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Motivation vs. Müdigkeit

Ein Tag im Otto-Group-Stipendienprogramm. Der Wecker schrillt. Ein verschlafender Blick auf das Handy verrät mir die Uhrzeit: sechs Uhr früh. Noch vor einigen Wochen wäre es für mich undenkbar gewesen, zu einer so unmenschlichen Uhrzeit aufzustehen. Doch die Zeiten des entspannten Studentenlebens und des nachsichtigen Weckers sind nun erst mal für einige Monate vorbei: Mein Praktikum bei OTTO hat seit ein paar Wochen begonnen.

Die nächste Stunde verbringe ich (mit meiner Müdigkeit kämpfend) damit, mich für den Arbeitstag fertig zu machen und dabei schwierige Entscheidungen vor dem Kleiderschrank zu treffen: „Schwarzer Rock oder bequeme Jeans?“ – Seriöser Auftritt oder innerer Schweinehund? Der seriöse Auftritt siegt und ich mache mich schließlich auf den Weg zum Bahnhof. Nach dem allmorgendlichen Kampf um einen Sitzplatz und über einer Stunde Fahrt betrete ich die Gefilde meines Praktikumsgebers. Spätestens jetzt wandelt sich meine Müdigkeit in Motivation für den Arbeitstag.

Die Unsicherheiten der ersten Praktikumstage sind längst vorbei: Das klingelnde Telefon, das ich beantworten muss, macht mir schon lange keine Angst mehr. Und auch mit dem einst fremden und feindlich wirkenden Programm Excel habe ich mich schon so sehr angefreundet, dass ich mir sicher bin, nie wieder eine andere Software zu benutzen. Selbst meine zunächst größte Hürde – meine Kollegen mit dem richtigen Namen anzusprechen – ist mittlerweile Schnee von gestern.

Der Arbeitstag beginnt. Auch wenn sich langsam Routine einschleicht und das Tagesgeschäft sowie feste Wochentermine zur Normalität werden, ist kein Tag wie der andere. Immer gibt es neue Aufgaben zu erledigen, neue Erfahrungen zu machen, neue Probleme zu bewältigen und neue Menschen kennen zu lernen. Und so arbeite ich auch diesen Vormittag nach einer kurzen Absprache mit meiner Praktikumsbetreuerin wieder eigenständig an meinem Projekt weiter. Bis mich mein Outlook daran erinnert, dass ich in wenigen Minuten in der Kantine sein muss: Ich habe mich mit einer Mitarbeiterin aus der Nachbarabteilung verabredet. Das Mittagessen ist eine ideale Gelegenheit, verschiedene Menschen aus dem Unternehmen in lockerer Kantinenatmosphäre bei Salat, Schnitzel oder Gemüsepfanne kennenzulernen.

Nach dem Mittagessen setze ich mich mit einem viel zu vollen Magen wieder an den PC und bereue, den kneifenden Rock angezogen zu haben. „Jetzt kurz die Füße hochlegen…“, denke ich, doch sehe im gleichen Moment, dass über Mittag vier Mails angekommen sind, die bearbeitet werden wollen. Dass sich meine Kommilitonen in Lüneburg jetzt vermutlich gemütlich auf die Mensawiese legen werden, macht mich schon ein bisschen neidisch. Doch auch wenn der Wechsel von Uni auf Unternehmen eine große Umstellung ist und man immer wieder das Gefühl hat, das Lüneburger Studentenleben würde an einem vorbeiziehen, gehe ich jeden Morgen gerne zur Arbeit. Wenn ich ehrlich bin, genieße ich es sogar, mein recht theoretisches Studium durch einen Einblick in die Praxis bereichern zu können, bisher erlerntes Wissen anzuwenden und die Möglichkeit zu haben, meine beruflichen und persönlichen Fähigkeiten weiterzuentwickeln.

Und so verlasse ich auch heute wieder meinen Arbeitsplatz nach etwa acht Stunden mit einem guten Gefühl. Noch besser: es ist Freitag. Das bedeutet für mich, dass mein Wecker morgen endlich mal wieder nicht um sechs Uhr klingeln wird …

Von Kristin Jordan
(die Autorin ist Otto-Group-Stipendiatin)

18. Januar 2011

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