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Karriere 2.0

Unter Freunden – Kameramann Michael Ballhaus an der Leuphana. Der weltberühmte Kameramann Michael Ballhaus dreht seit 50 Jahren Filme. Nun hat er sich aus Hollywood zurückgezogen und sucht an der Leuphana mit den Projekten „Fernsehen 2.0“ und „The Future is Now“ Antworten auf große gesellschaftliche Fragen. Vizepräsident Holm Keller klärt Univativ über die Details auf.

Den meisten wird Ballhaus’ letztes Werk aus Hollywood in Erinnerung sein: „Departed – Unter Feinden“. Der Film mit Matt Damon und Jack Nicholson kam 2006 in die Kinos. Hier an der Leuphana fühlt sich Ballhaus unter Freunden. Aus dem illustren Bekanntenkreis Holm Kellers kam er genau vor einem Jahr als Juror des Startwochenprojekts „ARTotale“ nach Lüneburg. Dabei wurden Streetart-Projekte von Erstsemestern filmisch begleitet und die Clips auf der Videoplattform „Youtube“ eingestellt. Ballhaus hat sich laut eigener Aussage „auf seine alten Tage“ nicht vorstellen können, dass ein User-generated-content-Projekt so gut funktionieren konnte. „Die Qualität der ARTotale-Clips hat Herrn Ballhaus gezeigt, dass sich die Trennlinie zwischen ‚Professionellen‘ und ‚Laien‘ in der Medienbranche dramatisch verschoben hat. Er unterstützte die Idee, diese Erkenntnis in ein großes Forschungsprojekt zu übertragen“, erinnert sich Keller.

Fernsehen 2.0 war geboren und Michael Ballhaus konnte von der Universität als Gastprofessor für die Mitarbeit an dem Projekt gewonnen werden. Das bereits laufende Kompetenztandem-Projekt aus dem EU-Großprojekt „Innovations- Inkubator“ (Univativ berichtete) ist eine Plattform, die nutzergenerierten Content im Medienkontext heute erforschen soll. Immer weniger Leute lassen sich heute von einem vorgegebenen Fernsehprogramm berieseln. Immer mehr stellen ihr eigenes Bewegtbild-Programm aus dem Internet zusammen. Fernsehen 2.0 soll aus einer Reihe von Spartenkanälen bestehen, die Ende des Jahres an den Start gehen. Laien, zum Beispiel aus Kirchenchören, Orchestern, Sportvereinen und Amateurtheatern, sollen motiviert werden, unter Hilfestellung redaktionell bearbeitete Beiträge auf der Plattform zur Verfügung zu stellen. Das nächste Ziel ist, herauszufinden, wer sich das anschaut, wann und warum. Wie verhält es sich, wenn jeweils wenige Leute ein hohes Seh-Interesse an einzelnen Clips haben? Zum Beispiel das Elternteil, das es schon wieder nicht zum Fußballspiel seiner Tochter geschafft hat, aber den Sturm der Kleinen im Fernsehen 2.0 „nachschlagen“ kann. Dabei kommt Michael Ballhaus die Rolle des obersten Qualitätscontrollers zu. „Er ist der Einzige hier an der Universität, der künstlerische Gestaltung mit der Kamera in einer Weise versteht und unterrichten kann, wie man sie braucht, um dieses Projekt zu begleiten. Ohne Ballhaus geht’s nicht“, erklärt Keller.

Die Gastprofessur bedeutet in seinem Fall, dass er sich als wissenschaftlicher Projektleiter einsetzt, auch in einem zweiten, von Fernsehen 2.0 unabhängigen Projekt The Future is Now. In diesem Rahmen werden Kurzfilme produziert, die Anregungen liefern, was man persönlich tun kann, um dem Klimawandel entgegen zu wirken. Fünf WissenschaftlerInnen vom Institut für Umwelt- und Nachhaltigkeitskommunikation überprüfen die fachliche Qualität der Themen und Skripte der Filme.

Leider wird der berühmte Kameramann weder reguläre Kurse geben noch ein Büro und Sprechstunden haben. So wird der mit dem Ausscheiden von Walter Uka und der baldigen Emeritierung von Prof. Dr. Faulstich dramatisch unterrepräsentierte Bereich Film in der Lehre erst mal nicht langfristig neu besetzt. Dafür wird eine Sendeplattform mit Studios und kompletter Technikausrüstung gebaut, die auch für studentische Projekte offen ist. Wenn sich das hoch gelobte filmische Talent der „Leuphanten“ weiterentwickelt, bekommt „Rote Rosen“ also bald Konkurrenz. Von Fabienne Erbacher

8. November 2010

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