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Kinderleicht? – Eine Kolumne über das Studieren mit Kind

Angelika ist alleinerziehende Mutter und studiert Vollzeit an der Leuphana. Wöchentlich berichtet sie über ihren Weg zum Studium sowie Erfahrungen und Erlebnisse rund ums Studieren mit Kind.

Studieren mit Kind/ (CC) Foto: missBdeBerlin

Zu Tränen gerührt

Neulich las ich einen unheimlich schönen und rührenden Artikel, in dem eine Mutter über das Leben vor und nach der Geburt ihrer Tochter schreibt. Kern der Thematik war die Hektik des Alltags. Und so beginnt der wunderschöne Text, welcher mich zu Tränen rührte:

„Wer am Leben vorbeilebt, ist der Meinung, jede einzelne Minute optimal nutzen zu müssen. Alles dreht sich darum, seine Aufgaben zu erledigen, auf einen Bildschirm zu starren oder möglichst schnell von A nach B zu gelangen. Doch ganz egal, wie gut man seine Zeit und Kräfte auch aufteilt oder wie viele Dinge man gleichzeitig zu erledigen versucht – der Tag hat einfach nie genug Stunden, um alles schaffen zu können.“

Ja, diese Worte konnte ich sehr gut nachvollziehen und mich mit der Autorin identifizieren. Sie beschreibt ihr Leben vor der Geburt und auch einige Jahre danach als ungelebt, ungenutzt, hektisch. Sie erzählt von „elektronischen Benachrichtigungen, Klingeltönen und vollgepackten Terminkalendern“ und obwohl sie da schon eine Tochter hatte, waren diese Dinge ihr Lebensmittelpunkt.

„Wann immer mein Kind mich dazu zwang, von meinem Masterplan abzuweichen, dachte ich im Stillen: „Dafür haben wir keine Zeit.“ Und folglich hörte meine kleine Lebenskünstlerin am häufigsten folgende Worte von mir: „Beeil dich“.“

Erwischt!

Ob ich geschockt war? JA! Aber nicht über sie, sondern über mich! Ich sah schon förmlich meinen Namen bei der Autorenangabe stehen, so sehr fühlte ich mich angesprochen. Eine Mutter, die ihr Kind mit den Worten „Beeil dich“ früh am Morgen weckt und mit denselben auch ins Bett bringt. Das war eine sehr traurige aber ehrliche Feststellung. Obwohl ich in all meinen Artikeln behaupte, stets glücklich zu sein, stellte ich das plötzlich in Frage. Sind wir wirklich glücklich, wenn wir unser Leben SO führen? Wenn wir den ganzen Tag aufs Handy glotzen, vor dem Bildschirm kleben, unsere Kinder wegschicken, wenn sie uns was schönes gebastelt haben oder uns zum Spielen auffordern?

Doch es gab ein Happy End. Eines glücklichen Tages traf sie ein Geistesblitz, bei dem ihr klar wurde, mit welchem Glück Gott sie gesegnet hat.

„Mein sorgloses Kind war ein Geschenk der Götter für einen ehrgeizigen, ungeduldigen, ewig gestressten Menschen wie mich – nur war mir das damals nicht bewusst. Denn wer am Leben vorbeilebt, hat meist einen Tunnelblick – und sieht nur den nächsten Punkt auf der Tagesordnung. Und alles, was nicht von der Aufgabenliste abgehakt werden kann, ist reine Zeitverschwendung.“

Eine vernünftige und rührende Einsicht.

Mein Resümee

Ja, der Text hat mich wirklich im Tiefsten getroffen und zum langen Nachdenken angeregt. Wir alle sollten unser Leben und unseren Alltag ab und an mal reflektieren. An diesem Abend stellte ich meine mütterlichen Qualitäten deutlich in Frage. Und da ich sehr häufig zu einer Schwarz- Weiß-Politik neige, stempelte ich mich- wenn schon, denn schon- als Rabenmutter ab. Ich ging zu meinem schlafenden Kind, legte mich neben sie, lauschte ihrem Atem und begann voller Selbstmitleid leidenschaftlich zu heulen. Weil vermutlich meine Hormone an dem Abend etwas verrückt spielten, nahm ich mir auch noch ganz fest vor, mein Kind niiie mehr zu hetzen und ihr ab sofort alle Luft für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens zu lassen. Nämlich Schnecken und Vögel zu beobachten oder sich mit alten Menschen zu unterhalten- auch wenn wir es eilig haben.

Gleich am nächsten Morgen setzte ich mein Vorhaben um. Ich weckte sie sanft, frühstückte ganz in Ruhe mit ihr und das alles ohne einmal „beeil dich“ zu sagen. Als sie dann Mittags aus der Schule zurückkehrte, musste ich mir folgenden Satz anhören: „Dankeschön, Mama! Weil du so eine Schlafmütze bist, bin ich heute Morgen zu spät gekommen!“ Ich muss hinzufügen, dass ihr das in ihren drei Schuljahren zum allerersten Mal passierte.

Was ich damit sagen will: Ja, wir sollten unser Verhalten unseren Kindern gegenüber reflektieren und uns möglichst versuchen, ein gutes Beispiel an unseren Vorbildern zu nehmen. Auch sollten wir immer bereit sein, uns zum positiven zu ändern. Aber dennoch sind Selbstzweifel nicht wirklich produktiv. Im Grunde genommen mache ich alles richtig und ich mache es gut. Jedoch konnte ich das erst NACH dieser Begebenheit feststellen. Es war mir eine Bestätigung, dass ich als Mutter „richtig“ bin. Dennoch beiße ich mir seitdem beim Drang, ein „beeil dich“ rausfauchen zu wollen, öfters mal auf die Zunge.

Autorin: Angelika Kowal

31. Januar 2014

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