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Ist das Kunst oder kann das weg?

Unterwegs mit der Hochschulpolitischen Campusführung. Wenn die Leuphana den Bachelor-Infotag ausruft, wird die Hälfte der Mensa abgesperrt. Institutionen blockieren den Hörsaalgang. Fremde Menschen stellen merkwürdige Fragen. Der Allgemeine Studierendenausschuss montiert einen Aufsteller: „Hochschulpolitische Campusführung. 12:30 Uhr. Heute. Hier.“ Gespannte Blicke. „Was ist das? Ist das vielleicht so was Kritisches? Werden da negative Sachen erzählt?“ „So ein bisschen schon.“

Hochschulpolitische Campusführungen werden zu besonderen Anlässen seit zwei Jahren vom AStA angeboten. Ursprünglich nahm sich das Politikreferat der Idee an, einen außerhalb offizieller Programme stehenden Rundgang auf dem Campus anzubieten. Nach der Referatsfusion mit dem Öko- und dem PR-Referat übernahm das Referat für Nachhaltige Öffentliche Aktionen (NOA) diese Aufgabe. Ziel ist es, einen Blick von Studierenden für Studierende auf den Campus zu werfen. Der Peer-Ansatz wird angenommen. Rückmeldungen von TeilnehmerInnen der Führungen in der Erstsemesterwoche bescheinigen, dass Studierende den Campus in kurzer Zeit intensiv wahrnehmen und die Führungen als pädagogisch wertvoll erleben.

Am Bachelor-Infotag 2011 stehen eine Gruppe Osnabrückerinnen und eine Familie aus Berlin am Treffpunkt. AStA-Sprecher Julian Frey, neu gewählt, eröffnet die Campusführung. Matthias Fabian und ich von NOA begleiten ihn.

Die Führung erreicht das Biotop. Es ist noch Winter. Verdorrte Gräser liegen unter den kahlen Obstbäumen. Der Blick erhebt sich in den Himmel. Irgendwo da oben soll nach Ende der Bauphase 2014 der höchste Punkt vom Audimax liegen. Fremde auf dem Campus erhalten die Gelegenheit, eigene Vorstellungen davon zu entwickeln, wie die Leuphana, bekanntlich eine der innovativsten Hochschulen in Deutschland, in vier Jahren aussehen wird. Die Campusführung hat die Aufgabe, Projekte zu hinterfragen. So ist NOA daran gelegen, nach dem Sinn zu fragen, den das Zentralgebäude für Studierende hat, auch für jene, die bis dahin nur die Bauarbeiten erleben werden. Ist das Audimax finanziell überhaupt abgesichert? Braucht diese Universität noch mehr Räume? Wie verändert ein herausragendes Gebäude einen Ort?

Später schlendert die Gruppe an Hörsaal 5 vorüber, einem Bunker, der inmitten von Kasernenhäusern liegt. Seine Rückseite ziert eine farbliche Gesamtkomposition aus schwarzen und weißen Farbbombenwürfen. „Das ist ein künstlerisches Objekt, das während der Startwoche 2009 entstand“, erklärt Julian Frey. Die gutbürgerliche Berliner Familie, die in der Landeshauptstadt schon alle künstlerischen Methoden live erlebt hat, protestiert. „Das ist doch ein Brandfleck! Jemand hat die gesamte Hauswand bei Bauarbeiten verschandelt! Wann machen Sie das denn weg?“ „Ist-das-Kunst-oder-kann-das– weg?“, kommt uns von NOA in den Sinn. Ich fange den Kulturschock auf. „Das ist ein eigener Stil! Das ist wirklich Kunst!“ „Das sieht aber komisch aus.“

Campusfremde kommen an einem einzelnen Tag nur selten an den Orten vorbei, die in den medial inszenierten Startwochen von Bedeutung waren. Dazu zählen Kunstwerke, mit denen nicht gerechnet wird. Es entstehen Diskussionen, die an anderer Stelle nicht stattfinden. Eine kritische Auseinandersetzung schärft die Möglichkeit, sich mit der Universität identifizieren zu können. Meine Erfahrung als Aktive bei den Campusführungen bestätigt, dass Prozesse echter Aneignung initiiert werden. Es entstehen Gefühle und Eindrücke, Teil einer Sache zu sein.

Von Heike Hoja

30. April 2011

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