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Gutbürger

Ich kann auch wütend. Was wurde mir als deutschem Bürger die letzten Jahre nicht alles vorgeworfen: Ich sei politikverdrossen, gar frustriert und ohnehin überhaupt nicht mehr interessiert. Vielleicht noch am Dschungelcamp und meinem persönlichen Wohlergehen. Aber doch bestimmt nicht mehr an der nächsten Wahl oder Deutschland selbst so im Großen und Ganzen. Dann habe ich mich aufgerafft, mich interessiert und protestiert. Ich habe meine Stimme erhoben, in Stuttgart und im Wendland. Und schon ist es wieder falsch. Plötzlich bin ich Wutbürger. Interessiere mich vielleicht für das Große und Ganze, aber im Negativen. Ich blockiere. Schließlich bin ich ja immer nur dagegen.

Ja also was denn nun? An dieser Stelle möchte ich einmal in aller Deutlichkeit festhalten: Ich bin nicht wütend! Auch nicht frustriert! Noch nicht, denn langsam fehlt nicht mehr viel. Was sind denn eigentlich meine bürgerlichen Rechte und Pflichten? Statt Wutbürger will ich doch eigentlich nur Gutbürger sein. Lange Zeit dachte ich, dass ich das wäre, ein Gutbürger. Ich verfolge die Nachrichten. Zugegeben nicht immer alles, aber den groben Überblick habe ich. Ich gehe wählen. Zwar lese ich mir nicht immer jedes Parteiprogramm durch, aber immerhin landet mein Kreuz immer abseits von NPD und DVU. Und wenn mir was wirklich am Herzen liegt, dann informiere ich mich ein bisschen mehr. Und dann gehe ich auch demonstrieren. Im Wahlbüro musste ich schon mal warten, bis die Kabine frei wurde. Und bei einer Demo war ich auch noch nicht alleine. Also muss es noch mehr Gutbürger geben. Oder solche, die es sein wollen.

Wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich in letzter Zeit zunehmend ein wenig beklommen, wenn ich auf Demos gehe. Oder mich öffentlich äußere. Ich will ja keinem Wutbürger in die Quere kommen. Wer weiß, welche Wucht der hat. Da fand ich die Wasserwerfer schon heftig genug. Wenn jetzt noch so ein Wutbürger daher kommt …

Aber wieso wird mir denn überhaupt unterstellt, dass ich wütend sei? Im Bundestag heben sie immer ihre Stimme am Rednerpult. Und innerparteiliche und koalitionsinterne Streitereien scheinen auch an der Tagesordnung zu sein. Ganz zu schweigen vom Oppositions-Gepolter. Also ist in der Politik laufend jemand wütend. Warum darf dann ich nicht? Soll ich nur still mein Kreuz machen? Da verstehe ich Gutbürger-Sein aber anders. Woher soll denn mein Abgeordneter wissen, was ich will, wenn ich nicht mal was sage? Und als mein Vertreter ist er doch bestimmt daran interessiert zu wissen, was ich so denke. Oder? Und wenn ich denke, dass er mich nicht hört oder schlimmer, nicht auf mich hört, dann werde ich eben deutlicher. Und dann verstehe ich das nicht als Dagegen-Sein, sondern als aktive Mitbestimmung. Und wenn mir trotz dieser ernsthaften Versuche des Gutbürger-Seins tatsächlich vorgeworfen wird, Wutbürger zu sein, dann soll es mir recht sein. Dann bin ich gerne wütend!

Von Michelle Mallwitz

30. April 2011

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