Oktoberfest – ein Selbstversuch
Ausprobiert, Titelblatt

Oktoberfest – ein Selbstversuch

„Een, twee, picheln“, so würde der urbayerische Trinkspruch wohl auf Platt heißen. Unsere Autorin, selbst glühendes Nordlicht, hat sich auf süddeutsch besetztes Territorium gewagt: Das Lüneburger Oktoberfest. Sie berichtet davon, was sie dort erlebt hat und ob sie letztlich doch Fan der bayerischen Saufkultur geworden ist.

Häufigster Satz auf dem Oktoberfest: "Ein kleines, alkoholfreies Colabier, bitte, Herr Ober." / (C) flickr - Pupkin
Häufigster Satz auf dem Oktoberfest: „Ein kleines, alkoholfreies Colabier, bitte, Herr Ober.“ / (C) flickr – Pupkin

Ich bin Norddeutsche. Das bedeutet, geboren und aufgewachsen dort, wo der Hase keinen Fuchs zum gute Nacht sagen findet, irgendwo im Moor zwischen Bremen und Osnabrück. Da, wo die einzige Busverbindung der Schulbus ist und der nächste Bahnhof etwa sieben Fahrradkilometer entfernt liegt. Wenn man sich trifft, sagt man „Moin“, sehr gesprächige Menschen „Moin, moin“, aber man muss ja auch nicht immer reden.

Bei uns wird – auch wenn es viele aufgrund der doch recht reservierten Art kaum glauben können – oft und gerne gefeiert: Osterfeuer, Dorffest, Jubiläum – irgendein Kaff im Umkreis hat eigentlich immer gerade 750-Jähriges -, Geburtstage, Erntebeginn oder –ende, Oldtimer-Treckertreff, natürlich das Feuerwehrfest… Anlass findet sich immer, außerdem braucht man nicht viel, um uns glücklich zu machen. Eine Kiste Bier, eine Flasche Korn und ´ne Pulle Fanta zum Mischen oder Nachtrinken und alle sind zufrieden. Ach, nicht zu vergessen natürlich Kurze, egal was, woher oder wie es aussieht.

Als ich zum Studium nach Lüneburg gezogen bin, war das eine bewusste Entscheidung FÜR den Norden. Alles südlich von Hannover ist irgendwie Ausland und schon etwas seltsam, meinen ersten Kulturschock habe ich beispielsweise beim Karneval im Ruhrgebiet erlitten – eine andere Geschichte.

Oktoberfest hieß für mich bisher immer: Menschen in unfassbar hässlichen Klamotten, die schlimmste Musik der Welt, Essen, das ich mit der Kneifzange nicht anfassen würde, teuer, einfach fürchterlich. Ich habe mit Befremden festgestellt, dass diese (Un-)Sitte sich in den letzten Jahren doch tatsächlich auch bei uns im Norden ausgebreitet hat. Pünktlich Anfang September (da fängt es schon an: OKTOBERfest! Wieso im September?!) werben alle Geschäfte mit „Bayerischen Wochen“, Lidl verkauft Dirndl und Lederhosen, Aldi Weißwürste und süßen Senf und überall leuchtet es blau-weiß kariert. Lüneburg hat sogar ein verdammt großes Oktoberfest, kaum zu glauben. Bislang hatte ich mich strikt geweigert, hatte geschworen, nie im Leben so eine Veranstaltung zu betreten, doch in diesem Jahr hat ein Bekannter einen Tisch reserviert, ein paar Leute zusammengetrommelt und ich habe mich todesmutig zu diesem Experiment entschlossen.

Am Samstagabend habe ich mich also um 18 Uhr mit einer Freundin getroffen und die vorsichtige Proberunde über das Gelände gestartet. Es war wie jede Kirmes: bunt, laut, viele Losbuden, das Übliche halt. Per se erst mal nichts schlechtes, ich hatte mit mehr „Bayerngedöns“ gerechnet. Der Blick ins Festzelt war überraschend: kaum jemand da, aber es war ja auch noch früh. Also noch eine Runde drehen, was auf den Sülzwiesen nicht wirklich lange dauert und zum Einläuten des Abends gab’s erst mal eine Altbierbowle. Mittlerweile war es auch schon halb acht und wir wagten einen zweiten Blick ins Festzelt. Was war in der Zwischenzeit passiert? Plötzlich drängten sich die Leute an den Tischen, die Theke vollbesetzt mit Bierdurstigen, Feierwütigen und die Band hatte anscheinend den Lautstärkeregler aus Versehen auf volle Kanne gestellt. Außerdem trugen erstaunlicherweise fast alle Dirndl oder Lederhose – ich selbst habe mich natürlich nicht verkleidet, schließlich sind wir hier nicht in Bayern.

Am Tisch angekommen musste ich beim Blick auf den völlig versifften Zettel, die „Speisekarte“, erst mal ordentlich schlucken. 11€ kostet eine Maß – na dann Prost! Aber okay, mitgehangen, mitgefangen, wenn, dann richtig. Beim Weg vom Ausschank zum Tisch dachte ich dann die ganze Zeit an die armen Menschen, die solche Dinger in anderen Festzelten servieren. Ein Maßkrug geht ja noch, aber wenn ich mir vorstelle, ein volles Tablett durch die Gegend zu tragen, nein danke. Na ja, wenigstens kann man damit anstoßen, ohne Angst haben zu müssen, dass das Glas sofort kaputt geht, wenn man mal etwas energischer anstößt. Beim Trinken musste ich außerdem feststellen, dass das ganz schön gut schmeckt, dieses Oktoberfestbier.

An den Nebentischen ging mittlerweile die Party richtig ab. Alle standen auf den wackeligen Bierzeltbänken, ich habe als erstes direkt mit meinen Sitznachbarn Wetten darüber abgeschlossen, welche Bank zuerst bricht und wie lange es dauert, bis das Mädchen mit den 10-cm-Absätzen von ihrer Bank fällt – beides ist leider nicht passiert. Die Musik war so laut, das Gespräche nur Mund-an-Ohr funktioniert haben, aber wir waren ja eh im Norden, da redet man wie gesagt nicht so viel. Trinken konnten wir hier allerdings gut, deshalb kam auch relativ bald die zweite Maß. Mittlerweile fand ich die Musik gar nicht mehr so blöd… einiges wiederholte sich einfach so oft, dass ich es mittlerweile auch mitsingen konnte. (Am Anfang habe ich sogar gezählt: von 19:40 Uhr bis 20:30 waren es sechs Mal „Ein Prosit“.)

Nach gut zwei Stunden fand ich Dirndl echt voll schön und Lederhosen irgendwie cool, außerdem passte das blau-weiß Karierte richtig gut zu den Bierzeltgarnituren. Und wollte ich nicht schon immer mal auf einer wackeligen Bierbank stehen und „Ein Proooosit, ein Proooosit…“ grölen? Fabelhafte Idee, warum haben wir das vorher nie gemacht? Die Hitze im Zelt ließ sich mit Bier ganz gut ertragen, der Wunsch nach einem Lebkuchenherz in Brezelform erschien mir völlig legitim und überhaupt ist Bayern einfach super. Ich liebe Oktoberfest!

Ungefähr 4 Stunden später war dann das Maß voll, ich durchgeschwitzt und heiser, außerdem pleite und todmüde. Okay, eine Runde Karussell am Ende muss einfach IMMER sein, da mussten dann die letzten hastig zusammengekratzten Münzen dran glauben, außerdem ist Fahrtwind ja auch schön kühl und nüchtert bestimmt wieder ein bisschen aus…

Als Fazit muss ich sagen, dass meine Abneigung gegen Oktoberfeste hier bei uns im Norden zwar nicht komplett verschwunden ist, ich finde es nach wie vor tendenziell unpassend und überflüssig. Aber ich gebe zu: Es kann wirklich viel Spaß machen! Am Ende hängt es wie bei jeder Veranstaltung vor allem davon ab, mit welchen Leuten man unterwegs ist, ob man etwas einfach aus Prinzip doof finden und sich deshalb auf keinen Fall von der guten Laune anstecken lassen will und schlussendlich hilft eins eigentlich immer: gutes Bier. Ob ich nächstes Jahr wieder auf den Bierbänken stehen werde? Ich denke, ich kaufe lieber Oktoberfestbier bei Penny und mache mich weiterhin über Dirndl, Lederhosen und bayrischen Dialekt lustig – aber vielleicht reserviert ja jemand ganz spontan einen Tisch…

Autorin: Theresa Brand

Hinweis: Bitte trinkt verantwortungsvoll und nicht so wie die Fachgruppe Rechtswissenschaften.

24. Oktober 2016

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