Flüchten, in der Hoffnung zu überleben.
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Flüchten, in der Hoffnung zu überleben.

Im vergangenen Wintersemester haben verschiedene Studierende im Rahmen des Seminars „One Step at a Time – Integration und Flüchtlingspolitik in Deutschland“ Inhalte zu Integrationsmöglichkeiten und Willkommenskultur erarbeitet. Hierfür sprachen sie mit einigen Flüchtlingen und Migranten über ihre Erfahrungen sowie ihre Gründe, die Heimat zu verlassen. Hier lest ihr einen Auszug daraus.

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Wenn die eigene Heimat zum Schlachtfeld wird und Menschen wie Unmenschen behandelt werden, so gleicht dieser Ort einem dunklen Käfig, in dem die Freiheit nicht zu finden ist. Und die große Welt scheint einem kleiner und fremder zu werden.

Weltweit sind nun mehr als 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Die Gründe für ihre Flucht sind vielfältig. Ihre Schicksale, ihre Ängste und ihre Träume bleiben uns allerdings verwehrt, wenn wir nicht nach ihnen fragen.
Wie diese Menschen überlebten, wieso sie geflüchtet sind und welchen Lebensumständen sie ausgesetzt waren, berichten euch stellvertretend Gabriel, Sadik und Ibrahim aus Syrien sowie Ahmed aus Palästina.


Gabriel M. ( 23) aus Syrien:

,, Wie wandernde Schafe irrten wir durch die Gegend und suchten vergeblich nach unserer Heimat. Ich konnte sie aber nicht mehr finden.

Gabriel sitzt mit geschlossenen Händen vor uns. Wir klären ihm vor unserem Interview auf und berichten ihm von unseren Vorgehen. Während er die Fragen ruhig und sicher beantwortet, wendet sich sein Blick immer wieder dem Fenster. Hamburg sei für ihn sein neuer Wohnort, aber nicht seine Heimat. Mit seiner Heimat verbinde Gabriel die Nähe zu seiner geliebten Mutter und seinen Brüdern. In Qamischli hatte Gabriel alles, was er sich mit seiner Heimat erhoffte: Seine Familie und das Gefühl der Sicherheit. Zumindest vor dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs. Die Aufstände in Syrien verwandelten seine Heimat in ein ,,Schlachtfeld, auf dem die Toten wie Sand den Boden bedeckten“, sagt Gabriel.

Gabriel ist Assyrer/Aramäer und ist den syrischen Christen angehörig. Das uralt-christliche Volk lebte zuvor im damaligen Mesopotamien. Das historische Siedlungsgebiet dieser Volksgruppe umfasste große Gebiete der Türkei, Syriens und des Iraks entlang der zwei Flüsse, Euphrat und Tigris. Mit der aramäischen/assyrischen Kultur verbindet Gabriel besonders seinen Glauben.

,, Eine Kreuzkette konnte ich nicht mehr. Ich hatte einfach Angst auf offener Straße verschleppt und getötet zu werden.“, berichtet Gabriel.

Nachdem der Islamische Staat und weitere Terrormilizen große Gebiete an den Grenzen Syriens eroberten, verschärfte sich auch die Situation in Qamischli. Immer mehr schürte sich die Angst unter den syrischen Christen und auch die Anzahl der christlichen Toten stieg täglich. Unzählige Freunde und Familienangehörige hatte Gabriel bereits verloren. Die Terrormiliz IS hält seit langem alles in Atem.

Als Gabriel dann auch noch aufgefordert wurde dem syrischen Militär beizutreten, erwachten in ihm die Erinnerungen an seinen verstorbenen Vater. Vor einigen Jahren verunglückte sein Vater tödlich bei einem seiner Militäreinsätze. Gabriel fühlte sich gefangen in seinem zuvor geliebten Qamischli und sah nur noch eine Alternative: Er musste so schnell wie möglich fliehen. Fliehen vor seinem erbarmungslosen Tod.


Sadik (35) aus Syrien

„Mit Syrien verbinde ich Angst“ sagt der 35-jährige Sadik Habat während des Skype – Interviews. Dies war nur einer der prägnanten Aussagen, die nach dem Gespräch mit dem syrischen Flüchtling in Erinnerung geblieben sind. Er wirkt erschöpft und stark zugleich, während er uns einen Einblick in seine Lebensgeschichte gewährt.

Durch die Teilnahme und Organisation von Aufständen mit regierungswidrigen Inhalten, machte er die syrischen Regierung auf sich aufmerksam. Die schlechten Lebensbedingungen, all die gesellschaftlichen Probleme und vor allem die Unterdrückung der Individualität sind für Sadik das Ergebnis der Machthabe der syrischen Regierung.

Die klaren Auflehnungen gegen diese und seine politischen Äußerungen waren die Gründe dafür, dass ihm die Ausreise verboten wurde, als er ein Stipendium an einer französischen Universität erhielt. Zwar hatte er schon lange mit dem Fluchtgedanken gespielt, doch die verhinderte Ausreise war nun der letzte Anstoß sein Heimatland zu verlassen. Diese wurde letztendlich durch die Hilfe seines Bruders ermöglicht, welcher die Grenzpolizei bestach um Sadiks Identität aus dem System der Regierung zu löschen.

Heute arbeitet Sadik als Lehrer und als freiwilliger Helfer im Flüchtlingscamp le Jungle in Callais und erinnert sich traurig an seine Zeit in Damaskus zurück. Nachdem sein Bruder zwei Jahre später ebenfalls nach Frankreich zog, ist der Besuch am elterlichen Grab der einzige Grund für Sadik nach Syrien zurückzukehren. Anstelle eines Heimatgefühles, verbindet er Angst und Hass mit dem Land Syrien, dessen Zukunft er als „schwierig“ einschätzt. So betont er, dass „Der Grund der Flucht nicht kompliziert war: Es ist die Angst.“


Ibrahim (23) aus Syrien 

Als Ibrahim von Syrien nach Deutschland geflohen ist, hat er einen lebensbedrohlichen Weg von über 4.000  Kilometern bewältigt. Von der Sehnsucht nach einem sicheren Leben getrieben, überquerte er mittels eines überfüllten Schlauchboots das Mittelmeer. Seine erste Station in Europa war Griechenland. Von da aus flüchtete er zu Fuß über den Balkan nach Österreich bis nach Deutschland. Ibrahim ist kurdischer Abstammung und Anhänger des yezidischen Glaubens. Aus seiner Heimat Kobane, eine Stadt an der syrisch-türkischen Grenze, musste er fliehen, da der islamische Staat das Land terrorisierte. Yeziden werden von den radikalen Islamisten als Ungläubige angesehen. Die Terroristen gaben den Yeziden 72 Stunden Zeit zum Islam zu konvertieren. Männer, die sich jedoch dagegen wehrten und bei ihrem Glauben bleiben wollten, wurden enthauptet. Frauen und Kinder wurden versklavt. Aus Angst vor diesen Gräueltaten der Terrororganisation, floh er mit seinen jüngeren Geschwistern aus Kobane.


Ahmed (24) aus Palästina

„Ich bin ein in den Vereinigten Arabischen Emiraten geborener palästinensischer Flüchtling, registriert auf die Vereinten Nationen mit ägyptischen Dokumenten. Ich habe kein Land in dem ich leben darf.“

Als Ahmed 18 wurde, bedeutete das für ihn nicht die große Freiheit, wie es in Deutschland der Fall ist. Er feierte nicht groß mit seinen Freunden und freute sich nicht auf das Leben als ‚Erwachsener‘, denn mit seinem 18. Geburtstag begann das Leben am Rande der Illegalität.

Ahmeds Großeltern flohen 1948 von Jaffa nach Gaza und dann nach Ägypten. Sein Vater wurde als palästinensischer Flüchtling geboren und wuchs unter dem Mandat der Vereinten Nationen auf der Sinai Halbinsel auf, später nahm er einen Job in den Vereinigten Arabischen Emiraten an, heiratete und gründete eine Familie. Schon bei Ahmeds Geburt stand fest, dass er dieses Land niemals offiziell seine Heimat nennen darf. Er hat die Heimatlosigkeit von seinem Vater geerbt.

Jahrelang sah Ahmed, wie die Anträge seines Vaters auf Staatsangehörigkeit in den V.A.E. abgelehnt wurden, er sah, dass sein Vater sich fürchtete vor der Zeit, die kommen wird, wenn sein Arbeitsvisum nicht verlängert wird. Das Bleiberecht in Ägypten hat er damals mit dem Umzug in die V.A.E. verloren. Verliert er seine Arbeit, wird auch er illegal in diesem Land leben.

In der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ von 1948 heißt es: „Jeder Mensch hat Anspruch auf eine Staatsangehörigkeit.“ Dieses Recht will auch Ahmed in Anspruch nehmen. Da er seine eigentliche Heimat Palästina nicht betreten darf, flieht er Ende 2014 nach Deutschland.

„Ich renne vor nichts davon, ich suche nur nach einer Heimat, einem Ort, an dem ich den Rest meines Lebens bleiben kann.“

Ein Gastbeitrag von: Massi Omar, Mehmet Strauss, Johanna Saupper,
Monja Seehorst, Sandy Tekin und Leonie Willbränder

2. Mai 2016

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