Introvert gone wild! – Auf der „LitClitNight“
Ausprobiert, Titelblatt

Introvert gone wild! – Auf der „LitClitNight“

Mein erstes Abenteuer führt mich in dunkle, abgeschiedene Kellerräume voller Klitoris. Wieso ich dabei jetzt immer an Zimtschnecken denken werde und was für Herausforderungen und Eindrücke bereits auf mich warteten, lest ihr in der neuen Kolumne.

Eigentlich wollte ich nur ehrenamtlich den Eintritt machen. Als ich mich vor wenigen Wochen in den Zeitplan eintrug, fand ich mich schon wahnsinnig abenteuerlustig. Schicht von 21 bis 23 Uhr. Ha! Das ist aber ganz schön spät. Wirklich bereut habe ich es, als ich dann Samstag nach etlichen Folgen Queer Eye und selbstgebackenen Zimtschnecken doch nochmal die Wohnung verlassen musste. Don’t get me wrong, ich war sehr gespannt, was mich auf dieser Underground-Party erwartete, aber ich wünschte mir in diesem Augenblick, ich hätte dieses Experiment nicht im Wintersemester angefangen…

Ich zog also meine Winterstiefel an, Wintermantel, Schal und Mütze. Es war schon seit fünf Uhr dunkel draußen und wie bei allen waschechten Lüneburger Student*innen wird ab 20 Uhr jeder Weg ausnahmslos mit dem Fahrrad bestritten. Noch so ein Grund, warum ich abends so ungerne rausgehe: Ich werde so unfassbar faul, sobald es dunkel wird, dass mich schon der Gedanke irgendwo hinzufahren Überwindung kostet – aber dieses Zurückfahren! Gedanklich jedes Mal die Folter. Mit dieser Vorfreude stapfte ich mit meinem Fahrrad raus in die Welt und fuhr Richtung Altstadt. Und da stand ich nun. Die Location war so underground, dass ich sie einfach nicht finden konnte.

Hasstirade ans Universum

Ich lache über mich selbst, während ich die Straße ein paar Meter rauf und runter laufe. Ich schwöre, diese Hausnummer gibt es hier nicht. Meine Schicht fängt in wenigen Minuten an und ich habe nicht den leisesten Schimmer, wohin mit mir. Passanten gucken mir schon im Vorbeigehen gespannt zu. „Hey, ja, ich bin ziemlich lost“, denke ich mir und winke ihnen in Gedanken wedelnd zu. Okey, noch einmal die Straße zurück. Ich bin viel zu uncool für eine Underground-Location, gebt mir eine vernünftig ausgeschilderte Wegbeschreibung! Zwei Frauen fahren auf Fahrrädern an mir vorbei. Ich identifiziere sie als Studentinnen, während sie in einen Hof einbiegen. Uh, ich glaube, denen folge ich mal.

Ich sende eine kurze Hasstirade ans Universum, als ich an der Hauswand zum Hof die verloren zu scheinende Hausnummer entdeckte. Witzig, wirklich witzig. Die Frauen biegen noch ein paar Mal ab, bis wir uns alle wieder in einem Hinterhof zusammen finden. „Ich folge euch einfach mal klammheimlich“, sind meine ersten Worte an die völlig fremden Frauen und ich freue mich wie immer über meine ausgezeichneten Skills, besonders seltsame erste Sätze zu wählen. Aber die beiden sind super nett und ich jammere kurz über mein Versagen, die Location zu finden, während wir zusammen die shady Kellertreppe runtergehen. Interessantes erstes Experiment für diese Kolumne, Anna. Go hard or go home. Ist ja nicht wahr, ich verbringe die ersten zwei Stunden erst mal mit Eintritt. Eigentlich ein super entspannter Einstieg. Man lässt Leute rein, muss nur kurz mit ihnen quatschen, ihnen Geld abziehen und gut ist.

Leuchtende Klitoris am Ende des Tunnels

Wir gehen also zusammen die Kellertreppe runter und uns lächelt der Titel der Party entgehen: LitClitNight. Irgendwie cool und irgendwie bin ich sehr gespannt, was mich erwartet. Drinnen wird man erst mal von einem Vulva-Vorhang begrüßt. Die Kellerräume sind ziemlich verwinkelt, aber ich folge einfach den Stimmen. Nach der Garderobe findet man sich zunächst in einem Ausstellungsraum wieder. Eine riesige leuchtende Klitoris strahlt mir an der Wand entgegen – ziemlich fancy. Daneben hängen diverse Fotos von Vulven an der Wand und Flyer von der Decke. Im nächsten Raum steht die Bar und es finden sich weitere Illustrationen an den Wänden. Es ist noch wunderbar leer, nur die Organisator*innen und ein paar Helfer*innen sind schon da. Weiter im nächsten Raum ist der kleine, süße Dancefloor, ich entdecke noch einen zweiten Klitoris-Vorhang. Der letzte Raum ist die Sekt-Höhle, aus der ich schnell wieder verschwinde, weil sich dort schon einige Leute tummeln. Ich gehe zurück zum Eingang.

Dort werde ich erst mal instruiert, während ich mich auf das Klo in der Wandnische setze (kein Witz – siehe Foto). Ich bin versucht, die Klospülung auszuprobieren, beherrsche mich dann aber doch. Es kommt ein kunstvoll gekleideter Mensch nach dem anderen rein, ich spüre viele 90s-Vibes und Glitzer. Ich freue mich über jeden Stempel, den ich den Menschen auf das Handgelenk drücken darf, denn jedes Mal schmücke ich die Leute mit einer kleinen schwarzen Klitoris (der rote Faden wird sichtbar. Und während ich das schreibe, kichere ich wieder still in mich hinein und denke an Tampons). Eine Organisatorin bringt uns eine Wärmflasche vorbei, weil es trotz Wintermantel und Schal unfassbar kalt ist. Ich quatsche mit meiner Schichtkollegin und bin froh über die One-on-one-Situation. Währenddessen lehne ich meinen Kopf immer wieder an den Spülkasten vom Klo. Mein Kopf dröhnt eigentlich schon den ganzen Abend latent, der Bass der Musik hilft nicht besonders und das ist das Einzige, was von drüben her hallt. Aber ich schlage mich wacker. Schon ist es 23 Uhr.



Die zwei Stunden vergehen ziemlich schnell und unaufgeregt. Eine Freundin von mir, nennen wir sie Jana (Anonymität und so), schneit durch die Tür herein, worüber ich mich besonders freue – weil ich mit ihr definitiv noch ein bisschen an der Partyluft schnuppern werde, die, wie sich später rausstellte, vor allem ziemlich feuchtwarm war. Nachdem wir die nächste Schicht eingewiesen hatten und ich meinen Wintermantel abgegeben hatte, ging es also los. Die Räume waren mittlerweile voller, aber noch gut begehbar. Ich lasse mir Janas leere Flasche erst mal mit Leitungswasser füllen, mein Partygetränk schlechthin. Abgesehen von meinem Durst ist eine Flasche in der Hand auch immer äußerst beruhigend auf Partys. Wir gucken uns nochmal alle Kunstwerke von Fotos über Illustrationen bis Stickereien an – eine sehr kultivierte Veranstaltung. An einer Wand stehen Flirttipps, die mir sagen, ich müsse aufpassen, niemanden zu belästigen. Danke, my everyday story.

Von Vulven zu Zimtschnecken

Auf dem Dancefloor legen gerade Nailposh auf und ich als Fachfremde habe keine Ahnung, was für Musik das ist. Ich bin neugierig und jage Jana mit mir durch den Klitoris-Vorhang – schon kurz unangenehm. Der führt direkt zur Tanzfläche und ich zucke bereitwillig mit den Achseln und tanze los. Die Musik ist nicht ganz mein Ding, aber ich bleibe dran. Ganz vorne am Pult sammeln sich die 90s-Looks mit Filas, Netzoberteilen, und Mini-Handtasche, während es nach hinten immer mehr 0/8/15 wird. Ich tanze vor mir her, vergesse kurz, dass ich mit einer Aufgabe da bin, was gut ist. „Zu Hause esse ich auf jeden Fall noch eine Zimtschnecke!“, schießt mir durch den Kopf und ich bin darüber aufgeregter als ich vielleicht sein sollte. Ich merke nach einiger Zeit, dass Jana von der Musik nur wenig angetan ist, sie bleibt lustlos stehen. „Willst du gehen?“, rufe ich ihr ins Ohr. Wir verlassen die Tanzfläche zurück durch die Klitoris. Die Räume haben sich derweil noch mehr gefüllt, was Jana fast noch mehr zu schaffen macht als mir. Wir holen beide unsere Jacken und gehen ein letztes Mal durch die Eingangsklitoris nach draußen.

Ich packte mich wieder in Mütze, Schal und Handschuhe und freute mich nach der immer selben Angst, dass mein Fahrrad noch da war. Es ist kurz nach Mitternacht, als ich durch unsere Wohnungstür komme. Ich bin ganz ehrlich ziemlich glücklich, dass es noch nicht so spät ist. Ich laufe direkt in die Küche und nehme mir eine Zimtschnecke. Die Freude ist groß. Noch einmal lächle ich über den lustigen Stempel auf meinem Handgelenk. „Ein solider Anfang“, denke ich mir, nachdem ich mich in Windeseile im Bett wiederfand. Mal sehen, was als nächstes kommt.


Fotos (c) privat

28. November 2019

About Author

Anna Stojan Schreibt in ihrer Kolumne über ihre ersten Erfahrungen im Lüneburger Nachtleben. Genießt sonst eher das Tageslicht und, ganz uneingebildet, ihre eigene Gesellschaft.


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