Gepriesen sei die Normalität – eine Kurzgeschichte
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Gepriesen sei die Normalität – eine Kurzgeschichte

Über Freundschaft und epische Normalität / ©Bild: Pixabay

Ich sitze auf dem Fußboden, in die letzte Ecke des Zimmers gequetscht, wo Leute, die plötzlich die Tür aufreißen, mich nicht sehen würden. Nicht, dass das jemand tun würde. Dafür interessiere ich wohl niemanden genug. Dafür verstelle ich mich in der feindlichen Außenwelt wohl zu gut – sie halten unangekündigte Wohlbefinden-Kontrollen nicht für notwendig. Doch die Welt hier drin ist noch viel feindlicher. Keine Welt kann feindlicher sein, als die eigene. Ich esse das vierte Zweierpack Twix. Eigentlich dachte ich, nach dem dritten wäre mir schlecht, aber sie scheinen irgendwelche Suchtstoffe reinzutun, Zucker.

Wer sich gesund ernährt, muss sich selbst gegenüber ein Mindestmaß an Wert besitzen.

Ich wische ein paar Tränen weg.

Eigentlich ist es ja gar nichts.

Eigentlich ist es ja gar nichts.

Wir lassen uns alle von Nichtigkeiten fertigmachen und runterziehen. Denn die Allesigkeiten lassen wir nicht so nah an uns heran. Sie würden uns unter Wasser mit einem Stein beschweren und wir würden nie mehr an die Oberfläche kommen.

Ich stehe auf. Gehe raus aus dem Zimmer und durchs Treppenhaus nach oben zu den anderen. Man muss ja nicht allein sein im Studentenwohnheim – gelobt sei es. Man ist seinen Eigenheiten nicht zwanglos ausgeliefert. Man kann immer zu den anderen trinken gehen und vergessen, wie fruchtlos das letzten Endes ist. Trinkt man, ist man normal, auch wenn man sich in seinem eigenen Leben alles andere als das fühlt. Ja, gelobt und gepriesen sei das Wohnheim – hier liegt Normalität auf der Hand und kann erreicht werden, einfach mitmachen, mitschwimmen.

Und fährt man am Wochenende nach Hause, vergisst man die Leute von hier schlicht, wie sollte man sich in der geteilten Normalität auch an Einzelne erinnern. Das ist okay, es erwartet niemand, man würde ihm schreiben. Man könnte auch von zu Hause aus nicht schreiben – wer kann dort schon normal sein, dort kennen einen Menschen. Dort liegt noch immer das eigentliche Leben, dort hat man sich nicht neu erfunden. Dort ist der Halt, die Sicherheit, das Vertrauen. Dort käme jemand herein, um unangekündigte Wohlbefinden-Kontrollen durchzuführen und würde einen auch in die letzte Nische des Zimmers gekauert entdecken. Von zu Hause kann man keine Verbindung zum Wohnheim aufrechterhalten. Von hier keine Verbindung nach Hause, sonst entstünden Kratzer in dieser unbeschädigten Normalität, selbst wenn sie vielleicht nie mehr als Einbildung war. Es sind zwei sich abstoßende, jede auf ihre Weise absurde Welten.

Oben sitzen die anderen am Küchentisch.

„Ah, da bist du endlich, wir dachten schon, du kommst nicht mehr!“

„Neeeiiin.“

Diese Normalität würde doch niemanden zerstören. Besen kippt zu viel Korn in meine Mische.

„Doch, das musst du jetzt trinken, weil du so spät gekommen bist.“

Sie feuern mich an. Ich lächle, nehme den aus dem geklauten Becher mit Bacardi-Print und trinke.

„Lara, Lara!“ Sie werden schneller. „Lara Lara!“ Ich schlucke, schlucke, schlucke. Der Apfelsaft ist zu süß. Mia-Laureen fängt an, auf den Tisch zu hauen, der Rest stimmt ein.

„Laralaralaralaralaraaaaah!“

Ich setze den Becher knallend auf dem Tisch ab, grinse. Sie schreien, grölen. Gerade, als sie leiser werden, stoße ich endlich den erwarteten Triumphschrei aus. Wir lachen Tränen.

Ohne Frage, das sind meine Freunde. Dazu sind Freunde doch da, dass sie nicht fragen, warum man zu spät gekommen ist, dass sie einen ablenken, bis es einem besser geht. Mir geht es besser!

Ich kannte mal eine, die wollte mit keinem befreundet sein, wenn sie nicht glauben konnte die Freundschaft wäre für immer. Während Besen mir die nächste Mische einschenkt, erzähle ich von ihr. Hahahaha, wie bescheuert. Als könnte man sein Leben planen. Als ginge es um mehr, als ein bisschen Lachen und ein bisschen mehr Alkohol, um nicht weinen zu müssen. Hahahaha, wie bescheuert. Wen interessiert schon das Morgen? Und wenn Lehramt-Alex dann nicht mehr mit uns trinkt und wenn wir uns alle nicht mehr wiedersehen, weil Besens Mitbewohner angekotzt ist und er uns die Schuld gibt – immerhin hat Rührei-Max schon wieder neben die Spüle gejörgt. Und wenn schon. Dann hatten wir heute wenigstens einen epischen Abend. (Oder eher:  episch-normal. Epischer als die Abende zu Hause mit unseren langjährigen Freunden dürfen die Abende hier nicht sein. Das hier darf nie offensichtlich unser besseres Leben sein. Dabei wissen wir doch; es hat einmal irgendwelche Gründe gegeben, warum wir weg von da sind. Das sind diese Allesigkeiten, von denen wir uns fremdstellen.)

Gelobt sei das Wohnheim, wo nur das Jetzt zählt und eigentlich auch das nicht wirklich wichtig genommen wird. Und klammheimlich interpretieren wir es dann über, in der hintersten Ecke unseres Zimmers, neben einer fast leeren Packung Twix.

Ich reiße meinen Becher hoch.

„Gepriesen und gelobt sei das Wohnheim!“

Alle grölen, wir machen eine spontane Laola-Welle, Mia-Laureen kloppt wieder auf den Tisch, wir trampeln synchron zur Laola-Welle mit den Füßen. Wir exen unsere Mischen. Als wir alles runtergeschluckt haben, stößt Marc einen einzelnen Juchzer aus und wir kriegen den nächsten Lachflash. Ja, gepriesen sei das Wohnheim.

Irgendwann später gehe ich wieder runter. Es ist dunkel im Flur. Als ich mir die Zähne putze, höre ich einen letzten Schrei – eindeutig Lehramt-Alex – dann ist es ruhig. Morgen wieder, ja, oder übermorgen, oder nächste Woche, oder an allen Tagen, oder gar nicht. Die Normalität ist uns alles wert, faktisch bedeutet sie gar nichts.

Hat Josie aus dem Tutorium eigentlich was mit Stoned? Muss ich unbedingt Nadja fragen.

Ich liege im Bett. Kurz denke ich an das Mädel, von dem ich den anderen erzählt habe, dass sie nur Freundschaften einging, wenn sie eine Chance hatten zu halten. Das Mädchen, das ich mal kannte. Das Mädchen, das war ich.

Ich drehe mich um und schlafe ein.

Morgen werde ich die Bilder von heute in unserer Gruppe nochmal sehen. Morgen ist heute, heute ist morgen. Fotos, die niemand von Zuhause gezeigt bekommt.

Wir träumen von dem Normalen im Unnormalen.

Aber das gibt es nicht wirklich.

Nichts davon gibt es wirklich.

Ich kaufe zwischen einer Vorlesung und einem Seminar Korn und Apfelsaft für den Abend.

Autorin: Pauline Hatscher

21. Mai 2017

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