Kommentar: die Stadt, der Bus und wir
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Kommentar: die Stadt, der Bus und wir

Alle regen sich auf. Die Studierenden, weil zu wenig Leuphana-Busse da sind. Die Bürger, weil wir deswegen ihre Linienbusse verstopfen. Doch hier geht es nicht nur um Busse. Ein Kommentar von Anna Aridzanjan.

Immer voll? Linie 5012 / (CC) Foto: RatzeburgBus

Sind Studierende in Lüneburg unerwünscht? Diesen Eindruck könnte man bekommen, angesichts dieses Pinnwandeintrags auf der Facebook-Seite der Uni. Eine junge Lüne-Bürgerin beschwert sich dort, dass der Linienbus 5012 immer brechend voll sei, wenn sie damit nach Hause fahren will. Schlimmer noch, Fahrgäste an den Haltestellen (darunter alte Menschen und Schwangere) würden stehen gelassen, weil kein Platz mehr da sei. Daran seien allein wir, die Studierenden, schuld. Schließlich hätten wir doch unseren eigenen Bus, wären aber zu blöd / blind / faul, um ihn zu benutzen.

Der wütende Eintrag fand Anklang: etwa ein dutzend Lüneburger stimmten der Nutzerin zu und versuchten sich gegenseitig mit Schauergeschichten über die rücksichtslosen, Bus-schmarotzenden Studierenden zu übertrumpfen. Vor dem geistigen Auge sah man regelrecht den wütenden Mob, der sich mit Heugabeln und Fackeln bewaffnete…

Irgendwann stiegen Studierende selbst in die Diskussion ein, versuchten zu erklären, dass es Gründe gebe, warum sie auch andere Buslinien als den 5001er benutzen. Nunja, wir alle hier kennen die Gründe, daher erwähne ich sie nicht explizit noch einmal. Nur scheinen diejenigen, die sich bereits auf uns als Feindbild eingeschossen haben, nur das zu lesen, was sie lesen möchten. Sie verstehen vermutlich nicht einmal, dass die Linie 5001 weder ein Schulbus noch ein Sammeltaxi ist. Die 5001 ist lediglich eine Linie unter vielen – mit gerade einmal 2 Halten (außer dem Bus, der über Rotes Feld fährt; der hält an 4 Haltestellen).

Doch das Problem sind nicht in erster Linie die Busse. Es liegt tiefer.

Das Problem ist das Bild, das Nicht-Studierende von uns haben. Es ist das Bild des faulen, rücksichts- und nutzlosen Studentenpacks. Es ist das Klischee, das sich seit 1968 kaum verändert hat und das nun durch das Busproblem hier in Lüneburg scheinbar vielfach bestätigt wird.

Man sieht an der „Diskussion“ ganz deutlich und konzentriert das, was sich fast täglich in den Linienbussen in Lüneburg abzeichnet: Studierende sind in Lüneburg unbeliebt. Mehr noch: unwillkommen. Ja, wir werden in den Bussen beschimpft und angepöbelt. Wir werden im unfreundlichsten Ton darauf hingewiesen, dass wir einen eigenen Bus hätten und gefälligst mit dem fahren sollen – ungeachtet der Tatsache, dass wir gelegentlich auch woanders als am Hauptcampus oder am ZOB aussteigen möchten.

Unseretwegen bricht angeblich der Busverkehr zusammen. Unseretwegen steigen scheinbar die Mietpreise auf Großstadtniveau. Ja, liebe Lüneburger, wir sind Schuld. Weil wir studieren, uns weiterbilden, mehr über das Leben lernen und Karriere machen wollen. Es tut uns wahnsinnig Leid, dass wir so arrogant sind. Dass wir euch hart arbeitenden Menschen die Plätze im Bus und die Wohnungen in der Stadt wegnehmen. Egal was für Gründe ihr habt, uns nicht zu mögen – alles läuft auf ein Wort hinaus, das in Deutschland und Europa schon mehrmals (zum Beispiel vor 70 Jahren) Schlimmstes angerichtet hat: Xenophobie.

Liebe Lüneburger: wir sind Studierende und Lüneburg ist eine Universitätsstadt.
Damit sind wir ein Teil von euch. Lebt damit.

Autorin: Anna Aridzanjan

14. November 2012

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13 COMMENTS ON THIS POST To “Kommentar: die Stadt, der Bus und wir”

  1. Wegen des Holocaust-Vergleich kann ich diesen Kommentar nicht ernst nehmen. Da hilft es auch nichts, dass man ja mal was raus lassen muss – mal mit der Faust auf den Tisch hauen muss. Ist ja ok, dass der Beitrag überspitzt sein soll, damit man sich zur Not auf das Ironie-Rettungsboot flüchten kann. Aber die Grenze die hier zwischen den Studenten auf der einen und dem Rest auf der anderen Seite gezogen wird ist zu künstlich. Die Gruppe der nicht-Studenten besteht nicht aus einem Haufen Kleinbürgern und Prollos die keinerlei Bezug zu akdamischen Ausbildungen haben. Viele der kleinkarierten Anderen haben sicherlich Beziehungen zu Studenten. Seien es Enkel, Verwandte oder einfach nur Freunde von Freunden. Und das Bild der Auseinandersetzung so darzustellen als hätten die Anderen den gleichen Eindruck von Uns wie in den Zeiten, als Studenten aussahen wie Hippies, regelmäßig auf den Straßen waren um zu Protestieren und sowohl in der Presse als auch im Alltag als Terroristen erschienen: auch falsch. Leb damit.

    • Dem kann ich mich anschließen, ein Hinweis auf Xenophobie halte ich nicht für angebracht und führt nicht zur besseren Verständigung zwischen den BürgerInnen. Ich nehme an, beide Seiten wissen, dass weder wir StudentInnen und unsere Arroganz, noch die untolerante Haltung der anderen Busfahrer das wahre Problemen ist. Ursache sind die Entscheidungen der Universitätsleitung, die sich anscheinend nicht dafür interessiert, ob es genügend Wohnraum für die jährlich steigende Anzahl an Erstis gibt oder gute Verkehrsanbindungen für PendlerInnen gibt und sogar überlegt Wohnraum aufzukaufen und in Seminarräume umzuwandeln (Campus 1).
      Zudem muss sich die Politik mit dem Andrang in Bussen und auf dem Wohnungsmarkt und den Entscheidungen der Universitätsleitung beschäftigen und sinnvolle Lösungen finden .
      Dann wäre auch keine Toleranz mehr von den Mitbürgern zu erwarten, die sich verständlicher Weise ärgern, wenn sie auf dem Weg zur Arbeit einfach an der Bushaltestelle stehengelassen werden.

  2. Entweder bist du ziemlich jung oder ziemlich dumm…dieser beitrag ist nämlich einfach nur arrogant

    ich bin übrigends auch student und gebürtiger lüneburger… und ich kann daher beide seiten gut nachvollziehen

    • Oh, das ist eine interessante Art und Weise, mich einzuschätzen. Eins kann ich sagen: ziemlich jung bin ich mit 25 nicht mehr wirklich. Deiner Logik zufolge wäre ich also dumm. Wie kommst du darauf?
      Lieben Gruß,
      Anna

  3. Also wenn ich mir so die Lüneburger Studenten so ansehe, dann ist doch der Vergleich mit der 68er-Bewegung höchst unpassend: Durchgestylte, wohlhabende Mittelstandskinder, die alle genügend Geld haben, um sich die mehreren hundert Euro Studiengebühren pro Semester zu leisten. Die Ironie des Kommentars provoziert übrigens die „Lüneburger“ (warum differenziert man überhaupt zwischen Lüneburgern und Studenten?), die mit den Busverhältnissen zurecht unzufrieden sind, nur noch weiter. Und dass Studierende in Lüneburg generell nicht willkommen sind, ist schlicht falsch, die Stadt lebt durch die Studenten und das wissen auch die „Lüneburger“. Ich kann nur Luisa zustimmen, die Leuphana-Leitung ist schlicht darauf bedacht, aus der Uni ein Wirtschaftsunternehmen zu machen und schert sich weder um fehlenden bezahlbaren Wohnraum, noch um gleichberechtigten Zugang zum Studium noch um Probleme wie die grottige Verkehrsanbindung der Leuphana (wozu brauch man die auch, die Uni-Leitung und die Zielklientel Wohlstandskinder haben doch dicke Autos, um zur Uni zu kommen…).

    Aber um mal zum Kommentar zurückzukommen: der Holocaustvergleich ist unangebracht und pietätlos, die Autorin hätte gut daran getan, diesen Vergleich auszulassen. Ohne ihn wäre der Kommentar einfach nur unprofessionell gewesen, mit dem Vergleich allerdings disqualifiziert sich die Autorin selber und sollte sich fragen, ob sie sich von diesem Vergleich nicht doch besser distanziert.

    • Lieber Oskar,

      danke für das Feedback.
      Allerdings fehlt mir das Verständnis für deine Ansicht auf uns Studierende, die „durchgestylten, wohlhabenden Mittelstandskinder, die alle genügend Geld haben, um sich die mehreren hundert Euro Studiengebühren pro Semester zu leisten“.
      Auf einige mag diese Einschätzung zutreffen. Viele Studierende an unserer Uni jedoch (ich schätze sogar: die meisten; konkrete Zahlen habe ich jedoch gerade nicht zur Hand) beziehen BAföG UND/ODER finanzieren sich das (tatsächlich teure) Studium durch Nebenjobs. Soviel dazu.

      Jetzt zum angeblichen Holocaustvergleich. Ich sehe keinen im Text und hatte beim Schreiben auch nicht die Intention, einen solchen Vergleich herbeizuführen. Schade, dass dies so aufgefasst wurde. Ich hätte eigentlich vermutet, dass unsere Leser den Unterschied zwischen einem Vergleich, einer Assoziation und weiteren Stilmitteln erkennen könnten.

      Gruß,
      Anna

      • Zum angeblichen Holocaustvergleich: Auf was spielst du den sonst an wenn du dich schon auf die 70 Jahre beziehst und auf Xenophobie jetzt zubehaupten das du da kein Vergleich zum Holocaust machen willst ist eine reine Lachnummer

  4. Liebe Leute, immer mit der Ruhe. Es ist ein Kommentar! Ihr tut gerade so, als würde die Autorin hier irgendwelche Nazi-Vergleiche anstellen und das tut sie definitiv nicht! Der Shitstorm auf Facebook wird ihr einfach nur überspitzt verarbeitet und das, wie ich finde auch unterhaltsame Art und Weise! Das ein Post auf der Leuphana-Facebook-Seite eine ganze Beschwerdewelle ausgelöst hat, zeigt, dass es ein ernsthaftes Problem mit den Busverbindungen in Lüneburg gibt und auch wie schnell die Schuld dafür auf die Studierenden abgeschoben wird. Warum ist das so? Wieso scheint dass so viel vermeintliche Wut-Bürger so aufzuregen? Dieser Frage hat sich die Autorin gestellt und zwar in einem KOMMENTAR und nicht in einem sachlichen Bericht!

  5. Hallo Anna,
    ich habe deinen Artikel nur ohne Kontext auf der Facebook-Seite eines Freundes „geteilt“ gefunden und mich dann, nachdem ich versucht hatte via facebook:leuphana die beschwerde zu finden über deine Verlgeiche aufgeregt. Auf der einen Seite freut es mich das dein Artikel kritisiert wird, andererseits finde ich den Style von petri doff. Habe gerade festgestellt das man deine Referenzen/Zitate innerhalb des Textes findet, sprich sich die Links anders als im Internet durch blau-unterstricheneneTextteile genormt, vorhanden sind. Habe mir eben die facebook-Diskussion durchgelesen und finde deinen Beitrag darin super! In dem (Facebook-)Kommentar kommt deine Absicht zu vermitteltn und zu informieren rüber. In dem Arikel! auf: univativ – DAS Lüneburger Hoschulmagazin – welches ich in diesem Kotext ohne die Bedeutung des Magazins hoch einstufen zu wollen, als repräsentatives Sprachrohr der Unipresse sehe – überhaupt nicht. Auch wenn dein Style im Artikel natürlich potentiell interessanter ist, als die perönlich/sachliche Art des (facebook)-Kommentars. Ein Hybird der beiden wäre als Magazintext die richtige Wahl gewesen. +Thema, +engagement, +facebookkommentar, +styleversuch -vergleich -style -petri

    • Lieber Karlson,

      danke für den Kommentar. Wir finden, dass die Links im Text, da sie andersfarbig unterlegt sind, schon klar als solche zu identifizieren sind. Wenn man mit der Maus darüberfährt, sieht man sogar die Linkbezeichnung (Facebook: xyz usw).
      Zudem sollte man schon unterscheiden, ob ich als Privatperson und betroffene Studentin bei Facebook einen Beitrag in der Unichronik kommentiere – oder ob ich als Autorin die journalistische Darstellungsform „Kommentar“ auf der Seite des Hochschulmagazins wähle, um einen Umstand drastisch aufzuzeigen und damit Stellung beziehe.

      Der Kommentar als journalistische Textgattung ist – ähnlich wie eine Glosse oder eine Kolumne – eine wertende und ganz klar subjektive Artikelform. Sie hat nicht den Anspruch, objektiv zu sein, wie das etwa bei einer Nachricht oder einen Bericht der Fall ist. Der journalistische Kommentar ist eben genau NICHT das „repräsentative Sprachrohr“ des Hochschulmagazin oder gar für die ganze Hochschule – sie ist eine Meinungsäußerung des Journalisten, dessen Name darunter steht.

      Gruß,
      Anna

  6. Mädchen, haust du nicht ein bissl doll auf die Pauke?? Die 5001 ist *nur* für Studis eingerichtet worden und nicht eine von vielen Linien. Um halt die Standardlinien zu entlasten. Geht schon alleine daraus hervor, dass sie nur während der Vorlesungszeit fährt, gelle.. 🙂

    An den teueren Mieten seid ihr LG-Studis nur bedingt schuldig. Das liegt am Heide-Harvard. Wer aber nach LG kommt, weils so geil am H.H. zu sein scheint, ohne auch nur ne andere Stadt in Betracht zu ziehen.. tja, der trägt sicher seinen Teil zu den Mieten bei. Erstmal sicherlich unwissend.. was erwartet man aber auch von Abiturienten. ^^

    Ich, an deiner Stelle, würd auch nicht aus HH wegziehen wollen.

    Mit Xenophobie hat das nix zu tun. Immerhin ist LG schon länger ne Unistadt. Und das ging hier auch Jahre gut. Nur hapert es offensichtlich an der Rücksicht der Studis auf die Bedürfnisse der (wie auch immer beeinträchtigten) Anwohnern SOWIE auch an den Einwohnern dieser schnuckeligen Kleinstadt gegenüber den Studis (und den echt reudigen Fahrplänen der 5001).

    Ne Lösung wär die KVG mal rund zu machen. Für meinen Geschmack ist der Verein eh zu mies für ne aufsteigende Kleinstadt wie LG aufgestellt. DA muss man arbeiten! Dann löst sich das von dir angesprochene Problem von selbst. Wetten? Kasten Bier, Zentner Tabak! Warte auf deine Hand & Greetz

    Matsch

    • Lieber Matsch,

      danke für deinen Kommentar. Ob ich zu heftig auf die Pauke haue, ist Ansichtssache. Die 5001 ist eine Linie unter vielen, die wir benutzen dürfen. Das wollte ich damit sagen. Die Nutzung des Semestertickets ist nicht nur allein auf die 5001 beschränkt.
      Dass das Bus-Problem (wie auch immer) gelöst werden muss, ist klar. Dass Studierende und Bürger das alleine nicht können, sondern man das Problem „denen da oben“, also KVG/HVV und eventuell auch der Uni deutlich aufzeigen muss, ist auch klar.
      Übrigens: dieser Artikel hatte nie den Anspruch, das Busproblem oder das Kommunikationsproblem zu lösen. Es sollte die schwierige Situation nur drastisch aufzeigen.
      Gruß,
      Anna

  7. Heute erlebt:
    Ich stieg um ca. 10 Uhr am Hauptcampus in die 5001. Die Anzeige des Busses sagte mir, dass der Bus in Richtung ZOB über Rotes Feld fahren würde. Kurz bevor wir am Roten Feld waren drückten einige Studenten den Halteknopf. Der Busfahrer fuhr weiter, ohne anzuhalten. An der nächsten Ampel fragte eine Studentin, warum der Fahrer trotz Haltewunsch nicht angehalten habe und ob er sie schnell an der Ampel absetzen könne. Der Fahrer darauf: “ Ne mach ich nicht. (finde ich verständlich, ABER:)Sie haben alle zu früh gedrückt und auf den Halteknopf für den Kinderwagen auch. Als Hochstudierte sollten sie das eigentlich wissen. Da halte ich dann eben nicht.“
    Das Ende vom Lied war, dass ich dann den Weg vom Sande zum Roten Feld zurücklaufen durfte und zu spät kam. Danke liebes Busunternehmen!
    Solche „freundlichen“ Busfahrer sind leider kein Einzelfall. Also bitte erzählt mir nicht, dass keine negativen Vorurteile zwischen Lüneburgern und Studenten bestehen würden. Das ist das Problem.

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