Introvert gone wild! – Beim Loco Hansen
Ausprobiert, Titelblatt

Introvert gone wild! – Beim Loco Hansen

Mein letzter Ausgang für dieses Jahr führte mich nicht nur auf eine Weihnachtsfeier, sondern auch in den exotischen Salon Hansen. Mit der Partyreihe Loco Hansen wagte ich mich in die fremde Welt des Latin und sollte feststellen, dass sie ganz lustig sein kann, auch wenn mir jeglicher südamerikanischer Flair und sexy Hüftschwung fehlten.

Man vermag zu meinen, dass man im Nachtleben gar besser werden kann. Mein dritter und letzter Ausgang für diese Kolumne dieses Jahr war die volle Ladung von all den Dingen, die mich sonst eher zu Hause bleiben lassen. Und ich muss sagen, ich hatte sogar Spaß.

Ich war eingeladen zur Weihnachtsfeier von Jana, der Klassiker um diese Zeit. Während die WhatsApp-Gruppe irgendwann zur Reklametafel für jegliche Initiativabende wurde (ebenfalls ein Klassiker), schummelte sich irgendwo dazwischen noch eine Nachricht von Jana, sie würde nach dem Get-Together noch zum „Loco Hansen“ gehen. Die Meinungen zu dieser Partyreihe spalten sich, das wusste ich, doch ich war noch auf der Suche nach dem nächsten Lüneburger Abenteuer, also wollte ich mir das nicht entgehen lassen. Dafür mache ich den Spaß ja.

Eine bahnbrechende Erkenntnis

Ich strugglete zwischen Weihnachtsfeier- und „Loco Hansen“-Outfit, finde irgendwann aber die richtige Kombi. Janas WG hatte geschrieben, man könne gerne was für das Buffet mitbringen. Ich ging also auf’s Ganze und kaufte die Haferkekse beim Penny. Ich quetschte sie in den Flaschenhalter meines Fahrrads und fuhr mal wieder durch das kalte und dunkle Lüneburg. Meine Überpünktlichkeit machte mich auch dieses Mal zu einem der ersten Gäste und Jana belächelte im Türrahmen meine Zuverlässigkeit. In der Küche saßen die ersten zwei Gäste, eine Ergotherapeutin und ein VWLer, und auch ich ließ mich auf das Sofa fallen (nur WGs haben Sofas in ihren Küchen, I figured). Ich präsentierte stolz meine Kekse, die bald in Vergessenheit gerieten, während alle fröhlich die selbstgebackenen Spinatschnecken und Salate aßen.

Die Küche wurde immer voller und ich mal wieder immer leiser. Ich ärgerte mich über das immer (naja, oft) gleiche Phänomen, dass ich meine Stimme verliere, sobald sich ein Raum mit redseligen, fremden Leuten füllt. Ich muss Situationen häufig erst mal einsortieren, bevor ich warm werde, fühle mich dann selbst immer furchtbar fremd und verstehe nicht so ganz, was mich zurückhält. Dies sollte der Abend werden, an dem ich meine starke Abneigung gegen Gesellschaftsspiele ablegen sollte. Dies sollte der Abend werden, an dem ich zum ersten Mal in meinem Leben die Vorzüge von diesen eisbrechenden Aktivitäten verstand. Wir spielten „Wer bin ich?und ich hörte sofort auf, mir den Kopf über Small Talk zerbrechen zu müssen und wie um Gottes Willen man neue Menschen besser kennenlernt. Jetzt weiß ich wie. Allein für diese bahnbrechende Erkenntnis hatte sich der Abend schon gelohnt.

Wer bin ich?

Während ich also halb vergeblich aber mit viel Amüsement zu erraten versuchte, wer ich sein sollte, schlug die Uhr plötzlich zwölf. Es war offiziell. Dies würde mein bisher längstes Abenteuer in dieser Kolumne sein, denn es stand noch ein ganzes Tanzvergnügen vor uns. Nachdem ich als Letzte in diesem Spiel noch immer meiner Selbst zu erraten versuchte, fanden wir uns zu sechst auf dem Weg zum Salon Hansen. Jana war entzückt und jubelte neben mir über diesen seltenen Anblick. „Ich bin selbst unfassbar erstaunt, wie wach ich noch bin“, lache ich. „Wieso ist das so ein Ding?“, fragt Jonas in unsere Aufregung. „Ich gehe eigentlich nie feiern“, erkläre ich.

„Aber du warst schon mal auf einer Party, oder?“, Jonas und ich stehen vor der Garderobe im Hansen und er wirkt sichtlich beruhigt, als ich bejahe. Von außen sah es ziemlich leer aus, die Tanzfläche jedoch war voll und die Leute bereits verschwitzt. Latin war Neuland für mich, Dancehall schon eher tanzbar. Wir stürmten sofort die Tanzfläche und ich muss sagen, die Musik hatte meine Erwartungen übertroffen. Ich tanzte, bis meine Beine zu zittern begannen. Etwas, was ich lange nicht mehr erleben musste, war das schmierige Antanzen von fremden Männern, die auch dann nicht gehen, wenn man deutlich signalisiert, dass man kein Interesse daran hat. Ein stetes Phänomen, das Tanzen gehen oft unattraktiv macht. Ich versuchte weiter, die unangenehm nahen Körper zu ignorieren, bis sie unsere Gruppe endlich in Ruhe ließen.

Man soll gehen, wenn es am schönsten ist

„Hey, Anna! I didn’t know you go to parties!“, ein Bekannter schleicht sich von der Seite an. „I don’t!“, versuche ich ihm weiszumachen, damit er ja nicht auf die Idee kommt, das wäre eine Option. Das ist das gefährliche Spiel mit diesem Experiment. So schnell wie er kam, verschwand er wieder von der Tanzfläche (pun intended?). Jonas ist so lieb, aber scheiterte kläglich daran, mir einen Latin beizubringen. Das mit den Paartänzen habe ich schon vor langer Zeit aufgegeben. Schon in der 8. Klasse, als Felix mich auf Klassenfahrt zum Discofox aufforderte. Seitdem verzweifeln Menschen regelmäßig daran, mich einer Schrittfolge und Drehungen vertraut zu machen.

Ich schaute auf mein Smartphone, zwei Uhr. Puh, reicht dann eigentlich auch, oder? Mein Oberteil klebte schon an mir, die Doc Martens waren viel zu viel. Aber ich muss zugeben, dass ich wirklich Spaß hatte. Ich verabschiedete mich von der Runde, Jonas guckte irritiert, es sei doch noch so früh. Vorbei an der Theke, lief mir der Typ von vorhin nochmal über den Weg: „Are you going already?! Why?“ Ich muss es ja nicht übertreiben. Lieber gehen, solange es noch Spaß macht und nicht in Unmut umschlägt, wie sonst so oft. Zu Hause geht es erst mal unter die Dusche, dann wieder ab ins Bett. Nach solchen Nächten fällt das Schlafen allerdings besonders schwer, weil ich so aufgekratzt bin und sich der ganze Abend in meinem Kopf wiederholt. Nach fünf Stunden Schlaf kann der Sonntag dann starten.


Foto: (c) Salon Hansen / ClubKulturWerke GmbH

19. Dezember 2019

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Anna Stojan Schreibt in ihrer Kolumne über ihre ersten Erfahrungen im Lüneburger Nachtleben. Genießt sonst eher das Tageslicht und, ganz uneingebildet, ihre eigene Gesellschaft.


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