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Englisch

Eine Arbeit auf Wanderschaft. Niemand hat das Fach Englisch gern in diesem Kurs. Zähe Noten tropfen auf die Tische. Jede Sitzung kommt daher wie ein Lückentext. Warum um alles in der Welt kann nicht grundsätzlich Deutsch gesprochen werden? Die faule Meute kaut auf Bleistiften herum. Gott sei Dank ist das Halbjahr bald vorbei. Dann wird plötzlich die Lehrkraft krank. Unverhohlene Freude breitet sich aus. Das gibt ein unbezahlbares Plus an Freistunden. Kippen in der Raucherecke warten. „Shoppen gehen“, zwitschern die Tussen.

Sie freuen sich zu früh. Ein Zettel liegt auf dem Pult. Kaufen Sie sich Brave New World! Befolgen Sie die Arbeitsanweisungen! Warum ein Buch über eine Welt lesen, in der niemand leben will? Natürlich sind wir uns sicher! Eine Einzige schreibt freiwil- lig selbst. Sie wird Frau Professorin genannt. Ein scheeler Blick: Sie hat tatsächlich schon die erste Aufgabe gelöst! Es muss doch eine Gesellschaft geben, in der jeder nur noch tut, was er wirklich mag. Menschen wie Frau Professorin schreiben dann Arbeiten. Andere schreiben sie ab. Frau Professorin würde damit Geld verdienen. Kaugummikauerin lüde sie zu ihren Parties ein und kann auch Professorin werden. Die Mitschülerin fasst sich ein Herz. „Hilf mir, Prof! Ich kriege Panik vor dem Abgabetag. Darf ich deine Arbeit haben?“ Frau Professorin ist nett.

Eine Hand schnappt schneller danach, als sie verneinen kann. „Ich bekomme das Heft morgen wieder!“ Das langgezogene „Jaaaa“ spricht Bände. Über Nacht ergreift Frau Professorin das Intellektuellenfieber. Misstrauen breitet sich in ihrem Magen aus. Diesem Kurs ist alles zuzutrauen. Nervöses Zittern lässt sie zum Telefon greifen. Kaugummikauerin lässt sich Zeit, um ans Telefon zu gehen. Sie kifft ja auch einfach zu viel. Als sie abhebt, hört sich ihre Stimme zäh an. „Die Englischarbeit? Ich habe sie auf deinen Platz gelegt. Dann war sie weg.“ „Welche unverschämte Person krallt sich ungefragt meine Essays?“ „Sorry. Du kennst doch Schönling, der immer zu spät kommt, weil er sich die Haare macht. Er wars.“ Dass sie sich auf Englisch entschuldigen kann, muss Zufall sein. „Ich arbeite – ihr feiert? Meint ihr, ich zaubere? Ich will seine Telefonnummer!“ „Du kannst doch nicht einfach die Nummer von diesem Kerl haben!“ Professorin ist gekränkt. Sie ist eine graue Maus. Schönling ist dumm wie Brot. „Ich will meine Arbeit zurück!“

Ein zweiter Anruf brennt die Netze heiß. Schönling ist ratlos wie immer. Eine Wanderung über Flure und Tische wird hörbar. Hände haben die Arbeit gekreuzt und begehrliche Blicke. „Die hatte Ruth. Am Ende war sie bei Peter.“ „Peter?“ „Du hast recht. Friedrich.“ Der Hörer platzt. Noch nie hat ein Werk solche Wegstrecken zurückgelegt. Eine achte Hand outet sich. Sätze gleichen sich im Dutzend. Sie springen aus neuen Schalen mit altem Kern. Mit großen Eselsohren kehrt das Werk zu einer erschöpften Urheberin zurück. Sie weiß nicht, von woher. Jetzt fehlt nur noch die Lehrerin. Die Lehrkraft windet sich. Vor ihr liegt ein Berg Hefte, Mappen und loser Zettel. „Dieses Wesen entstand durch Zellteilung.“

„Das war Arbeit!“ Kaugummikauerin darf das. „Was ist deine Meinung? Was ist deine Leistung?“ Kaugummikauerin hält inne. Die Englischlehrerin wirft stumme Blicke zu Frau Profes- sorin hinüber. Sie weiß es.

Ein gebannter Kurs wartet auf Lob für einen Schatz aus fremder Feder. Doch das Lob bleibt aus. Alle schweigen betroffen. Der Tag, an dem Aufgaben ehrlich gelöst werden, kommt nicht. Vielleicht kommt der Tag, an dem Menschen eine Meinung haben. Ein Windstoß hebt den Zettelhaufen. Dann lernt er fliegen.

Heike Hoja (Ex-Klassenprima)

12. Oktober 2011

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