalten werden, die Deutschlandfahne zu schwenken. Den Rechten sind auch deutsche Nationalspieler mit Migrationshintergrund ein Dorn im Auge.

NPD-Pressesprecher Klaus Beier wurde bereits juristisch belangt, weil er gegen nicht-deutschstämmige Fußballspieler hetzte, zuletzt gegen Mesut Özil, der türkische Wurzeln hat. In einer Talkrunde fragte der RBB-Moderator Justus Kliss den Pressesprecher, ob er sich auch freue, wenn Özil ein Tor schieße. Özil wurde darauf von Beier als „Ausweis- Deutscher“ attackiert, genauso wie der polnischstämmige Miroslav Klose. Auf Nachfragen bestätigte Beier, dass Özil – ginge es nach ihm – nur spielen dürfe, wenn mindestens ein Elternteil deutsch sei. Unnötig zu erwähnen, dass die deutsche Mannschaft bei dieser Auslese vielleicht gar nicht bis ins kleine Finale gekommen wäre.

Freude über einen deutschen Fußballsieg ist also nicht immer die gleiche. Der schwarz-rot-goldene Tor-Jubel auf Fanmeilen und bei Public-Viewing-Events differenziert aber nicht zwischen Özil oder Müller als Torschütze. Er gilt der gesamten deutschen Mannschaft, einschließlich der Spieler mit anderem kulturellen Hintergrund. Und auch die Jubelnden haben unterschiedliche Herkunftsländer, feiern aber zusammen die Erfolge „ihrer“ Mannschaft. Zeugt beides nicht von der Integrationswirkung, die der Sport und ein Event wie die WM entfalten können?

Die FIFA erklärt es als ihre Pflicht, „der Welt die Hand zu reichen und sie über den Hoffnungsträger Fußball zu berühren und zusammenzuführen“. Südafrika als Spielstätte 2010 zog besondere Aufmerksamkeit auf sich, da das Fußball- Großereignis zum ersten Mal auf dem afrikanischen Kontinent stattfand. Aber wie viel Afrika steckte in der WM? Das Lied „Waving Flag“ von K‘naan wurde zu WM-Zwecken aufgehellt, Teile des Textes gekürzt, die zu sehr von Leid sprechen. K’naan machte trotzdem mit, veröffentlichte das Lied für einen Werbespot und singt von Einheit, Stolz und Freudenfesten im Kreise der Nationen. Alles abgerundet mit der immer wiederkehrenden Zeile „wave your flag“ – schwenk deine Fahne.

Ein bisschen muss man den Linken also doch Recht geben, die sich gegen ein eventabhängiges Nationalgefühl aussprechen, hinter der die Realität zugunsten der Feierlaune verschwindet. Afrika rückt zwar in den Mittelpunkt, aber vorrangig als WM-Party-Mittelpunkt, weniger mit seinen Chancen und Problemen. Und auch die deutschen Fans sind mehr schwarz-rot-geil als schwarz-rot-golden. Hauptsache ausgelassen feiern. Warum die Fahne dabei ist? Na, weil wir für Deutschland sind, gehört eben dazu. So viel selige Unschuld erzeugt bei den einen Freude über einen neuen, unverkrampften Patriotismus, der sich nach der zweiten Jubel-WM endgültig etabliert zu haben scheint. Den anderen schreibt die mangelnde Reflektion über national- beladene Handlungen Sorgenfalten auf die Stirn. Gemeinsames Feiern: kein Problem – auch mit Fahne. Gedankenloses Mit-dem-Strom-Schwimmen: hat selten zu einem guten Ergebnis geführt.

Von Michelle Mallwitz

2. November 2010

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