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Nach dem Studium in die Schule

Einsatz für benachteiligte Schüler. Nach aufrüttelnden Medienberichten über PISA und die Rütli-Schule stolperte ich über den Bildungsbericht 2008, der es mir schwarz auf weiß vor Augen führte: Bildungserfolg hängt untragbar stark von der sozialen Herkunft ab. Die Tatsache, dass ich mein Studium samt Erasmusaufenthalt und diverser Praktika sicher und sorglos hinter mich gebracht hatte, war wenig verwunderlich, wenn man sich mein familiäres Umfeld ansah. Für Viele ist so eine Ausbildung unerreichbar. Und das im reichen Deutschland?!

Das machte mich damals so wütend, dass ich beschloss, mich als Teach First Deutschland Fellow in einer Schule mit sozial herausforderndem Umfeld zwei Jahre für benachteiligte Jugendliche einzusetzen. Und so bin ich eine von über 60 Fellows, die nach dreimonatiger Vorbereitung im August 2009 die Arbeit an einer Schule aufnehmen und seitdem tagtäglich für Ruhe und Motivation im Klassenzimmer kämpfen – fast wie eine Lehrerin. Die aber bin ich nicht. Als Fellow übernehme ich keinen regulären Unterricht und gebe keine Noten. Ich unterstütze Lehrer, wo ihnen die Zeit fehlt, mehr in den einzelnen Schüler zu investieren.

Auseinandersetzungen mit den Schülern, Machtkämpfe und bleierne Müdigkeit – so fing alles an. Mittlerweile habe ich einiges dazu gelernt, nicht zuletzt durch den Austausch mit meinen Kollegen, meiner Teach First Deutschland Tutorin und durch viele Weiterbildungen, die für uns zum Pflichtprogramm gehören.

Konkret biete ich an einer 1500-Nasen-Ganztagsgesamtschule in Essen Englisch-, Mathe- und Deutschförderung für Kleingruppen oder Einzelne an. Hier merke ich immer wieder, wie schwierig es für die meisten ist, flüssig zu lesen und selbst einfache Texte zu verstehen. Viele scheinen auch nicht zu wissen, wie man lernt oder sich eine Lösung erarbeitet. Selbst das kleine Einmaleins ist dann eine große Herausforderung.

Zusammen mit einem Lehrer gebe ich einen Europa-Kurs, der neben Wissen auch soziale Kompetenzen, Techniken des selbständigen Arbeitens, der PC-Nutzung und der Präsentation vermittelt. In einer regelmäßigen Sprechstunde biete ich Hilfe bei der Laufbahnorientierung und der Bewerbung und in den Pausen kleine Schreib- oder Vorlesezirkel an. In ruhigen Gesprächen unter vier Augen kann man einerseits die großen Schwierigkeiten einzelner Schüler sehen, andererseits kommt es zu wirklich schönen Momenten, wenn Erfolge sichtbar werden: Ein kleines Lob von einem Kollegen und ein Schüler, der sich ausnahmsweise einmal nicht sofort ablenken lässt, können wahre Wunder für das eigene Selbstbewusstsein und die Motivation bewirken.

Vieles hat mich im letzten Jahr sehr nachdenklich gemacht: Was kann Schule leisten? Wie muss sie gestaltet sein, um Chancengleichheit zu ermöglichen? Wie können wir Kinder aus bildungsfernen Familien dazu bringen, ihre Potentiale voll auszuschöpfen? Ich sammle viele Eindrücke, die mich auch als ehemalige Fellow begleiten und mein Handeln beeinflussen werden. In welchem Bereich ich mich dann einsetzen werde, weiß ich noch nicht – aber ich weiß, dass ich noch für ein weiteres Schuljahr nach Möglichkeiten suchen werde, für einzelne Schüler den Unterschied zu machen – jetzt.

Teach First Deutschland sucht ab sofort neue Fellows: Informationen und Pressestimmen zum Programm finden sich hier.

Von Martina Böttcher
(Die Verfasserin arbeitet als Teach First Deutschland Fellow)

8. November 2010

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