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Ich glaub’ ich bin im Film: Als Praktikantin am deutschen Generalkonsulat in Toronto

„Hollywood des Nordens“ – das ist ein geläufiger Spitzname für Toronto. Denn: Toronto ist nicht nur die größte Stadt Kanadas, sondern nach Los Angeles und New York auch die größte Film- und Fernsehstadt Nordamerikas. Mein Reiseführer beschreibt das Filmphänomen Toronto so: „Hier sind ständig Kamerateams auf den Straßen anzutreffen und es kann durchaus vorkommen, dass man beim bloßen Herumschlendern auf Torontos Straßen von einer Filmkamera eingefangen wird.“ Schon richtig, aber das ist meiner Meinung nach nicht alles, was Toronto zu einer Filmstadt macht. Für mich ist Toronto selber ein einziger Film. Und egal ob ich auf den Straßen Torontos unterwegs oder bei meinem Praktikum im deutschen Generalkonsulat bin: Ich bin immer mittendrin im Film Toronto.
Der Film Toronto soll die Zuschauer nicht langweilen. Daher werden die alltäglichen Szenen, die dennoch typisch für Toronto sind, eher kurz gehalten. Das zeigt sich beispielsweise bei einem Tim Hortons Besuch. Tim Hortons ist ein kanadisches Fast-Food-Restaurant, mit leckeren Sandwiches, Suppen und Donuts, auf das man in Toronto an fast jeder Straßenecke stößt. Insbesondere zur Mittagszeit ist Tim proppevoll. Wichtige Tim Regel: Während des Stehens in der Schlange, um die Bestellung aufzugeben, sollte man sich bereits überlegen, was man essen möchte, denn der Zuschauer soll nicht unnötig mit Beratungsgesprächen gelangweilt werden. Heute sind 15 Leute vor mir in der Schlange, dennoch vergeht die Zeit wie im Fluge bis ich dran bin. „Next one, please!“ ruft mir die dunkelhaarige Dame an der hintersten Kasse zu. Schnell gehe ich zu ihr hin und ohne sich zu begrüßen, geht es dann los mit der Bestellung: „A regular sandwich combo“, sage ich (schon nach meinem ersten Tim Hortons Besuch in Toronto habe ich mir abgewöhnt auf Förmlichkeiten wie „I’d like to have“ und „please“ zu verzichten – das setzt die Verkäufer nur unnötig unter Stress). Sie: „sandwich?“ Ich: „turkey”. Sie: „whole wheat or white wheat?” Ich: „whole”. Sie: „mayonnaise, mustard, honey mustard?” Ich: „honey mustard“. Sie: „coffee?” Ich: „with milk“. Sie: „donut?“ Ich: „chocolate dip donut“. Während sie den donut in die ihre Kasse eintippt, kommt schon ihre blonde Kollegin mit dem Kaffee. Die Dunkelhaarige kassiert und schreit währenddessen schon: „Next one, please!“ Ich greife zu Donut, Kaffee und Sandwich und weg bin ich.

Obwohl Toronto eine Großstadt ist, geht es hier aber nicht immer hektisch zu. Das zeigt sich vor allem an dem so genannten „streetcar“ zu deutsch: Straßenbahn. Torontos Straßenbahnnetz ist gut ausgebaut. Wo das streetcar fährt, hält es an fast jeder zweiten Straßenecke, also sehr häufig. Daher ist es auch nicht schwer, eine Haltestelle zu finden. Doch es ist nicht klar, wann ein streetcar kommt, ob es überhaupt kommt. Manchmal warte ich eine Minute, manchmal aber auch eineinhalb Stunden. Diese Wartezeit dient allerdings dazu, dem Zuschauer zu zeigen, was für Darsteller im Film Toronto mitspielen: Über 100 Nationalitäten leben in Toronto, jeder zweite Mitbürger ist nicht in Kanada geboren. Natürlich spiegelt sich das an den vielfältigen Gesichtern der Darsteller wider. Zudem sind hier tausend Kleidungsstile anzutreffen – vom Anzugträger, über die Minirocklady bis zur geschmacklosen Achtzigerjahreoutfitträgerin – Tabus gibt es kaum. Kommt man dann in den Genuss in einem streetcar sitzen zu dürfen, fährt es im sehr gemütlichen Tempo von A nach B und hält an fast jeder Straßenecke. Denn entweder gibt es eine rote Ampel oder eine Haltestelle und manchmal auch einen Starbucks – da kann es durchaus passieren, dass den Fahrer der Kaffeedurst packt und er die Gelegenheit wahrnimmt, aussteigt und nach einigen Minuten mit einem „White Chocolate Mocha Frappuccino Light Blended Coffee“ zurück kommt. Und wenn das streetcar einen technischen Schaden hat, was keine Seltenheit ist, muss die gesamte Besatzung aussteigen und selber sehen wie sie nach B kommt. Die Zuschauer sind erheitert, die Darsteller verwundert, aber nehmen es gelassen – auch das ist typisch für Toronto.

Beim bloßen Rumschlendern in der Stadt, wechselt die Kulisse sehr schnell. In Downtown Toronto befinde ich mich in einer typisch amerikanischen Großstadt, dessen Stadtbild von Wolkenkratzern und Leuchtreklamen geprägt ist. Nur einige Straßen weiter bin ich dann plötzlich auf asiatischem Boden: In Chinatown. Edelboutiquen und viktorianische Häuser gibt es im schicken Yorkville, nach Italien komme ich in Little Italy, nach Griechenland in Greektown, nach Korea im Koreanerviertel und wenn ich einfach mal einen großen Mix möchte, bin ich auf der Queen Street richtig aufgehoben. Auch eine Urlaubskulisse ist in Toronto schnell geschaffen: Die Beaches im Osten der Stadt und die Toronto Islands befinden sich direkt am bzw. auf dem Lake Ontario. Er ist so riesig, dass man kaum an einen See denkt, sondern den Eindruck hat, am Strand auf das weite Meer hinauszublicken.

Die Hauptkulisse meines Torontofilms ist das deutsche Generalkonsulat. Hier schlüpfe ich in die Rolle der Praktikantin in der Öffentlichkeitsarbeit. Und die gefällt mir sehr gut – denn hier bekomme ich wahres Filmgeschehen hautnah zu spüren, ohne in böse Filmszenen selber verwickelt zu werden. Die zwanzig Darsteller, die das Personal des Konsulats stellen, reichen von der 19-jährigen Auszubildenden zum kurz vor der Pension stehenden Konsul. Alle zusammen sorgen sie von Drehbeginn um 8.00 Uhr bis 17.00 Uhr für allerlei Filmstoff – ein Drehbuch ist auch in diesem Teil von Toronto nicht nötig. Freundschaft, Liebe, Haß, Klatsch und Tratsch – hier wird kaum etwas ausgelassen, was einen guten Film ausmacht. Wer wen nicht mag, ist nicht immer offensichtlich, denn ein bisschen Unklarheit macht natürlich jeden guten Film aus. So kann es schon vorkommen, dass einzelne Darsteller morgens noch freundlichen Small-Talk führen und sich Nachmittags keines Blickes mehr würdigen. Abgerundet wird das Filmgeschehen durch skurrile Besucher, die schon zwei Staatsangehörigkeiten haben und sich nach dem deutschen Pass sehnen oder einfach mal für drei Jahre in Deutschland Unterschlupf suchen und das entsprechende Visum beantragen. Mancher Wunsch wird erfüllt, doch viele umgehend abgelehnt. Abwimmeln lässt sich aber nicht jeder – mancher versucht es mit Blumen und täglichen Anrufen im Konsulat – auch das gehört zum Film und sorgt für die Heiterkeit der Zuschauer.

In der Öffentlichkeitsarbeit muss ich mich allerdings mit Pass- und Visakunden nicht auseinander setzen. Vielmehr klingelt hier das Telefon und die E-Mail-Posteingang quillt täglich mit Anfragen über. Und die sind vielfältig: Deutsche, die nach Kanada auswandern wollen und nicht so recht wissen, wo sie mit der Arbeitssuche beginnen sollen; kanadische Schülerinnen, die ein Referat über Deutschland ausarbeiten müssen und darauf hoffen, dass jenes das deutsche Konsulat für sie erledigt; Kanadier, die Menschen in Deutschland suchen oder umgekehrt. Auch meine Arbeit ist vielseitig: Beispielsweise das Verfassen und Korrigieren von Pressemitteilungen, Kulturberichte für das Auswärtige Amt schreiben, Entwerfen von Werbematerial, Präsentationen, sowie die Organisation und Durchführung von deutschen Events.

Was aber dafür sorgt, dass ich das gesamte Filmgeschehen im Konsulat so gut mitbekomme, ist mein Arbeitsplatz. Ich teile mir ein großes Bürozimmer mit der liebenswertesten Kollegin, die wie ich in der Öffentlichkeitsarbeit tätig ist. In unserem Zimmer steht eine der begehrtesten menschlichen Errungenschaften, die wahrscheinlich vor allem erfunden wurde, um den von vielen Beamten als langatmig empfundenen Arbeitstag zu versüßen: Der PC mit Internetzugang. Er ist einer der wenigen Computer im Konsulat mit dieser wertvollen Funktion und daher ist in unserem Zimmer immer ein großes Kommen und Gehen. Natürlich surfen alle nur rein dienstlich im Internet. Aber es ist ja auch nett, dann ein bisschen mit den Kollegen zu plauschen, sich mit ihnen anzulegen oder auch gemeinsam zu lachen. So spiele ich meine Rolle als Praktikantin, die gerne etwas zu lustigen Gesprächen beiträgt, sich jedoch raushält, wenn sich Darsteller in die Haare bekommen. Dass ich im Konsulatsgeschehen einen Sonderstatus genieße, wird mir insbesondere daran deutlich, dass wirklich alle – auch diejenigen, die sich untereinander offen hassen – sehr nett zu mir sind. Das bekomme ich vor allem nach Feierabend zu spüren. Dann geht es erst richtig los mit dem Filmgeschäft: Fast jeden Abend bin ich auf einem Event in Toronto anzutreffen. Sowohl mein Chef, der PR-Repräsentant, als auch der Konsul sind ständig zu Veranstaltungen eingeladen oder bekommen Freikarten für Kulturveranstaltungen. Dahin nehmen sie mich dann mit oder überlassen mir den Auftritt allein. Es machte viel Spaß, mit dem Konsul bei der Eröffnungsfeier der Saison in der Toronter Konzerthalle, der „Roy Thomson Hall“, von dem üppigem Büffet zu essen und Wein zu trinken und vielen Toronter Menschen aus Politik und internationaler Kultur vom Konsul vorgestellt zu werden und anschließend ein einmaliges Konzert zu genießen. Ebenso außergewöhnlich war ein Baseball-Abend, bei dem die „Boston Red Sox“ gegen die „Toronto Blue Jays“ spielten. Gemeinsam mit drei Konsulatskollegen erwartete ich ein ganz normales, insgesamt doch recht langweiliges Baseballspiel, bei dem wir uns mit Cola und Hot Dogs zustopfen würden. Daraus wurde nichts, denn die Karten, die ich von meinem Chef geschenkt bekommen hatte, waren für die VIP-Lounge bestimmt: Hier tranken wir während des gesamten Baseballspiels Wein, Bier und Champagner und durften uns von einem opulenten Büffet mit allerlei Köstlichkeiten von Salaten und Obst über Fleisch-, Nudel- und Fischgerichten bis zu leckeren Desserts bedienen. Selten habe ich in meinem Leben so geschlemmt. Das Baseballspiel wurde dann allerdings nebensächlich. Immerhin weiß ich noch, dass die „Toronto Blue Jays“ gewannen – also ein gänzlich gelungener Abend.

Toronto ist auch aufgrund des einmal im Jahr stattfindenden weltweit größten „Internationalen Filmfestivals“ eine berühmte Filmstadt. Neben dreizehn Filmen, die ich im September während des Festivals angeschaut habe – den vielen Freikarten, die wir für das Konsulat bekamen, habe ich das zu verdanken – ist mir dieses Festival vor allem aufgrund einer Party in Erinnerung geblieben, die ich gemeinsam mit meiner Abteilung und Vertretern aus dem französischen und dem italienischen Konsulat organisiert habe. Da sich an jenem Abend im wahrsten Sinne des Wortes alles um den Film drehte, schnappte ich ein abgewandeltes Zitat von Alfred Hitchcock auf: „Ein Film ist das Leben, bei dem die unspannenden Stellen herausgeschnitten wurden.“ Von da an wusste ich, warum Toronto für mich ein Film ist: Mein Aufenthalt in dieser Stadt ist eines der spannendsten und interessantesten Teile meines Lebens. Und wie ein Film ist er zeitlich leider nur begrenzt. Aber: Ich freue mich schon jetzt auf meinen Fortsetzungsfilm Toronto, den es ganz bestimmt geben wird.

Imke Rubow

11. Mai 2007

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