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Israel außerhalb des Nachrichtenteils

Umweltwissenschaftler erkunden Israels biologische und kulturelle Vielfalt

„Blutiges Attentat in Israel: Ein Palästinenser tötete in einer jüdischen Religionsschule in Jerusalem acht Israelis, bevor er selbst erschossen wurde; dutzende Schüler wurden verletzt.“ Auf einer Internetseite lese ich diese Zeilen am 07. März 2008- einen Tag vor Antritt unserer zwei wöchigen Ökologie- Exkursion ins „gelobte Land“.

08. März 2008
Im Flughafen werden einige unserer Männer aufgrund unverkennbarer Bösewicht-Kriterien wie schwarzen Jacken oder langen Haaren untersucht. Es ist Freitagabend und Sabbat (sprich: Schabbat)- die Straßen sind wie ausgestorben. Um 2:00 Uhr erreichen wir die „Field School Meron“. Das metallene Tor schiebt sich ächzend zur Seite.

09. März 2008
Am Morgen erwache ich in einem Barby- pink gestrichenen Bungalow. Unser Hausbaum, eine kleine Palme, erinnert an eine genmanipulierte Riesen- Ananas. Rote Anemonen sprießen aus rötlich- trockenen Erdbrocken. Die Sicht auf die umliegenden bewaldeten Berge ist grandios. Im „dining room“ ein ungewohnt lebendiges Gewühl: Menschen in legerem Jogginglook und Gewehr tragende Gruppenleiter laufen am Buffet durcheinander. Verbrannte Croissants, braun angelaufenen Eier, einige Joghurtsoßen und Rohkostplatten stehen dort. Am Tisch erfahre ich, die Sabbat- Spezialitäten, eine Nacht lang gekochte Eier und ebenso lang gebackene Teigtaschen, verschmäht zu haben: Interkulturelle Inkompetenz?

10. März 2008
Die Straße schlingt sich in Serpentinen um die Berge. Wir fahren durch das Drusen- Dorf „Majdal Shams“ an der syrischen Grenze. Frauen mit gegerbten Gesichtern und bunten Kopftüchern schwingen singend hauchdünnes Brot über ihren Herden, die aussehen wie große metallene Kissen. Ein Traum für jeden Geo- Fotografen! Dieses Gebiet- die Golanhöhen- ist seit 1967 von Israel besetzt. Die Menschen hier haben jedoch noch ihren syrischen Pass.
Unser Ziel ist ein mit seinen Holzbalkonen an die Schweizer Alpen erinnerndes Ski-Gebiet. Trotz des Schnees lassen sich auch hier Käferstudien durchführen. Schon bald sieht man ein vertrautes Bild: Drei Käferforscher, einer von ihnen ist unser Professor Thorsten Aßmann, wenden konzentriert Stein um Stein- bewaffnet mit einer kleinen Harke. Lauert eine noch unbekannte Spezies dahinter?

12.März 2008
Auch am nächsten Tag reisen wir mit völlig anderen Absichten als die Pilgernden. Bei subtropischen 35 Grad Celsius folgen wir den Bustouristen zum „Sea of Galilee“, besser bekannt als See Genezareth.. Auf dem Wasser dümpelt eine Handvoll sog. „Jesus“- Boote.
Wir schlagen einen Trampelpfad ein. In gewohntem Schritt-für-Schritt-Tempo bewegt sich der Gänsemarsch vorwärts, denn: Alle drei Meter eine neue Entdeckung. Etwa ein Oxythyrea funesta, der in Alkohol getränkt sein letztes Lebenszeichen von sich gibt, um sich später als Käfermus einer DNA- Analyse zu unterziehen. Weitere spektakuläre Entdeckungen sind zwei Agarven- kleinen Drachen ähnliche Reptilien, die wie versteinert auf den sonnenheißen Felsen sitzen.
Als das wissenschaftliche Soll für diesen Tag erreicht ist, zieht es die Kulturhungrigen zu einer römischen Ruine während der Rest ein Bad in den heiligen Gewässern vorzieht.
Vorbei am „Mt. Beatitudinis“, dem angeblichen Ort der Bergpredigt, geht die Fahrt weiter zum Hula- Valley. In dem geschützten Feuchtgebiet, kommen wir gerade rechtzeitig zur Fütterungszeit (!) der Kraniche, für die eine Zuschauertribüne langsam eingerollt wird- Naturschutz einmal anders…

13.-15. März 2008
Auf einer vierspurigen Straße rollen wir neben wenigen arabisch anmutenden Fahrern und neben Kippah tragenden Familienvätern und Managern, durch die hupende dicht befahrene Dunkelheit. Auf dem Weg nach Jerusalem scheint dieses Land um weitere Dimensionen zu wachsen. Einer davon ist der Konflikt. Da wirken die dicken und hohen Mauern um unser christlich-deutsches Kloster schon fast beruhigend. Vom Dach aus überblicke ich die Stadt- die goldene Kuppel des Felsendoms erstrahlt im Licht.
Ein paar Stunden morgendliches Feilschen auf dem „Souq“ reichen, um in diese exotische Welt einzutauchen, die am massigen Damaskus-Tor beginnt und durch ein enges, z.T. überbautes Gassenlabyrinth führt. Ein Blick auf den arabischen Markt: Gewebte, glitzernde Tücher und Pumphosen. Billige Plastikschuhe. Bunte Gewürze türmen sich kunstvoll zu Pyramiden. Ein Junge formt mit zwei Löffeln binnen wenigen Minuten Berge von Falafeln. Auf einem Teppich im Schneidersitz hockend bewacht ein Verkäufer seine roten Rüben und Kräuterbunde. Ein Mann mit einem Riesenblech Fladenbrot bahnt sich den Weg vorbei an Händlern mit großen Karren. Marktleute debattieren lautstark.
Die Tour mit einem palestinensischen Begleiter in die Westbank, d.h. die nahe gelegenen Autonomiegebiete, bietet den Mitfahrern erschütternde Einblicke in die Lebensbedingungen der dort lebenden PalestinenserInnen. Da ich selbst an dieser Tour nicht teilnahm und sich die komplexen politischen Zusammenhänge nicht kurz darstellen lassen, soll ein Foto, das zwischen Jerusalem und Ramallah geschossen wurde, als Eindruck von der dortigen Situation genügen, die teilweise mit dem Leben in einem Ghetto vergleichbar ist.

 Zu späterer Stunde geht es groteskerweise ins „Peace- Land“, ein arabisches Restaurant mit Sofas und Wasserpfeifen-Gästen, in das man über Perserteppich belegte Treppenstufen gelangt. Als der Tour- Begleiter auftaucht, sorgt er als Stammgast dafür, dass eine kleine Party für uns veranstaltet wird. Der weiße Tabaknebel, die traditionellen Gewänder als Raumschmuck und dazu die arabischen Trommelbeats lassen alles irgendwie unwirklich erscheinen. Ein unnachahmbarer rasend schneller Tanz, den traditionell jeder kleine Junge lernt, wird aufgeführt.. Die Instrumente wimmern. Mir scheint, als hätte ich selbst die steinige, rot staubende Wüste mit ihren kargen Klippen, ihrem Geröll und ihrer Menschenleere schon zu Gesicht bekommen. Nicht ahnend, ihr in Jerusalem wirklich so nahe zu sein.

 15./16. März 2008
Wir erreichen auf gut ausgebauten Wüstentrassen das Tote Meer- ohne sichtbares Leben da liegend wie ein uraltes Gemälde in türkis-grau. Am Ufer weiße Salzablagerungen. Unsere Trekking-Sandalen tragenden Füße treiben an der Wasseroberfläche. Relativ unbeholfen und vorsichtig wie einst im Chemielabor plantschen wir, denn so ein Spritzer gesättigte Salzlösung im Auge ist weniger witzig wie ein Hineinrennender beweist.
4:30 Uhr- wie vereinbart, Zeit, aufzustehen. Der Sonnenaufgang wartet nicht. Um 6:30 Uhr öffnet endlich das immer und überall vorhandene Gate zur ehemaligen jüdischen Festung „Masada“. Diese Ruine liegt auf einem einzeln stehenden Berg im Judäischen Gebirge. 700 Stufen, 350 Meter Höhe und 2 Kilometer liegen vor uns. Doch der Blick auf den roten Gebirgszug Jordaniens am gegenüber liegenden Ufer belohnt den Aufstieg bei langsam hervor kriechender Sonne. Oben angekommen haben wir weiter das Glück, dass gerade ein jüdischer Gottesdienst gefeiert wird…

18. März 2008
Die vorletzte Station ist das mitten in der Wüste liegende „Kibbutz Ketura“, wo nicht nur gemeinsam gelebt, versorgt und gearbeitet, sondern auch geforscht wird. Wir kommen in den zweifelhaften Genuss vollklimatisierter Räume und lernen eine nur durch erhebliche Bewässerung mögliche Landwirtschaft kennen- Über Nachhaltigkeit lässt sich auch hier streiten. Um solche Fragen der nachhaltigen Wasserbewirtschaftung geht es u.a. im angegliederten „Arava Institute“. Einmalig in Israel ist hier die Internationalität der Studierenden, die z.B. auch aus Jordanien kommen- ein guter Ansatz, um den Friedensprozess zu fördern.

20. März 2008
Wir haben die südlichste Spitze Israels erreicht. Hier ist die ägyptische Grenze ganz nah. Die Stadt Eilat hat alles, was das Pauschaltouristenherz höher schlagen lässt- vom sieben tägigen Jahrmarkt an der Strandpromenade bis hin zu allerlei blinkenden Vergnügungsstätten. Aber es gibt auch ein wirkliches Highlight: Schnorcheln im Roten Meer! Nach einigen prustenden Anlaufschwierigkeiten tauche ich unter und sehe durch das grünlich- klare Wasser auf den ca. zwei Meter tiefen Meeresboden hinab. Inmitten eines mir entgegen kommenden Fischschwarms gleite ich an einem dunklen Korallenriff vorbei.
Dieser und viele andere Tage gingen sofort ins Langzeitgedächtnis über, soviel Fremdes gab es zu erleben- sogar wenn wir bei unserer Tour quer durch das Land stundenlang aus dem Autofenster starrten: Geduckte Dornenwälder, blühende Mandelbaumplantagen, Blechtonnen gesicherte Abgründe, die den Blick auf ausgebrannte Autowracks frei gaben. Blumenmärkte der Beduinen am Straßenrand, Kamele, soldatische Tramper.
Die Reise nach Israel hatte mich zwar im Vorfeld wegen der März- Ereignisse einige Nerven gekostet- doch vor Ort löste sich dieses Gefühl schnell auf und ich würde mich auch ein zweites Mal für dieses Ziel entscheiden.

Christiane Hinck

 

 

2. Februar 2009

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