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Kaltenmoor im Mondschein

Die Initiative „Moonlightssports“ in Lüneburg. Ali (14) kommt hierher, weil er zuhause nichts Besseres zu tun hat. Yussuf (18) macht gern Sport und Kevin (10) liebt Fußball über alles. Die Jungs wohnen in Kaltenmoor und besuchen regelmäßig das Sportprogramm „Moonlightsports“. Zu einer Uhrzeit, zu der Turnhallen eigentlich geschlossen sind, öffnen sich in der Sporthalle der Haupt- und Realschule Kaltenmoor an drei Tagen in der Woche die Türen. Von 21 bis 24 Uhr können die Jugendlichen Fußball spielen, Trampolin springen oder, laut Ali, auch „einfach nur Bankwärmer“ sein.

Dass dieses Projekt in Kaltenmoor entstand und auch heute noch dort seinen Hauptsitz hat, ist kein Zufall. Kaltenmoor wird oft als sozialer Brennpunkt Lüneburgs bezeichnet, den dort lebenden Jugendlichen wird mit Vorurteilen begegnet. Tatsächlich waren Gewalt und zunehmende Sachbeschädigung in diesem Stadtteil Auslöser für das Konzept „Moonlightsports“. 1997 entstand die Idee, Jugendlichen ein kostenloses Sportangebot zu bieten. Mit Hilfe sportlicher Betätigung soll sich potenzielle Gewalt in faires Spiel verwandeln.

„Ob sich die Gewalt tatsächlich verringert hat, wissen wir nicht“, meint Niclas Schmidt. „Um die Kids, die hier sind, müssen wir uns eigentlich keine Sorgen machen. Schade ist es um die, die nicht hier sind.“ Der 22-jährige KuWi-Student ist seit einem Jahr bei „Moonlightsports“ tätig. Zusammen mit circa 20 anderen Studierenden betreut und organisiert er das Projekt. Die Arbeit ist ehrenamtlich und eine Mischung aus Sozialpädagogik und Sport. „Hinter all den Jungs stecken Geschichten. Es sind Menschen, denen wir in der Gesellschaft selten begegnen, aber es ist spannend, diese Menschen kennen zu lernen“, berichtet Niclas. Die Arbeit bei „Moonlightsports“ besteht für ihn nicht nur daraus, Bälle auszuleihen, die Halle abzuschließen und bei Konflikten einzugreifen. „Für mich bedeutet die Arbeit hier auch, dass ich mir die Geschichten anhöre, mit den Jungs über ihre Probleme spreche und versuche, Lösungen zu finden.“ Viele der Vorurteile über Kaltenmoor seien teilweise überspannt und für die Jugendlichen sei es nicht einfach, in diesem Geflecht aus Vorurteilen und ihrer eigenen Realität zurecht zu kommen. Um auch in der Gesellschaft Präsenz zu zeigen, finden daher regelmäßig Events statt. Neben Fußballturnieren und Grillabenden wurden im letzten Sommer beispielsweise ein Kistenklettern im Kurpark und eine „Moonlightfreizeitnacht“ im Freibad Neu Hagen veranstaltet.

Die Resonanz auf das Projekts ist groß: In Kaltenmoor kommen circa 50 bis 60 Jugendliche regelmäßig zu „Moonlightsports“. Das Konzept ist heute auch in anderen Stadtteilen Lüneburgs vertreten, doch nirgends ist der Zulauf so groß wie in Kaltenmoor. „Sobald jemand Neues hierher zieht, wird er von einem Cousin oder einem Kumpel gleich mitgebracht“, erzählt Niclas. Das Alter der Teilnehmenden variiert: Die Kleinsten sind zwischen acht und zehn, die Ältesten sogar um die 30.

Es sind hauptsächlich Jungen, die das Angebot wahrnehmen, Mädchen schauen hier selten vorbei. „Es gab mal ein Tanzprojekt, was sich speziell an Mädchen gerichtet hat. Es soll demnächst auch wieder aufgegriffen werden“, erklärt Niclas. Die Wahl der Sportart ist den Jugendlichen selbst überlassen. Fußball ist unter den Großen sehr beliebt, die Kleineren gestalten ihren Abend eher im Freestyle. Ali mag Ringen am liebsten. Er kommt jeden Freitag hierher und in den Ferien an allen drei Terminen. Man merkt, dass die kleinen und die großen Jungs sich gerne hier aufhalten.

Von Sarah El Safty

30. April 2011

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