„Kein Student muss auf der Straße schlafen“ –  Wie Wohnraumvermittlung Menschen verbindet
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„Kein Student muss auf der Straße schlafen“ – Wie Wohnraumvermittlung Menschen verbindet

Seit dem Wintersemester vermitteln Angelika Kowal und Christian Seigis mit ihrem Projekt „Zunkufts (T)räume“ Wohnraum an Lüneburger Studenten. Dabei geht es ihnen vor allem um Menschen, nicht um Quadratmeter.

Christian Seigis und Angelika Kowal beim Interview mit Univativ Online/ Foto (c) Ann Christin Busch
Christian Seigis und Angelika Kowal beim Interview mit Univativ Online/ (c) Foto : Ann Christin Busch

„Beim ersten Mal konnte ich kaum durchatmen, ich habe aufgelegt und es hat sofort wieder geklingelt. Ich konnte schon nicht mehr unterscheiden, ob das Display leuchtet weil ich den Hörer aufgelegt hatte, oder weil jemand anrief. Es hat mich völlig gaga gemacht.“

So klingt es, wenn Angelika Kowal ihren ersten Telefondienst beschreibt. Im Oktober diesen Jahres gründete die Studentin gemeinsam mit dem Universitätsmitarbeiter Christian Seigis die Kampangne „Zukunfts (T)räume“. Von Anfang an wussten die beiden sehr genau, dass sie Eines vor allem nicht sein wollen: „Wir sind keine reine Wohnungsbörse, unser Projekt hat eine Seele. Wir suchen Leute mit Talenten oder Fähigkeiten, und bringen sie mit denjenigen zusammen, die ein Bedürfnis oder einen Wunsch haben“, sagt Kowal. Mit Freude und Leidenschaft vermitteln sie in einem sechsköpfigen Team aus ehrenamtlichen Mitarbeitern Unterkünfte an Lüneburger Studenten in Wohnungsnot. Es geht ihnen darum, Menschen auch unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit zu verbinden.

„Irgendwann könnten Strom und Wasser Luxusgüter werden, deshalb ist es Zeit sich wieder zusammenzuraufen.“

Das unausgesprochene Vorurteil, Lüneburger und Studenten würden sich feindselig gegenüberstehen, finden beide in ihrer Arbeit nicht bestätigt. „Natürlich gibt es Lüneburger, die sagen „Studenten verstopfen unsere Busse“. Aber ebenso viele sagen auch „Ich mache das ehemalige Kinderzimmer frei, damit kein Student auf der Straße schlafen muss“, erklärt Kowal. Über 130 Angebote von Bürgern, die ihre Zimmer, Bauwagen und sogar ganze Ferienappartements zur Verfügung stellten, sind bei ihnen eingegangen.

„Generationen lernen sich wieder kennen und lernen voneinander“, ergänzt Seigis. „Zum Beispiel haben wir eine Erstsemestlerin bei einem promovierten Dozierenden untergebracht. Das ist toll, weil man sich gerade am Anfang des Studiums fragt „Wie funktioniert dieses wissenschaftliche Arbeiten?“. Oder da war ein älterer Herr, der wollte keine Miete nehmen sondern nur die Nebenkosten erstattet bekommen und dafür ein paar Stunden das Internet verstehen lernen.“

Auch Kowal und Seigis mussten während ihrer Arbeit neue Erfahrungen machen, die sie nachdenklich stimmen.

„In der Presse wird manchmal lieber über Probleme berichtet, als über Lösungen.“

„Vor ein paar Wochen hat uns kaum jemand interviewt. Im Gegenteil, es wurde vermehrt über obdachlose Studenten berichtet. Das hat auch unsere Vermieter wütend gemacht“, sagt Kowal. Dabei hatte ihr Projekt sogar ein regelrechtes Überangebot an einzugsfertigen Wohngelegenheiten. „Wenn jeder Ersti eine eigene Wohnung auf dem Campus haben möchte, dann sollte man von Wohnungsnot sprechen, so etwas gibt es nicht.“ Inzwischen ist es Kowal und Seigis gelungen, etwa 35 Studenten ein neues Zuhause auf Zeit zu vermitteln. Manche würden vielleicht sagen, das Projekt ist mangels Resonanz gescheitert. Das Team um „Zukunfts(T)räume“ hat es angespornt, sich bis zum nächsten Wintersemester weiter zu optimieren. „In der Startwoche sind die Studenten überfordert mit den vielen neuen Eindrücken. Das Gefühl anzukommen ist sehr wichtig bei Beginn des Studiums. Deshalb wollen wir dazu anregen, direkt in das Zusageschreiben einen Infoflyer zu legen“, sagt Kowal. Seigis bekräftigt: „Wir sind angeblich die Generation Twitter: was länger ist als 135 Zeichen, lesen wir nicht. Unser Konzept ist allerdings sehr einfach, länger als eine Minute braucht man nicht, um es zu verstehen.“

Ab dem 15.11. ist das Team von „Zukunfts (T)räume“ vorerst nicht mehr telefonisch, dafür aber per Mail und via Facebook zu erreichen. Kowal und Seigis sind sich darin einig, dass dies erst eine Proberunde war: „Die Frage, ob man scheitert, ist immer eine Frage der Ziele die man sich setzt. Wir wollten, dass kein Student auf der Straße schlafen muss. Das haben wir erreicht.“

Autorin:  Ann-Christin Busch

13. November 2013

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2 COMMENTS ON THIS POST To “„Kein Student muss auf der Straße schlafen“ – Wie Wohnraumvermittlung Menschen verbindet”

    • Liebe Ulrike! Danke für dein Zimmerangebot. Unsere Studis suchen jedoch überwiegend Zimmer direkt in Lüneburg. Momentan sind aber alle versorgt, sodass man nicht von Wohnungsnot sprechen muss. Bzgl. des Portraits habe ich dir eine Mail geschickt. LG, Angelika

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