Mansplaining – Ein Kommentar
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Mansplaining – Ein Kommentar

Unser Autor befürchtet, dass Begriffe wie „Mansplaining“ dazu führen könnten, dass in Zukunft nur noch voreingenommen argumentiert wird. Wieso er das befürchtet und was Mansplaining überhaupt ist:

Auch ohne Neologismen stark / (C) pixabay - darksouls1
Auch ohne Neologismen stark / (C) pixabay – darksouls1

Ich habe Angst. Angst diesen Artikel zu schreiben, auf dem brodelnden Vulkan des Feminismus zu tanzen. Jeder falsche Schritt kann mein Ende bedeuten, ich kann mir nicht nur die Finger verbrennen; soziale Ächtung steht in Aussicht.

Und doch möchte ich diesen Tanz wagen.

Vorab will ich noch sagen, dass ich es beim Feminismus mit Maisie Williams, Arya Stark aus Game of Thrones, halte. Die hat in einem Interview gesagt: ‚You’re either normal or a sexist‘. Sprich: Du bist praktisch schon Feminist, wenn du dich einfach anständig verhältst und keine Frau in irgendeiner Weise anders behandelst, nur weil sie eine Frau ist.

Zurück zur in der Einleitung erwähnten Angst. Um die soll es im weiteren Sinne auch in diesem Artikel gehen: die Angst, für eine bestimmte Handlung generell an den Pranger gestellt zu werden. Wer die Überschrift nicht übersehen hat, weiß: Es geht um Mansplaining.

Was ist Mansplaing überhaupt? Mansplaing ist hierzulande ein recht neuer Begriff, in den USA kursiert er schon seit einigen Jahren in feministischen Blogs. Laut Wikipedia handelt es sich dabei um „a portmanteau of the words man and explaining, defined as „to explain something to someone, typically a man to woman, in a manner regarded as condescending (herablassend) or patronizing.“ Zu der herablassenden Art des Erklärens kommt noch hinzu, dass die Ansichten der Zuhörerin als weniger ernst zu nehmend angesehen werden, ausschließlich, weil sie eine Frau ist und den Sachverhalt eben nicht wie ein Mann verstehen könne; insbesondere dann, wenn die Frau eigentlich mehr über den Sachverhalt weiß, aber eben „nur“ aus Frauensicht.

So weit so verständlich. Ein konkretes Beispiel stammt von der Schöpferin dieses Begriffs, Rebecca Solnit, selbst. Ein älterer Herr erklärte ihr langatmig, warum ein Buch über den Fotografen Edward Muybridge ausgesprochen bedeutend sei und gab ein oberflächliches, teilweise sogar falsches Wissen über das Buch preis. Dumm nur, dass das Buch von Solnit selbst verfasst worden war. Doch sogar nach Auflösen der Situation lies sich der Mann nicht davon abbringen, Solnit über das Buch und dessen Inhalte zu belehren. Weitere Beispiele hier: in Form von memes oder via tumblr.

Trotz dieser praktischen Anwendbarkeit, finde ich den Begriff mansplaining überflüssig und dem Voranbringen des Feminismus abträglich. Und zwar aus mehreren Gründen:

Ist es, erstens, nicht paradox im Bereich des Sexismus das ganze andere Geschlecht (Man-splaining) als herablassende Besserwisser zu brandmarken? Als ob Frauen nicht auch von oben herab belehren könnten und sich Männern in Sachen Herablassung nichts nehmen lassen.

Zweitens wird Mansplaing wohl kaum in den engen Grenzen seiner Definition bleiben. Wer denkt, dieser Begriff würde, erstmal etabliert, nur selten und immer passend benutzt, wird meiner Meinung nach auf die Nase fallen. Denn Begriffe ändern sich im Laufe der Zeit. Beispiel Wutbürger: ehemals eine positiv konnotierte Bezeichnung für lokal engagierte Menschen mit einer gesunden Skepsis vor unsinnigen politschen Großpojekten (erinnert euch an die Solidarisierungswellen bei Stuttgart21), schlägt der Begriff heute in die selbe Kerbe wie der Begriff des „besorgten Bürgers“. Bei mansplaining stelle ich mir das im schlimmsten Fall so vor: Du bist ein Mann, du erklärst einer Frau etwas, das ist Mansplaing. Quod erat demonstrandum. Inhaltliche Argumente treten bei Seite, ein Totschlagargument ist geboren.

Drittens droht bei überbordender Verwendung des Begriffs mansplaining eine Stigmatisierung aller männlichen Erklärungsversuche und kommt damit einem Sprechverbot gleich (für die Stigmatisierung gibt es ebenfalls einen Begriff, das gender shaming). Anders als bei der Wandlung von Studenten in Studierende, die absolut berechtigt ist, weil so nicht mehr die Hälfte (an der Leuphana noch weit mehr) aller Studierenden aus dem Wortsinn ausgeschlossen werden, hat mansplaing keine grundsätzliche Berechtigung. Eine Erklärung, ob von Mann zu Frau oder sonstwie, ist entweder konstruktiv und auf Augenhöhe oder eben nicht. Dazu braucht es keinen sprachlichen Generalverdacht.

Diese Gründe sollen aber eines nicht vergessen lassen: Ich lehne nur den Begriff mansplaining ab, nicht die zugrunde liegenden Probleme. Die Ablehnung des Begriffs soll nicht den auch in der Kommunikation vorherrschenden Sexismus verkennen. Gespräche, insbesondere im wirtschaftlichen Kontext, sind immer noch männlich dominiert; Frauen werden deutlich häufiger unterbrochen als Männer. Frauen werden abgekanzelt und so zum Verstummen gebracht.

Ich persönlich bevorzuge trotzdem ein anderes Wort für Situationen, in denen Männer Frauen von oben herab die Welt erklären wollen. Ohne Stigmatisierungsgefahr, ohne Möglichkeit der Abwatschung auch angebrachter Erklärungsversuche. Ein Wort, dass auch nicht den Akt des Erklärens brandmarkt, sondern den Erklärer. Es ist ein traditionelles, ein gutes altes deutsches Wort: Arschloch.

Autor: Ernst Jordan

Du siehst das ganz anders, als unser Autor? Dann schick uns deinen Kommentar zum Thema an univativ@leuphana.de.

3. Juli 2016

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Ernst Jordan dont wait for me, if i care bout anything, anywhere losin myself, i get the stares what im lookin at, wasnt there (wasnt there)


ONE COMMENT ON THIS POST To “Mansplaining – Ein Kommentar”

  1. So wenig, wie der Begriff „mansplaining“ im deutschen Sprachraum meiner Erfahrung nach benutzt wird, ist die Gefahr des inflationären Gebrauchs, vor dem Du dich zu fürchten scheinst, verschwindend gering. Noch viel geringer ist die Gefahr, dass Männer* auf einmal nicht mehr ernst genommen werden, weil sie automatisch als „mansplainer“ betrachtet werden. Im Gegensatz zum „Wutbürger“-Begriff ist „mansplaining“ nicht nur klar definiert; die Wahrscheinlichkeit, dass die Tendenz, dass Frauen* von vielen Menschen weniger ernst genommen werden, auf einmal nur wegen der Erfindung eines Begriffs ins komplette Gegenteil kippt… Sobald das Patriarchat abgeschafft ist, gehört „mansplaining“ mit abgeschafft – aber solange es noch existiert, braucht Mann* sich wirklich keine Sorgen zu machen, nicht respektiert zu werden.
    Außerdem ist der Begriff durchaus praktisch, weil man damit ein Problem benennen, analysieren und bekämpfen kann. Der Begriff macht es einfacher, das Problem überhaupt sichtbar zu machen und erleichtert es, darüber zu sprechen. Und genau aus dem Grund bringt es den Kampf gegen Sexismus eben sehr wohl voran.

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