Leben im Kloster Lüne – eine große Frauen-WG
Was Uns Bewegt

Leben im Kloster Lüne – eine große Frauen-WG

Als Charlotte Pattenden uns bei unserem Besuch so offen und aufgeschlossen durch das Kloster Lüne führte, mussten wir einfach nachfragen: Was führt einen Menschen ins Kloster und wie fühlt es sich an, dort zu leben? Ein Porträt.

Charlotte Pattenden gab uns während unseres Besuchs im Kloster Lüne nicht nur Einblicke in die historischen Klostergemäuer, sondern hat auch gezeigt, wie das Leben im Kloster funktioniert und vor allem, wie man überhaupt hineinkommt. Für Letzteres hat sie bereits eine passende Antwort auf Lager: „Wie vermehren sich Konventualinnen? Mit Nichten.“ Denn wie viele der (ehemaligen) Bewohnerinnen, hatte auch Frau Pattenden eine Tante, die im Kloster lebte. Doch ganz so einfach ist es nicht: Wer als Konventualin im Kloster Lüne aufgenommen werden will, muss evangelisch sowie alleinstehend, geschieden oder verwitwet sein. Außerdem sollte man das Ziel eines aktiven Ruhestands verfolgen, möglichst unter 65 Jahren alt, finanziell unabhängig sowie körperlich belastbar sein, um die Aufgaben im Kloster zu erfüllen.

Ein Wald aus lauter eigenständigen Bäumen.

Charlotte Pattenden erfüllte alle Kriterien: Nachdem sie seit 1982 in Wales (Vereinigtes Königreich) lebte, wurde ihre Ehe 2013 nach 28 Jahren geschieden – Zeit für eine Neuorientierung. In ihr wuchs die Idee, nach Deutschland zurückzukehren, mit einem festen Platz und einer Aufgabe. Sie erinnerte sich an ihre Tante und verliebte sich beim ersten Besuch sofort in das Kloster Lüne, wo die Übersetzerin als aktuell jüngste und einzige noch berufstätige Konventualin seither lebt. Wer sich nun an die dunklen Zellen aus dem Film „Sister Act“ mit Whoopi Goldberg erinnert und gefängnisartige Umstände assoziiert, liegt weit daneben. Wohnten die Konventualinnen der vergangenen Jahrhunderte noch in den kalten, dunklen Kammern der sogenannten „Uhlenflucht“ (Eulenflucht), lebt heute jede Konventualin in ihrer eigenen Wohnung auf dem Gelände und verwaltet auch ihr eigenes Geld. Sie leben damit keine strikte Kommunität aus, sondern eine moderne Gemeinschaft. Viele von ihnen haben im Übrigen adelige Wurzeln. Als „ein Wald aus lauter eigenständigen Bäumen“ wie eine große Frauen-WG dürfen so mittlerweile auch die Kinder der Konventualinnen an Weihnachten ins Kloster kommen. Ebenso wurde das anfängliche Gebot, Weihnachten ausschließlich im Kloster zu verbringen, gelockert, sodass nun auch Feiertagsbesuche bei den Kindern möglich sind. Auch Frau Pattenden begrüßt dies sehr. Ihr Sohn heiratete 2016 sogar in der traumhaften Kulisse des Klosters Lüne. Dabei kam es dann jedoch zu einem kleinen Missverständnis: Die aus England angereisten Freunde des Bräutigams mutmaßten, warum sie extra nach Deutschland reisen und die Hochzeit im Kloster stattfinden MUSSTE – ihre Vermutung: Seine Mutter darf nicht aus den Klostergemäuern raus, also musste das Fest zu ihr kommen. Stimmt natürlich nicht.

Das vollständige Ornat tragen die Konventualinnen nur noch zu besonderen Anlässen / Foto: Lena Schöning

Harry Potter-Mäntel und Spitzenhäubchen

Wer im Kloster Lüne leben möchte, muss sich bei der Äbtissin bewerben und darf mit etwas Glück dann für eine Probezeit einziehen, bis das Konvent endgültig entscheidet – und auch die Kandidatin selbst. Jüngere Frauen merken beispielsweise spätestens dann, ob sie sich eine noch engere, voneinander abhängige Gemeinschaft oder doch wieder eine Beziehung wünschen. Ein Freundeskreis außerhalb des Klosters ist natürlich erlaubt und auch sehr wichtig, wie uns Frau Pattenden zusicherte. Es gibt sogar Gästezimmer für Freunde. Und einen Dresscode. Im Laufe der Jahrhunderte wurden in den Gewändern immer wieder die Einflüsse der Mode aufgenommen und angepasst. Zudem haben die Lüner Damen seit jeher den Ruf, stets besonders gut gekleidet zu sein. Daher wird im Kloster Lüne auch heute noch lieber ein gepflegtes Outfit bestehend aus Rock, Bluse und Blazer anstatt einer Jeans gesehen. Ein traditionelles Kostüm müssen sie jedoch nicht mehr tragen. Nur beim Gottesdienst sind Spitzenhäubchen und Chormantel beziehungsweise – wie Frau Pattenden ihn nennt – „Harry-Potter-Eat-your-heart-out-Mantel“ Pflicht. Das komplette Ornat mit Handschuhen etc. tragen sie nur noch zu besonderen Anlässen.

Freie Grabwahl

Aktuell gehören zum Kloster Lüne sechs Konventualinnen, drei neu angelernte sowie eine, die in Hannover im Kloster Marienwerder lebt, welches quasi das Altersheim für Konventualinnen ist. Denn wenn man einmal in einem Konvent eingeführt ist, bleibt man Zeit Lebens ein Teil davon – wenn man sich nicht entscheidet, auszutreten. Das Kloster Lüne hat sogar einen eigenen Friedhof mit der Historie jedes einzelnen Grabs. Die Konventualinnen dürfen sich sogar aussuchen, wo genau sie einmal ihre letzte Ruhe finden möchten. Bis dahin liegt aber noch ein sehr abwechslungsreicher Lebensabend im Kloster vor ihnen. Je nach persönlichen Vorlieben und Fähigkeiten hat jede ihre eigene Aufgabe: Von Öffentlichkeitsarbeit oder Führungen bis zur Gartenpflege. Außerdem finden im Kloster regelmäßig Konzerte, Lesungen, Tagungen und Ausstellungen statt sowie das gemeinsame Vespersingen, Gottesdienste und wöchentliche Zusammentreffen des Konvents. Bei letzterem hält jeweils eine Konventualin eine Andacht und eine andere sorgt für das Abendessen – also doch etwas WG-Flair und von Langeweile keine Spur.

Charlotte Pattenden hat im Kloster Lüne genau das gefunden, was sie nach ihrer Scheidung suchte: Einen festen Platz, in dem sie für verschiedene Aufgaben gebraucht wird; eine Gemeinschaft, die zusammenhält, wo aber auch jeder selbstständig existieren kann und muss. Sie konnte ihre Arbeit als Übersetzerin integrieren in alte Mauern, wo die Gegenwart stets ihren Einfluss hat und wo Geschichte durch neue Erkenntnisse von Untersuchungen und Forschung immer von einer anderen Seite gesehen werden kann: „Die Geschichte des Klosters ist in Stein gesetzt, aber wir lernen die Steine immer neu zu lesen.“. Wer hätte gedacht, dass in einem Kloster eine solch starke Frauengruppe so fortschrittlich lebt und Tradition und Moderne so gekonnt vereint?

28. Juni 2018

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Larissa Besler